Ausstellungsbesprechungen

»2009: Diplom Freie Kunst im KUNSTBEZIRK«, Galerie im Gustav-Siegle-Haus in Stuttgart, bis 18. August 2009

Längst ist es üblich geworden, dass sich die Kunstakademien des Landes nach außen präsentieren. Das war nicht immer so. Im süddeutschen Raum sind regelmäßig die Meisterklassen unterwegs – Karlsruhe schickte zuletzt seine studentische Kunstelite nach Esslingen. Das Stuttgarter Gustav-Siegle-Haus zeigt aktuell Abschlussarbeiten der Absolventinnen und Absolventen des Diplomstudiengangs Bildende Kunst der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart.

Nun muss man vor einem solchen Hintergrund gleich etwas gerade rücken: Viele der Künstler sind in der Region schon verankert, und es hieße die Qualität der Ausstellung schmälern, wenn man allein das Diplom als Gradmesser  nehmen würde – ihm haftet etwas Anfängerhaftes an. Was der Besucher allerdings zu sehen bekommt, ist großartig und kann sich selbstbewusst als eigenständige Position(en) messen lassen.

Ein Grundkanon ist hier nicht angestrebt, steht die Schau doch auch unter keinem bestimmten Motto. So breiten sich in dem für Gruppenausstellungen vorzüglich geeigneten Raum alle Gattungen auf höchstem Niveau aus. Das mag zum einen an der Vita der ausstellenden Künstler liegen, die nicht immer ganz gradlinig verlaufen. So verbrachte etwa Reiko Glaser, Jahrgang 1974, eine Zeit seines Lebens als Mechaniker und Bundeswehrsoldat, bevor er an die Akademie ging und das Glück hatte, unter anderen bei Reto Boller zu studieren. Seine bunt lackierten Betonskulpturen, die daherkommen wie zerknautschte oder verknüllte, also weichere oder zumindest nachgiebigere Materialien, behaupten sich im Raum wie das reife Werk eines »gestandenen« Meisters. Auf der anderen Seite der Materialität müssen die gläsernen Buchobjekte der chinesischen Künstlerin Yi Sun an vorderster Stelle erwähnt werden. Die Schülerin des leider unlängst viel zu früh verstorbenen Johannes Hewel weist im Bereich der Glaskunst, die über Stockhausen und dessen Schüler den Weg von der sakralen Fenstermalerei zur profanen Objektkunst gefunden hat, ganz neue Wege auf. Kombiniert mit Siebdrucken, die Familienfotos oder Schriftzeichen umsetzen, vermitteln die sandgestrahlten Glasplastiken – meist in Form aufgeschlagener Bücher - eine melancholische Stimmung, die Autobiographisches und Hochartifizielles in eine traumhafte Balance bringen. Die neuen Medien sind gut vertreten und zeigen, dass die anstehende Kunst sich nicht zwanghaft auf eine neue Leipziger oder andere (hyper-) realistische Schule trimmt. Der Jankowski-Schüler Daniel Beerstecher positioniert seine digitale Diashow im Übergangsfeld zwischen Kunst und Natur, die Videokünstlerin Martina Geiger-Gerlach präsentiert ein raffiniert inszeniertes »Gastspiel«, bei dem nicht klar wird, ob die als Zuschauer versammelten Laiendarsteller oder doch der Kunstbetrachter auf der Seite des Gastes agiert. Jasminka Mikec collagiert in ihrer Rauminstallation Trickfilmelemente im TV mit einer Wohnzimmerkulisse voller Erinnerungspotential und suggeriert somit eine Art Selbstporträt ohne Personen. Natürlich sind die klassischen Gattungen nicht minder beeindruckend. Robert Matthes, einer der jüngsten Teilnehmer – geboren 1982 – entwirft großformatige, beklemmend realistische bis psychogrammatische Räume, die in ihrer Komplexität schon weit über Rink, Rauch & Co. hinaus gehen. Scheinbar leicht erscheinen dagegen die Tütenfaltungen von Britta Marquardt, die der Abstraktion erfrischend neue Seiten abgewinnt. Fetzig kommen die jugendlich-dynamischen Installationen von Diana Moro daher, die bei aller Spontaneität den kritischen Blick auf Systematisches bewahren. Darüber hinaus darf man die aufwändigen Fotocollagen von Jungmin Ryu nicht vergessen, die mit der Serialität unserer Alltagswelt spielt, und auch nicht die Masken von Maikano Platte, deren archaische Wirkung mit der heutigen Fremdheitserfahrung wechselt. Weitere Teilnehmer sind Andreas Geisselhardt, Christoph Trendel, Joanna Tuzinkiewicz und andere mehr, die dem Nachwuchs der Zunft alle Ehre machen.

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Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag 15.00 - 19.00 Uhr
Samstag 14.00 - 18.00 Uhr