Buchrezensionen

Zweimal Anton Corbijn: Selbstportrait. Im Gespräch mit Marie-Noël Rio und The Living and the Dead, beide Schirmer/Mosel Verlag 2018

Dass er mehr ist als nur ein Starfotograf, das braucht der Niederländer nicht mehr zu beweisen. Nun aber meldet er sich mit einem kleinen Büchlein selbst zu Wort, und gleichzeitig gibt es den Katalog zu seiner neuen Ausstellung in Hamburg zu bewundern. Stefanie Handke hat beides gelesen.

Was einem sofort auffällt, das ist die Bescheidenheit, die dem Leser im kleinen Buch »Selbstportrait« begegnet. Anton Corbijn ist kein Mensch der großen Worte, wenn man dort hineinliest, aber auch keiner, der sich keine Gedanken über seine Umwelt macht – oder seinen Werdegang selbstverständlich nimmt. Wenn man seinen Worten so folgt, dann entsteht der Eindruck, dass sein Erfolg ganz zufällig passiert ist. Die Stars, die er begleitet hat, waren oftmals noch gar nicht bekannt, als er sie abbildete und erst später erhielten seine Fotos ihre große Bedeutung. Corbijn selbst führt das anhand einer Fotografie der Band Joy Division aus: Während seiner ersten Jahre in England begleitete er seine damalige Lieblingsband und fotografierte sie. In einer U-Bahn-Station entstand dann dieses wunderbare Bild, mit den drei Instrumentalisten der Band wie sie mit dem Rücken zum Betrachter stehen, während Ian Curtis in die Kamera schaut. Um den Meister selbst zu Wort kommen zu lassen: »Niemand mochte dieses Photo, bis sich Ian Curtis einige Zeit später das Leben nahm, da wollten es alle Magazine veröffentlichen.«

Zugleich ist das Bild für Corbijn im Grunde typisch: Er selbst sagt von sich, dass Menschen, vor allem scheinbar Musiker, ihn anziehen, die ihre Leidenschaft derart intensiv ausleben, dass diese sie schlussendlich zerstört. Das Bandbild von Joy Division ist in seiner Intensität wohl einer der besten Beweise, ebenso wie der Film »Control«, mit dem der Niederländer sein Debüt als Filmregisseur gab. Auch dieser steht für die Arbeit des Zufalls, der sich, so man Corbijn Glauben schenken kann, gerne mal positiv Bahn bricht, denn der Erfolg gab dem Regisseur Recht und so folgten weitere Regiearbeiten wie mit »The American« oder »A Most Wanted Man«.

Und übrigens: Begabt scheint Anton Corbijn auch nicht zu sein, zumindest behauptet er das, wenn er schreibt, dass seine Liebe zur Musik als Teenager ihn dazu motivierte die Bands, deren Auftritte er besuchte, zu fotografieren – weil er so näher an der Bühne sein konnte. Zudem scheint ihm die Arbeit eine gute Gelegenheit Menschen zu begegnen und vielleicht ist es das, was seine Fotografien auch so faszinierend macht: Corbijn gelingt es Menschen zu begegnen und sie in einer Mischung aus Selbstdarstellung und tiefergehendem Blick von außen zu porträtieren.

Besonders der Blick in den Ausstellungskatalog »The Living and the Dead« beweist das: Dort begegnet einem beispielsweise eine Sinéad O‘Connor, die aus dem Schutz ihrer Kapuze heraus ein wenig verschüchtert in die Kamera blickt. Das ikonische Bild Henry Rollins' braucht wohl niemandem mehr vorgestellt zu werden, ebensowenig wie der gedankenverlorene Nick Cave. Diese Bilder finden sich freilich alle in dem Katalog. Sie sind die, für die der Niederländer bekannt geworden ist, in der Regel Auftragsarbeiten für Magazine und Zeitschriften. Interessanter dürften aber dennoch die eher unbekannten und freien Bildserien sein. »33 Still Lives« (1997-99) etwa stellte eine Premiere dar, da Corbijn hier erstmals nicht intuitiv, sondern konzeptuell arbeitete, indem er versuchte Papparrazo-Shots nachzustellen. Die Stars scheinen das bereitwillig mitgemacht zu haben, wenn man sie hier so betrachtet, wie sie sich in Posen geben, die nicht auf die Anwesenheit eines Fotografen schließen lassen.

Die spannendsten Bilder werden aber wohl die ohne Stars sein. Für die Serie »a. Somebody« (2001/02) lichtete sich Anton Corbijn, der Irgendwer, selbst ab, jeweils im Stil eines bestimmten, verstorbenen Stars. So zeigt er sich einmal als Pseudo-John Lennon, einmal als kürzlich verstorbener Joey Ramone, dann wieder im Stil Ian Curtis' oder Frank Zappas. Damit gelingt es ihm eine grundlegende Frage zu thematisieren: Was macht einen Star aus? Sein Kleidungsstil, seine Musik? Freilich seine Persönlichkeit, aber diese bettet sich nun einmal auch in eine Mischung aus Selbstinszenierung, als Coolness und Promotion ein. Der Fotograf wird auf diese Weise zum Teil des Images. Zugleich aber ist auch eine Menge kindlicher Spaß an der Verkleidungsserie: Geschossen hat Corbijn die Bilder im Dorf seiner Kindheit, Strijen, er macht mit seiner Verkleidungsorgie hier etwas, das wohl jedem Kind Spaß macht, und thematisiert seine Leidenschaft, die Musik. Bei aller Ernsthaftigkeit: schlichte Freude ist auch dabei!

Das Besondere am Katalog ist eine bisher ganz und gar unveröffentlichte Bildgruppe, die im krassen Kontrast zu all den Rockstars steht: »Cemeteries« entstand bereits Anfang der 1980er Jahre und zeigt Grabmonumente auf katholischen Friedhöfen. Man hat sie nicht etwa in einem eigenen Block zusammengefasst, sondern sie finden sich immer wieder zwischen all den Stars. Der Stil freilich ist eindeutig der Corbijns mit den grobkörnigen Aufnahmen und den dunklen Farben, aber sie sind doch eine kleine Kuriosität im Werk Corbijns. Zugleich verweisen sie – ob das gewollt ist oder nicht, sei dahingestellt – auf die Vergänglichkeit des Ruhms. Auf diese Weise bieten beide Bücher ein schönes Erlebnis, um einen Abend lang in der laut eigener Aussage »protestantischen« Bildsprache Anton Corbijns zu schwelgen.