Ausstellungsbesprechungen

Zwischen Madonna und Mutter Courage. Zur Darstellung der Mutter in der Kunst von 1905 bis 1935, Edwin Scharff Museum, Neu-Ulm, bis 13. Januar 2013

Die Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Kind ist ein Thema, dass Künstler aus aller Welt seit Jahrhunderten immer wieder aufgreifen. Dabei reichen die Darstellungen von pathetischen Madonnenbildern bis hin zu nüchternen Betrachtungen zum Leben der Frau. Auch Günter Baumann ist dieser Zwiespalt beim Besuch der Wanderausstellung »Zwischen Madonna und Mutter Courage« in Neu-Ulm aufgefallen.

Die Kulturgeschichte der Mütter dürfte zu den ältesten der Menschheit gehören. Dabei ist in Vergessenheit geraten, dass es matriarchalische Gesellschaften gab, in denen die Frau und damit notgedrungen bzw. naturgemäß die Mutter die Hosen anhatte, sowie Mythen, in denen Frauen und Mütter Schicksal spielten. Geblieben ist in den mehr und mehr männerdominierten Kulturen der Sonderstatus der Mütter. Dass man allein für die Zeitspanne zwischen 1905 und 1935 eine dichte Ausstellung zu inszenieren vermag, die man nicht so einfach ad acta legen kann, spricht für die Fülle an Emotionen, an Tiefgang, welche man mit dem Thema verbindet. Freilich, der Zeitraum ist gut gewählt: in den drei Jahrzehnten gingen drei sozialpolitische Systeme zumindest durch Deutschland – Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus –, was im Konzept vor lauter Motiv-Fokussierung in den Hintergrund tritt. Das ist insofern schade, weil der Kontrast vom kritischen wie verinnerlichten Bild von der Mutter zum Mutterkult der Nazis weitgehend ausgeblendet bleibt. So hätte man die Schau, die vor einem Jahr im August Macke Haus in Bonn zuerst gezeigt worden war (das Portal Kunstgeschichte warf auch ein Auge drauf), sogar noch praller füllen können. Dennoch ist die Ausstellung im Neu-Ulmer Edwin Scharff Museum unbedingt empfehlenswert. Das spektakulär Reizende am Thema ist nicht nur der Blickwinkel »zwischen« Madonna und Mutter Courage – den symbolschweren Markierungsbegriffen –, sondern das immer wieder aufscheinende Verhältnis des Sowohl-als-auch.

Dass unter den 50 Künstlern, von denen rund 80 Arbeiten präsentiert werden, die Frauen das Feld anführen, liegt auf der Hand: Paula Modersohn-Becker und Käthe Kollwitz haben das maßgebende Bild der Mutter geschaffen, bodenständig-realistisch die eine, anklagend die andere. Die Radierung »Frau mit totem Kind« von Kollwitz ist an Drastik kaum zu überbieten, ebenso wenig das »Mütter«-Blatt aus der Holzschnittfolge »Der Krieg«. Darüber hinaus überzeugt von weiblicher Hand ein feinsinnig-melancholisches Mutter-Kind-Motiv, das Marta Worringer – Frau des berühmten Kunsthistorikers Wilhelm Worringer – schuf; das nahezu quadratische Format des Gemäldes strahlt eine enorme Ruhe aus in der Gleichgesichtigkeit der schlafenden Protagonisten, trotz der Spannung in einer surreal oder im Traum übersteigerten Haltung. In ihren Federzeichnungen erweist sich Worringer als eine von Käthe Kollwitz inspirierte Künstlerin. Im Brücke-Stil schuf die Corinth-Schülerin Dorothea Maetzel-Johannsen ihr Werk, das dem kantigen Expressionismus etwas die Härte nahm – aber heute zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Größere Beachtung fanden in den letzten Jahren Lea Grundig, Hannah Höch, die »Simplicissimus«-Zeichnerin Jeanne Mammen und in jüngster Zeit die grandiose Hanna Nagel, die mit kritischen Tönen das traditionelle Mutterbild untergruben. Von einer faszinierenden Eindringlichkeit ist Gerta Overbecks distanziert-nahe changierende Gouache »Mutter und Kind vor dem Frisörladen« – die eine ganz eigenständige Position innerhalb der Neuen Sachlichkeit verrät.

Bekamen die Frauen das wirkliche Leben als Mutter hautnah mit, was ihnen eine natürliche Barriere vor dem Abdriften in Klischees bereitete, waren die Männer nicht frei davon. Carlo Menses »Madonna mit Kind« grenzt schon an Kitsch, etwas hilflos wirkt das Thema bei Franz Wilhelm Seiwert, der sonst stilsicherer arbeitet. Auch Georg Schrimpfs »Mittagsrast« gehört nicht zu seinen besten Arbeiten, zumal wenn man sein Bild mit dem Gemälde von Marta Worringer vergleicht. Freilich geht den Künstlern das Motiv nicht generell schwerer von der Hand. Christian Rohlfs reiht seine ergreifende Mutter-Kind-Arbeit von 1928 in sein Oeuvre ein, Ernst Barlach steht auch mit diesem Thema fast auf Augenhöhe von Käthe Kollwitz, und Hans Thuar, dessen »Madonna mit Pflaume« etwas indifferent erscheint, schuf mit seinem Holzschnitt »Mutter und Kind« eine sensationell energiegeladene Welt, die in dem innigen Blick zwischen Mutter und Kind für einen Moment zur Ruhe kommt.

Dass man das Madonna-Image auch anders lösen kann als Mense, zeigt Paul Adolf Seehaus mit einem orphistisch leuchtenden Kubismus. Auch Edwin Scharff darf in Neu-Ulm nicht fehlen, der empfindsam dem Mütterlichen in der Frau nachspürt. Von absoluter Schönheit erfüllt ist – kaum verwunderlich – das fragmentarisch auf das Wesentliche reduzierte Motiv bei Wilhelm Lehmbruck, der mit einem Steinguss präsent ist. Fast antipodisch passt dazu die nur wenig später entstandene »Frau mit Säugling« von Gerhard Marcks, die das Kreatürliche der nährenden Mutter betont. Ein Gegensatzpaar könnten auch Heinrich Campendonks überraschend aufgewühltes »Familienbild« und das gewohnt ätzende »Niederkunft«-Blatt aus »Ecce homo« von George Grosz bilden – bei letzterem wird die Frau freilich zur Hure herabgewürdigt. Von August Macke fehlen zwar wichtige Beiträge zum Thema, doch zeigt er sich hier auch als einer der wenigen Künstler, die es weiter fassen, indem sie die Mutter-Kind-Bindung lockern. Im »Gartenbild« tritt das Kind – unter den Augen der Mutter – allein auf die Welt zu. Auch die Lithografie »Die Nacht« von Max Beckmann weist andere Wege, auf denen die Mutter-Kind-Beziehung einer gänzlich verschlüsselten Symbolik untergeordnet ist, fern vom Madonnen-Image und fern vom Instinkthaft-Mütterlichen – das dargestellte Kind im Arm der klagend dreinschauenden Mutter trägt erwachsene Züge.