Ausstellungsbesprechungen

11. Triennale Kleinplastik Fellbach, Alte Kelter, Fellbach, bis 11. Oktober 2010

Auf der Zielgeraden der 11. Triennale der Kleinplastik wurden die Preisträger der Juroren und der Besucher öffentlich gekürt. Als Tipp zum Wochenende stellt Günter Baumann Ihnen die Prämierten, die Ausstellung und die Kunstform der Kleinplastik vor.

Den Jurypreis erhielt Friederike Klotz mit ihrer zweiteiligen Arbeit »Nationalhymnen« von 2010, die zu ihrer Serie der Membranstädte gehört: Akustisch begleitet von einem schwingungsintensiven Trommelwirbel marschieren Hunderte Mini-Modelleisenbahnfigürchen über die Membran um eine modern-schicke No-name-Bürohausarchitektur herum – zum kakophonisch überschnittenen Nationalhymnen-Contest, der mit Bravour Fragen über das Individuum und das Kollektiv, über freie Bewegungsfreiheit und Fremdbestimmung aufwirft. So entstand ein sehr vieldeutiges Werk, das komplexe Systeme im urbanen und im persönlichen Sinne problematisiert. Die prämierten Publikumslieblinge fielen – wie fast jedes Mal – weniger vielschichtig aus, dafür zeugen sie von besonderer Originalität: einmal eine dreieinhalbmeterbreite Keramikschale aus durcheinanderwuselnden Menschenleibern, die Rachel Kneebone gestaltete, und einem Totentanzreigen von Christian Boltanski aus kupfernen Figurinchen, die über eine Lichtquelle vergrößerte Schatten an die Wand der verdunkelten Seitenräume werfen (wer zu den Festspielen in Salzburg war, konnte Boltanskis schauerliches Schattenspiel auch in der Krypta des Doms bewundern). Zufall oder auch nicht: Beide Werke zeigen den Menschen zwar en miniature, doch das Ensemble – sei es im poolgroßen Strudel der Verdammnis oder in der Rauminszenierung – übersteigt das Maß der Kleinplastik. Was in den Kern der Ausstellung bzw. der Triennale der Kleinplastik überhaupt führt, wenn wir uns die Frage stellen: Wie groß darf Kleinplastik sein? Hatte sich die 10. Triennale noch um diese Frage herausgemogelt, indem sie die Unterscheidung zwischen Klein- und Großplastik schlicht aussparte, öffnet sich die diesjährige Schau ganz explizit dieser Diskussion. Zunächst sei aber auch der Ludwig Gies-Preis erwähnt, der bereits im Vorfeld der Ausstellung zuerkannt wurde: Er fiel an Mariele Neudecker und Guy Bar-Amotz, die mit Modellbaukästen und diversen Kunststoffuniversen brillieren.

Vor 30 Jahren hat man noch über die Kleinplastik als eben mal kleine Plastik gelächelt, und gerade die Triennale der Kleinplastik hat so manchen Schlingerkurs hinter sich, der den Dreijahres-Turnus einige Male fast aus der Bahn warf. Heute steht die Schau der kleinen Künste – die längst das rein skulpturale Terrain verlassen hat – gut da. Freilich, man wünscht ihr mehr Besucher, die sich durch den Stuttgarter Vorort bis zur abgelegenen Kelter mühen - doch diejenigen, die es schaffen, werden belohnt durch eine grandiose Raumkulisse und speziell in diesem Jahr durch eine großartige Vorstellung: Kleinplastik at its best! Das Kulturamt der Stadt, das mitverantwortlich zeichnet für die Triennale, kann stolz das Ereignis selbst in einer eigenen Homepage ins Netz stellen (www.triennale.de) – wo es doch an Triennalen aller Art nur so wimmeln dürfte; mit Ulrike Groos, die auch seit kurzem das Kunstmuseum Stuttgart leitet, hat die Schau eine glänzende Kuratorin gefunden, die ein überzeugendes Konzept umsetzen konnte: Die Fülle der gegenwärtigen Positionen ist ohnehin nur im kleinen Format vorstellbar, und es mag schon hilfreich sein, dass zum einen die Öffentlichkeit sehr wohl den Reiz der Kleinplastik spürt, was man an Ausstellungen etwa von Bozzetti sehen kann (Sowohl für die Skizze in der Malerei als auch für den plastischen Entwurf gilt, dass das eine oder andere Objekt zum eigenständigen Kunstwerk wird.) oder an der Tatsache, dass sich Galerien nicht scheuen, regelmäßig ihre kleinformatigen Plastiken zeigen (so öffnet beispielsweise die Stuttgarter Galerie Dorn am 8. Oktober ihre achte »Biennale der Kleinplastik«).

Ulrike Groos nimmt den Begriff der Kleinplastik wörtlich und präsentiert eine Schrumpfkunst, die mal komisch, mal böse, mal nachdenklich und mal banal die Größenverhältnisse aus dem Lot bringt. Empfangen wird der Betrachter denn auch nicht von einer Skulptur, sondern von einem Video, in dem ausgehend vom unermesslichen Weltall eine Zeit-Raum-Reise zur Erde und da bis auf eine Wiese mit einem jungen Paar herangezoomt wird, um dort in den menschlichen Mikrokosmos weitervorzudringen, der letztlich wieder da endet, wo die Reise begonnen hat. Die Arbeit fällt nicht nur medial aus dem Rahmen (wobei die neuen Medien hier insgesamt eine gelungene Bereicherung für das – theoretisch – haptische Erlebnis der Plastik sind), sondern auch zeitlich: Sie stammt von Charles Eames (1907–1978) und Ray Kaiser (1912–1988) und entstand 1977.

Die teilnehmenden Künstler sind: Michael Ashkin, Guy Bar Amotz, Gianfranco Baruchello, Thomas Bayrle, Christian Boltanski, Wim Botha, Werner Büttner, Lucile Desamory, Mark Dion, Nathalie Djurberg, Sam Durant, Marcel Dzama, Charles & Ray Eames, Tessa Farmer, Hans-Peter Feldmann, Katharina Fritsch, Ludger Gerdes, Dan Graham / Tony Oursler / Laurent P. Berger, Armin Hartenstein, Diango Hernandez, Georg Herold, Anne Marie Jehle, Matt Johnson, Markus Karstieß, Friederike Klotz, Rachel Kneebone, Klara Kristalova, Friedrich Kunath, Matthias Lahme, Charles LeDray, Via Lewandowsky, Kris Martin, John Miller, Reinhard Mucha, Mariele Neudecker, Tony Oursler, Verena Pfisterer, Liliana Porter, Tobias Rehberger, Werner Reiterer, Ian Ritterskamp, Peter Sauerer, Thomas Schütte, Dirk Skreber, Ulrich Strothjohann, Vincent Tavenne, Javier Téllez, André Thomkins, Susan Turcot, Paloma Varga Weisz, Ina Weber, Klaus Weber, Eric Wesley, Franz West, Yin Xiuzhen, Chu Yun, Chen Zhen, Markus Zimmermann.

Die Palette reicht - wenn man einmal von Videoprojektionen, Fotos und Arbeiten auf Papier absieht - vom gediegenen Guss bis zum halbverwesten Insekt, vom Koffer mit transportablen Stoffattrappen bekannter Städte (Yin Xinzhen) bis zum Fundstein mit winzigen Gipfelkreuz aus Papier (Kris Martin). Dieses Panoptikum ist im einzelnen gar nicht auszubreiten - man kann es nur erwandern; gemeinsam ist den Arbeiten die Positionierung des Menschen in seinem Lebensumfeld, in seinen sozialen, persönlichen, kulturellen Beziehungen und in einer vorwiegend fragilen, sich stellenweise auflösenden Umgebung. Dass der Titel Reminiszenzen an den Film bereithält ist beabsichtigt. Ihrer Masse enthoben, entfalten viele der Arbeiten eine innere Größe und Wertigkeit, die auch über einige wenige Plattheiten hinwegsehen lässt.