Kunst & Wissenschaft

Kunst und Wissenschaft vereint im Bild: Rembrandt, Die Anatomie des Dr. Tulp, 1632 © Mauritshuis, Den Haag (li); Leonardo da Vinci, Detail einer anatomischen Skizze zu Schulter- und Armmuskeln, ca. 1510 © Royal Collection London (mi); Illustrationen aus Meyers Konversationslexikon, 1907 (re)
Kunst und Wissenschaft vereint im Bild: Rembrandt, Die Anatomie des Dr. Tulp, 1632 © Mauritshuis, Den Haag (li); Leonardo da Vinci, Detail einer anatomischen Skizze zu Schulter- und Armmuskeln, ca. 1510 © Royal Collection London (mi); Illustrationen aus Meyers Konversationslexikon, 1907 (re)

Kunst und Wissenschaft – ein seltsames Paar?

Eigentlich nicht. Es ist wie mit der Schule von Athen. Im Zentrum der Raffaelschen Komposition, die 1508 bis 1511 entstand, steht der Disput zwischen dem gen Himmel weisenden Platon, der ein als »Timaios« gekennzeichnetes Buch im Arm hält, und dem seine rechte Hand gen Boden streckenden Aristoteles, dem als Attribut die »Ethica« zugeordnet ist. Wem kommt mehr Bedeutung zu: den Ideen oder den Realien?

Leonardo da Vinci

Er war Maler, Bildhauer, Architekt, Musiker, Mechaniker, Ingenieur, Philosoph und Naturwissenschaftler: Leonardo da Vinci (1452-1519). Das Universalgenie ist berühmt für die Mona Lisa, seine anatomischen Zeichnungen und seine Proportionsstudie »Der vitruvianische Mensch«. Neben der Kunst trugen die diversen Erfindungen zu seinem Ruhm bei, darunter ein Fallschirm, ein Taucheranzug und ein Panzer. Mit vielen dieser Tüfteleien war Leonardo seiner Zeit weit voraus.

Diese Diskussion lässt sich auch auf die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Wissenschaft übertragen. Seit der Romantik gibt es den Versuch, die Kunst als Konkurrentin und große Gegenspielerin der Wissenschaft zu etablieren. Aber ist sie das wirklich? Die kreativen Prozesse in den Künsten und Wissenschaften ähneln einander. In beiden Disziplinen wird beobachtet, studiert und experimentiert. Doch steht als Ergebnis auf der einen Seite das Werk, auf der anderen die These. Grundsätzlich unterscheidet sich auch der Weg zum Ziel. Die Wissenschaft ist geprägt von Vernunft und Ordnung, die Kunst von Einbildungskraft und Sinnlichkeit.

Schon die Romantiker hegten die Sehnsucht, dass man die rationale Erklärung der Welt doch um eine ästhetische Emotionalität ergänzen könnte. Die Kunst als Krone der Wissenschaft sozusagen. Am fruchtbarsten sind die Disziplinen jedoch, wenn sie sich wechselseitig beobachten und durchdringen. Denn letztlich muss man erkennen, dass es die Differenz von Wahrheit und Geschmack, von Vernunft und Sinnlichkeit, von Einbildungskraft und Empirie, von Rationalität und Emotionalität ist, die das Zwiegespräch von Kunst und Wissenschaft erst zu der spannenden, produktiven und immer wieder auch irritierenden Angelegenheit macht, die sie ist. Auch bei Raffael wölbt sich ein kassettiertes Tonnengewölbe, getragen von Doppelpilastern machtvoll über die unterschiedlich agierenden Gruppen und bindet sie formal zusammen. Verschiedene Blickwinkel müssen also nichts Verwerfliches sein. Ganz im Gegenteil: Sie können Forscher wie Künstler weiterbringen und ein komplexeres Erkenntnismodell der Welt liefern.

Einen gemeinsamen Grundstein gibt es auch schon: das Bild. In den Wissenschaften wie Künsten ist es das Darstellungs-, Visualisierungs- und Erkenntnismedium schlechthin. Welche anderen Verfahren Künstler nutzen, um ihre Erkenntnisse aus der Beschäftigung mit Mikrobiologie, Klimaforschung, Medizin u.a.m. zu präsentieren, zeigen wir Ihnen hier auf der Themenseite.


Rezensionen



Ursula Harter: Aquaria in Kunst, Literatur und Wissenschaft, Kehrer 2014

Nemo hat längst heimgefunden, doch Aquarien boomen immer noch: In Restaurants, Banken, Einkaufspalästen, aber auch im Wohnzimmer sind sie echte Hingucker und laden zum Träumen ein. Zauberische Wesen bewegen sich schwerelos in einer blau-grünlichen Wunderwelt, niedliche Guppies flitzen durchs Wasser, vorzeitlich anmutende Tiefseemonster befeuern unsere Fantasie, aber auch naturwissenschaftliche Neugier. Ursula Harter hat diese enge Verbindung zwischen Kunst und Wissenschaft untersucht. Stefanie Handke ist ihren Gedanken gefolgt.

Aquaria © Cover Kehrer
Aquaria © Cover Kehrer

Sabine Flach/Sigrid Weigel (Hg.): Wissenskünste. Das Wissen der Künste und die Kunst des Wissens / The knowledge of the arts and the art of knowledge, VDG Weimar 2011

Einst begann die Kooperation von Wissenschaften und Künsten mit der Kunst- und Wunderkammer, dem theatrum naturae et artis im Sammeln, Anschauen und Visualisieren. Was daraus geworden ist, kann man in »Wissenskünste« nachlesen. Der Sammelband bündelt unterschiedliche Ansichten von Wissenschaftlern und Künstlern zu gemeinsamen Themen, Fragen, Obsessionen und Besorgnissen. Rowena Fuß hat reingelesen.

Wissenskünste © Cover VDG Weimar
Wissenskünste © Cover VDG Weimar

Klein, kleiner, Mikrofotografie

Mikrofotografien bewegen sich in einem Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Kunst. Ursprünglich in einem Laborkontext verortet, wurde die in den Aufnahmen präsente natürliche Ästhetik jedoch schnell von Künstlern für eigene Schöpfungen entdeckt. Mit seinem epochalen Werk »Kunstformen der Natur«, welches in mehreren Teilen 1899-1904 veröffentlicht wurde, leistete der Arzt und Zoologe Ernst Haeckel dem Vorschub.

Schon der Bakteriologe Robert Koch (1843-1910), obwohl selbst ein sehr guter Naturzeichner, war Anhänger der Fotografie als Mittel der wissenschaftlichen Dokumentation. Er war der Erste, der Aufnahmen von Bakterien in seinem Aufsatz »Verfahren zur Untersuchung, zum Conservieren und Photographieren der Bacterien« (1877) publizierte.

Raspelwerkzeuge einer Napfschnecke, Kristalle oder Mikroben – um das sprichwörtlich Unsichtbare sichtbar zu machen und zu fotografien, sind spezielle Mikroskope notwendig. Tatsächlich wären diese Aufnahmen ohne die technische Entwicklung im Bereich der Optik kaum möglich gewesen. Mit der Elektronenmikroskopie sind heute sogar Einblicke in den atomaren Bereich unter 200 Nanometern möglich. Pioniere dieser Fotokunst wie Carl Strüwe (1898-1988) oder Manfred Kage (*1935) erschließen dem Betrachter so einen ganz eigenen Kosmos.

Letztendlich ist es nicht die wissenschaftliche Aussagekraft, die für die Künstler Bedeutung hat, sondern das Vermögen des Bildes, dem Betrachter einen sinnlichen Eindruck von den komplexen winzigen Formen voller natürlicher Schönheit zu vermitteln, aus denen sich die Bewohner dieses Universums zusammensetzen. Mehr dazu

Ernst Haeckel

Bis heute bieten seine um 1900 veröffentlichten »Kunstformen der Natur« Kreativen eine unerschöpfliche Inspirationsquelle. In minutiös gezeichneten und lithografierten Farbtafeln stellt der Arzt und Zoologe Ernst Haeckel (1834-1919) darin verschiedenste Organismen vor. Schon Jahrzehnte früher hatte er mit seinem »Atlas der Radiolarien« ein Zeugnis seiner Faszination für die Schönheit der Natur abgelegt. Er war das Ergebnis zwölf Jahre andauernder Forschungen und rückte ihn in den Kreis der führenden Naturforscher seiner Zeit.