Porträts

»Absichtsvoll und absichtslos zugleich« – Ein Porträt der Künstlerin Brigitte Burgmer

»Die Frage, wie Künstler mit Farben umgehen, kommt bei Neurowissenschaftlern, die rein analytisch-rational vorgehen, nicht vor. Es wird ja auch reichlich kompliziert, wenn man mehr als zwei Farben nimmt.«

Brigitte Burgmer Fotoporträt von Roland Nagel, Dresden. Cartesianisches Porträt eines jungen Malers, Reflektionshologramm, 1982, 40 ´ 30 cm /Gouache auf Plexi, 85 ´ 100 cm THRON  Fayence, 1993-97  146 Kacheln 15 ´ 15 cm Warten, arbeiten, lieben  Malcollage, farbige Stifte auf farbigem Karton, 2002  30,0 ´ 124,5 cm
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Brigitte Burgmer Fotoporträt von Roland Nagel, Dresden.

Brigitte Burgmer Fotoporträt von Roland Nagel, Dresden.

So Brigitte Burgmer in einem Brief mit der ihr eigenen Freude an zuspitzender Polemik, nachdem ich sie während meiner Arbeit an der Rezension des Buches »Farben. Betrachtungen aus Philosophie und Naturwissenschaften«  
kontaktiert hatte. Weiter schrieb sie: »Wir Künstler können damit umgehen, Wissenschaftler nicht. Nicht zu reden von der Symbolik der Farben, etwa bei Kandinsky oder Synästhesie, wenn Farben ›schmecken‹. […] Wissenschaft erzwingt lebens- und kunstferne Reduktion und muss sich dem Subjektiven verweigern (sozusagen der ›Biodiversität‹ des Lebendigen).«

Im Kern formuliert die in Köln lebende Künstlerin hier ein Programm ihres Schaffens: Ihr geht es darum, ein passioniertes Votum für die Vielfalt der Schöpfung einzulegen - in ihrer Sprache, in der der Kunst.

Nach dem Studium der freien Grafik mit dem Schwerpunkt Lithografie an der FH Köln (vormals Kölner Werkschulen) richtete sich die 1946 geborene Künstlerin eine eigene Lithowerkstatt ein, die sie bis 1981 betrieb, schloss aber auch ein Studium des Künstlerischen Lehramts an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf und der Universität zu Köln ab.

Internationale Reputation und Auszeichnungen erwarb sich Brigitte Burgmer als eine prominente Vertreterin der künstlerischen Holografie. Ihre seit 1982 entstandenen holografischen Arbeiten begleitete sie mit zahlreichen Publikationen. »Meine gedankliche Beschäftigung mit dem Phänomen Holographie«, schrieb sie 1984, »rührt daher, daß ich nicht nur Lust an der Irritation habe, sondern auch an der Aufklärung.« [B. Burgmer: Holographie - und was ein Schlachtroß wirklich ist, in: Deutsches Filmmuseum Frankfurt am Main (Hrsg.): Licht-Blicke. Holographie - die 3. Dimension für Technik und Kunst, 1984, S. 341–344, S. 341.]

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Zunächst habe die pure technische Möglichkeit, räumliche Objekte auf dem zweidimensionalen Medium Film speichern und dreidimensional wiedergeben, »rekonstruieren« zu können, einen großen Reiz auf sie ausgeübt. Jedoch schaffe die bloße Faszination noch längst kein Kunstwerk: »Objekt-Holographie zieht das große Publikum an. […] Künstlerisch gesehen, sagt das banale Objekt jedoch nichts aus. Es bleibt beim Staunen.« [B. Burgmer: Holographie, 1984, S. 343] So entstanden frühe Arbeiten, die das Staunenswerte durch Einbettung der Hologramme in die genuin ästhetische Produktionsform von Malerei und Plastik zum Kunstwerk sublimieren und eine Reflexion über das holografische Phänomen selbst und - damit einhergehend - über den Prozess der Gegenstandswahrnehmung überhaupt initiieren.

Cartesianisches Porträt eines jungen Malers, Reflektionshologramm, 1982, 40 ´ 30 cm /Gouache auf Plexi, 85 ´ 100 cm

Cartesianisches Porträt eines jungen Malers, Reflektionshologramm, 1982, 40 ´ 30 cm /Gouache auf Plexi, 85 ´ 100 cm

Exemplarisch lässt sich dieses künstlerische Verfahren schon an ihrer ersten holografischen Arbeit, dem »Cartesianischen Porträt eines jungen Malers« aufweisen: Burgmer hinterlegte den Bildträger Plexiglas mit einer schwarzen Platte, auf der sich ein Film mit dem holografierten Kopf des »jungen Malers« genau an der Stelle in der linken Bildhälfte befindet, die von der Malerei ausgespart bleibt. Bei entsprechender Beleuchtung erscheint dort in frappierender Dreidimensionalität das Gesicht des »jungen Malers«, das sich simultan mit dem Positionswechsel des Betrachters bewegt und dreht – ganz so, als würde man den realen Kopf aus verschiedenen Winkeln ansehen. Es handelt sich bei diesem Kopf, wie Burgmer sagt, um eine »immaterielle Plastik«.

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Spannungsreicher und erhellender als in dieser Zusammenführung von Hinterglasmalerei (2 D) und Holografie (3D) kann das erkenntnis- und wahrnehmungstheoretische Problem von Realität und Imagination, Objektivität und Subjektivität, kaum vor Augen geführt werden. Der Titel spielt auf den französischen Philosophen Descartes an, der in seinen »Meditationen« den Zweifel an der Verlässlichkeit der Sinneswahrnehmung zur Methode philosophischer Wahrheitsfindung erhob.

1986 entstehen zwei Arbeiten mit dem Titel »Pribram auf der Suche nach dem Engramm« - eine künstlerische Reaktion auf die holografische Gehirntheorie des Neuropsychologen Karl H. Pribram. In Burgmers Atelier befindet sich »Pribram (II)«: ein von Neonlicht umrahmtes Kopfprofil aus zwei bemalten Plexiglasscheiben mit einer dreidimensional erscheinenden Plastik an der Stelle des Gehirns, worauf ein Fleck und die Worte »Auge« und »Blume« gemalt sind. Letzteres ist eine Anspielung an die Wort-Bilder von René Magritte. Erkennbar wird an diesem Werk sowohl die Affinität Burgmers zum Surrealen als auch ihre kritische Distanz zu überschwenglichen Ambitionen der Neurowissenschaften. »Die menschliche Phantasie«, merkt die Künstlerin an, »packen die nicht.«

Einen Einblick in das breite Spektrum ihrer holografischen Arbeiten, die zunehmend nicht nur mit Formen sondern insbesondere auch mit Farben spielen, bietet www.kunstserviceg.de/burgmer/3/index.php

Fortsetzung von Seite 3

Einen weiteren Schwerpunkt im Œuvre Brigitte Burgmers bildet die Fayencemalerei; wobei an erster Stelle der »THRON« zu nennen ist.

 

THRON  Fayence, 1993-97  146 Kacheln 15 ´ 15 cm

THRON Fayence, 1993-97 146 Kacheln 15 ´ 15 cm

So phantasmagorisch das Werk auf den ersten Blick auch anmuten mag: es ist, sieht man genau hin, insofern höchst realistisch, als Burgmer auf den 146 einzelnen Kacheln exakt das nachmalt, was sie auf Fotos und Grafiken in naturwissenschaftlichen Publikationen zur Illustration des Organischen und Anorganischen im Kosmos fand und als wichtige Akteure der Evolution auswählte. Es erscheinen Kristalle in Nachzeichnung von REM-Aufnahmen, Himmelskörper durchs Hubble-Teleskop gesehen; Zellstrukturen von Birkenholz, eine Stinkmorchel und Orchideenblüten; allerlei Tiere der Erde, des Wassers und des Himmels sowie verblüffende Naturerscheinungen wie ein Wanderbaum oder ein Termitenhügel. Aus dem mikroskopischen Spektrum der menschlichen Physiologie sehen wir unter dem Zentrum des »THRONs« Hörzellen, Embryohaut oder Dünndarmausstülpungen; das alles umtanzt von Regenwürmern. – Ehrfurcht vor allem Geschaffenen oder ein Memento mori?

 

Eigentlich aber ist der »THRON« gar kein richtiger, dreidimensionaler Thron, auf dem jemand Platz nehmen könnte, sondern ist, wie die Abbildung zeigt, als zweidimensionales Objekt geschaffen. Dahinter steht eine ironische Absicht: »Wer auf ihm sitzen könnte, würde die ganze Welt ›be-sitzen‹«. [B. Burgmer: Demiurg. Hrsg. von Städtische Galerie Villa Zanders, Bergisch Gladbach, 2004, S. 63; Anm. zu S. 8.] Der Reichtum der Schöpfung sollte von allen bewahrt und betrachtend genossen, jedoch nicht von einzelnen Verfügungsmächtigen privatisiert, patentiert und ausgebeutet werden. Diese kritische, gewissermaßen schöpfungsmystische Seite des Burgmerschen Œuvres findet sich ausführlich dokumentiert in ihrem Buch »Demiurg«, das in einigen seiner Intentionen dem technologieskeptischen Blick des Philosophen Günther Anders (»Die Antiquiertheit des Menschen«) verpflichtet ist.

Obschon das Konzept des »THRONs« dem Prinzip der genauen Darstellung folgte, ist für Burgmer der Gegenpol des streng Mimetischen: das Spiel der Vorstellungskräfte und die Erfindungslust, zumindest ebenso essentiell. Sie schrieb mir: »Wenn ich zum Pinsel greife und Figuren zeichne, wähle ich kompositorisch ihren Platz, ihre Größe, und je nach Verfassung ›lasse ich den Pinsel zeichnen‹, spontan, intuitiv […] oder denke mir eigenartige oder skurrile Haltungen und Konstellationen aus. Überraschendes taucht dabei aus den Tiefen des ›Bewusstseinstheaters‹ auf.«

In dieser »von Moment zu Moment fabulierenden« Arbeitsweise produzierte sie auch jene vielen kleinformatigen Bilder, die sie im Nachhinein zu »Malcollagen« zusammenfügte. Ihr »Fabulieren« sei der »écriture automatique« der surrealistischen Schriftsteller (Breton) nicht ganz unverwandt.

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Grenzüberschreitung war anfänglich das Gestaltungsprinzip der Malcollagen, mit denen sie 2001 begann. Burgmer gab ihnen Titel wie »Erfundene Tatsachen«, »Viele Wegweiser« oder »Warten, arbeiten, lieben« (s. Abb.). Überhaupt scheint es der eigentliche und innere Impetus der Künstlerin Brigitte Burgmer zu sein, vorgegebene Grenzen zu transzendieren.

Warten, arbeiten, lieben  Malcollage, farbige Stifte auf farbigem Karton, 2002  30,0 ´ 124,5 cm

Warten, arbeiten, lieben Malcollage, farbige Stifte auf farbigem Karton, 2002 30,0 ´ 124,5 cm

Collagen vereinen per se Heterogenes und erzeugen neue Kontexte. Burgmer geht aber einen Schritt weiter: Nach dem Zusammenfügen der einzelnen Bilder werden die Grenzen zwischen ihnen in einem zweiten Arbeitsschritt verflüssigt, indem Farben oder Motive in benachbarte Bilder hinein- und herüberwachsen. Die Künstlerin zieht jedoch, wie man in der obigen Abbildung sieht, mit den »Ornamentstäben« auch neue Grenzen, die im Gesamtgefüge der Malcollagen als Grenzsetzungen wieder relativiert, wenn nicht gänzlich aufgehoben werden. »Die Regel ist der Regelbruch«, so Burgmer über diese Malcollagen.

 

Seit neuestem erprobt sie eine andere Art der Grenzüberschreitung, und zwar mit ihren, so bezeichnet sie es selbst, »gemalten Collagen auf Tonreliefs«. Es handelt sich bei diesen Werken um modellierte Köpfe auf planem Untergrund, beides mit Fayencemalereien überzogen.


Januskopf Tonarbeit mit Fayencemalerei, 2007 in situ: Atelier, ca. 28 ´ 32,5 ´ 8 cm

Januskopf Tonarbeit mit Fayencemalerei, 2007 in situ: Atelier, ca. 28 ´ 32,5 ´ 8 cm


Beim »Januskopf« werden aus archaischen Kulturen überlieferte genealogische Muster mit heutigen Robotertypen und frei erfundenen Szenarien in Beziehung gesetzt. »Absichtsvoll und absichtslos zugleich«. Mit diesem Paradox versucht Brigitte Burgmer den Prozess des Entstehens ihrer erfindungsreichen Figurationen in Begriffe zu fassen. In dieser Formulierung mag aber das Geheimnis künstlerischer Produktivität überhaupt beschlossen sein.  

Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin
 

 

Weitere Informationen


Unter dem Dach des »kunstserviceg« findet sich die Homepage Brigitte Burgmers, die neben einer »kleinen Galerie« Publikations- und Ausstellungsverzeichnis u.v.a.m. bietet:

www.kunstserviceg.de/burgmer/

Kontakt auch unter: 0221/884374.