Ausstellungsbesprechungen

Wasserpoesien – Worte im Fluss, Gustavsburg, Homburg, bis 14. Juli 2013

Mit »Wasserpoesien – Worte im Fluss« präsentiert die Gustavsburg in Homburg-Jägersburg Kalligrafie und Malerei der international erfolgreichen Künstlerin Katharina Pieper. Verena Paul verrät Ihnen mehr.

Mit der aus dem Mittelalter stammenden Wasserburg, die im Laufe der Jahrhunderte zu einem charismatischen Schlossgebäude umgewandelt und erweitert wurde, hat Katharina Pieper einen wunderbaren Rahmen für ihr aktuelles Ausstellungsprojekt »Wasserpoesien – Worte im Fluss« gefunden. Schließlich könnte die Wechselwirkung zwischen ihren malerischen Kalligrafien respektive kalligrafischen Malereien und dem an einem Weiher gelegenen historischen Gebäude nicht fruchtbarer sein.

Das Werk »Wasser ist der Ursprung des Lebens«, dem eben jene Worte aus einem Gemisch von Farbe und Sand schwungvoll eingeschrieben sind, gibt den Besuchern gleich zu Beginn den durch die Ausstellung leitenden roten Faden in die Hand. Demzufolge ist Wasser als lebendiges Element zu verstehen, das durch seine Dynamik Zusammengehörendes und Auseinanderstrebendes immer wieder zu vereinen versteht. Daher nimmt es nicht wunder, wenn wir an den Aphorismus »Panta rhei« (alles fließt) erinnert sind, der auf die Flusslehre des griechischen Philosophen Heraklit zurückgeht. Jene Lehre besagt, dass niemand zweimal in denselben Fluss steigen kann, da die Welt und alles Sein sich in einem fortwährenden Wandel befinden. Die konstante Weiterentwicklung und Prozessualität des Lebens ist sämtlichen hier gezeigten Arbeiten Katharina Piepers eingeprägt: sei es durch Schriftzüge (»Worte im Fluss«), die sich, angereichert durch Botschaften, in schwungvollen Kurvaturen in der Tiefe des Bildraumes verlieren, sei es durch farbliche Fließspuren (»Wasserpoesien«), die die Unendlichkeit des Lebensflusses andeuten. Bisweilen gestaltet die Künstlerin sogar begehbare Wasserräume, wie die aus sechs Paravents bestehende Installation »Über das Wasser«, bei der die Besucher auf Entdeckungsreise durch ein magisch entlegenes Farben- und Wortlabyrinth geschickt werden. Oder aber wir treffen auf zwei riesige, von den Wänden sanft herabgleitende Schriftrollen, deren Fließbewegung am Boden durch Kieselsteine Einhalt geboten wird.

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Neben der sogartigen Wirkung der formalen Gestalt, bezaubern auch die von Pieper sorgsam gewählten Texte. Neben Weisheiten des chinesischen Philosophen Laotse, finden sich Gedichtzeilen Johann Wolfgang von Goethes, Eduard Mörikes, Rainer Maria Rilkes, Bertolt Brechts, Hermann Hesses, Textpassagen aus Werken von Claude Roy oder Antoine de Saint-Exupéry sowie Auszüge aus Songs von Simon & Garfunkel. Die daraus gewonnen Botschaften gießt die Künstlerin in eine Schrift, die sich immer wieder neu erfindet, um mit den sie umgebenden Farben und Formen eine unzerbrechliche Allianz eingehen zu können. Die so entstandenen Bildwerke tragen also zwei Seelen in sich, die um das konstante Kräftemessen von Komposition und Inhalt wissen und einerseits von verführerischer Ästhetik – die aus der koloristischen Leichtfüßigkeit der facettenreichen Schriftbilder resultiert – und andererseits von gedanklicher Tiefe zeugen. Ganz bewusst hat sich die Schriftkünstlerin dazu entschieden, »den Weg der Farbe zu gehen« und damit der Schrift sowie der inhaltlichen Aussage einen gleichwertigen Gegenspieler zu präsentieren. Auf diese Weise hält sie dem absolut gesetzten ›Entweder-oder‹ ein ›Sowohl-als-auch‹ entgegen, wobei das Spannungsverhältnis der beiden Antipoden in jedem Werk neu ausgelotet werden muss.

Neben der Rauminstallation und den Arbeiten auf Leinwand beziehungsweise Papier findet sich ein direkt auf die Wand aufgetragenes Werk, das Pieper dem Heimat- und Verkehrsverein Jägersburg zum Geschenk gemacht hat. In schwarzen und roten Lettern, die einer längst vergangenen Epoche entstiegen zu sein scheinen, findet sich ein Zitat Friedensreich Hundertwassers: »Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Anfang einer neuen Wirklichkeit.« Diese Zeilen, die auf den früheren Erzbischof von Olinda e Recife – Hélder Câmara – zurückgehen, der sich für die Menschenrechte stark machte und politische, wirtschaftliche und soziale Missstände anprangerte, rundet die vielschichtige Ausstellung auf beeindruckende Weise ab. Denn sie sind mehr als ein Appell, sie sind Mahner an eine Gesellschaft, die zwar politische und wirtschaftliche Visionen hat, aber der es häufig an Kraft, Energie und Mut zur Umsetzung mangelt.

Katharina Piepers zeiträumesprengende, zutiefst menschliche, hellsichtige Kunst, die zudem durch kompositorische Versiertheit besticht, vermag zwar nicht gesellschaftliche Probleme direkt anzupacken, aber sie bezieht eine klare Position und bringt die Betrachter – scheinbar beiläufig – zum Träumen. Begründet dies nicht eben jenen »Anfang einer neuen Wirklichkeit«? Obwohl Kunst keine Heilsbringerin ist, kann sie dennoch Katalysator für Träume sein und zugleich zum Reflektieren animieren. Die Bedingung: Gemeinsam mit anderen Menschen in den Fluss des Lebens eintauchen und sich von ihm weiter tragen lassen, gemäß den Worten Goethes, die im Zentrum einer beschwingten Arbeit Piepers stehen: »Ihr wart ins Wasser eingeschrieben, so fließt denn auch mit ihm davon.«

Resümee: Katharina Pieper ist eine Schriftzauberin, die in ihrer Kunst Welten ineinander gleiten lässt und damit das Innere der Betrachter berührt. Sie erzählt uns vertraute Geschichten neu, greift aussagekräftige, sprachlich betörende Gedicht- oder Songzeilen auf und lehrt uns dabei, dass nichts anziehender sein kann als einen Rest an Geheimnis im Bildgrund zu wahren. Da neben der herausragenden künstlerischen Qualität auch die Werkpräsentation in dem markanten Kontext der Gustavsburg überzeugt, möchte ich Ihnen diese Ausstellung uneingeschränkt empfehlen!