Ausstellungsbesprechungen

»Miteinander«. Gemeinschaftsausstellung mit Arbeiten von Ruth Engelmann-Nünninghoff, Christine Lill und Angelika Lill-Pirrung

Bis zum 8. August 2008 präsentiert die Rathausgalerie in Sankt Ingbert mit der Ausstellung »Miteinander« ein spannendes Zusammenspiel von farbintensiven, abstrakten Malereien, pointierten Zeichnungen und vielseitig plastischen Arbeiten. Der Ausstellungsbesucher kann sich neben den Arbeiten, die als »Solowerke« entstanden sind auf die von Ruth Engelmann-Nünninghoff, Christine Lill und Angelika Lill-Pirrung gemeinsam entwickelten farb- und formexperimentellen Werke auf Papier freuen.

Bis zum 8. August 2008 präsentiert die Rathausgalerie in Sankt Ingbert mit der Ausstellung »Miteinander« ein spannendes Zusammenspiel von farbintensiven, abstrakten Malereien, pointierten Zeichnungen und vielseitig plastischen Arbeiten. Der Ausstellungsbesucher kann sich neben den Arbeiten, die als »Solowerke« entstanden sind auf die von Ruth Engelmann-Nünninghoff, Christine Lill und Angelika Lill-Pirrung gemeinsam entwickelten farb- und formexperimentellen Werke auf Papier freuen.

 

Bei Ruth Engelmann-Nünninghoffs Arbeiten trifft der Besucher auf Formationen, die ihre Körperlichkeit verloren, die sozusagen eine Verwandlung ins Stofflose der Kunst und damit einhergehend eine ungemeine Ästhetisierung erfahren haben. Klare Linien stehen Auffächerungen, amorphe Gestalten kristallinen Gebilden gegenüber und ein kreisender, sanft fließender Spachtelduktus findet seinen Antipoden in einer geraden, stringenten Linienführung. Die Künstlerin präsentiert uns die Bandbreite phantasievoller Formensprache. Doch neben dem Zusammenwirken der Formen ist für sie in gesondertem Maße die Farbe Stimmungsträger.

Hierzu greift Engelmann-Nünninghoff auf reine, leuchtende Farben zurück, die zumeist auf dem Papier miteinander kommunizieren, sich verbinden und entwickeln, so dass ein innovatives koloristisches Experimentierfeld entsteht. Da sind ein schillerndes Grün, ein kühles Blau, ein kraftvolles Orange oder ein feuriges Rot, die sich markant von den schwarzen Konturen abheben. In ihrer puristischen Komposition, die alle fabulierende Ausschweifung verneint und sich auf das Wesentliche konzentriert, ist den Arbeiten raumgreifende Energie eingeschrieben, die uns zu eingehender Betrachtung anlockt.

Fortsetzung von Seite 1

Christine Lills »Tanzstudien« verdeutlichen im doppelten Sinne das Thema des Tanzes. Neben der Darstellung der sich zu einem Rhythmus wiegenden Gestalten tritt die tänzerische Beschwingtheit der formalen Inszenierung. In reduzierter, aber temperamentvoller Formensprache artikuliert sich die scheinbare Leichtigkeit der Rohrfeder, wie sie über das Papier geschwebt sein muss. Gegenspieler der schwarzen Tusche bildet das weiße Papier, dem die Künstlerin eine große Bedeutung beimisst, da es den dunklen Tiefen, die hellen Höhen entgegen setzt. Aus diesem kontrastreichen Wechselspiel gelingt es Christine Lill schließlich, Figurationen hervorzubringen. Mit Verve entwickelt sie in wenigen schwarzen, vorausschauenden Zügen expressive Formen, die den Ausstellungsbesucher zu einem intensiven Betrachten auffordern und gleichzeitig unserer Fantasie freien Lauf gewähren. So können wir Gestalten mit markanten, bisweilen deformierten Köpfen und Gliedmaßen erblicken, die angedeutet, aber nicht ausformuliert sind und gerade dadurch einen charismatischen Zug erlangen. Die Künstlerin spielt mit dem schwarzen Lineament: treibt es an, fordert es heraus, triumphiert am Ende und weist ihm seinen Weg.

Fortsetzung von Seite 2

Auch die Arbeiten in Graphit, Kohle und Oilstick stehen ganz im Zeichen des Tanzes. Allerdings sind die Linien nun vernetzt, ballen sich zusammen und evozieren eine verdichtete Körperlichkeit, die sich nicht selten in eine abstrakte, d.h. gegenstandslose Komposition verwandelt. Bei den großformatigen Arbeiten in Acryl integriert Christine Lill die figuralen Erscheinungen in ein koloristisch ausbalanciertes Miteinander. Die mit »Ausgetanzt« betitelte Arbeit etwa webt eine schwarze, kniende Figur in einen dynamisch-vitalen Farbteppich ein. Dabei wird der Betrachter vergeblich nach einer klaren Konturierung suchen, da die Gestalt von den sie umgebenden Farbondulationen partiell durchdrungen und deshalb mehr erahnbar denn sichtbar ist. Christine Lill setzt Figuren ins Zentrum ihrer Arbeit, löst sie aber im selben Augenblick wieder auf und entzieht sie damit unserer konkreten Benennbarkeit.

 

Die Arbeiten von Angelika Lill-Pirrung sind inspiriert von archaischen Mustern, von Spuren, die die Zeit Gegenständen eingeschrieben hat. Zeichen und Symbole der alten Kulturen beeinflussen einen Großteil sowohl der plastischen als auch der malerischen Arbeiten der Künstlerin. Der Ausstellungsbesucher kann Fundstücke, Dinge des Alltags entdecken, die scheinbar – aber auch nur scheinbar – aus dem Blickfeld gerückt sind. Denn die Künstlerin entdeckt diese vom Leben bereits gezeichneten Elemente mit neugierigen, forschenden Augen neu und setzt sie in ein spannendes, temporales Wechselverhältnis: Elemente vergangener Tage sind in ein gegenwärtiges und in die Zukunft weisendes Formenspiel eingebunden. Es geht, so die Künstlerin, um »[d]as Suchen, Finden, Sammeln, Kombinieren und Transformieren […]. Auf verwittertem Holz, auf Schwemmhölzern, verrostetem Metall, alten Gebrauchsgegenständen entdecke ich Spuren, faszinierende Spuren des Gebrauchs, des Verfalls, Spuren der Zeit.«

 

Fortsetzung von Seite 3

Angelika Lill-Pirrungs Metamorphosen sind einfühlsame Zeitzeugen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und damit greifen sie ein wichtiges Thema von Kunst auf: die Überzeitlichkeit. Paradigmatisch umgesetzt ist dies in der Serie »Orte und Plätze erinnern«. Gedankenmuster und Erinnerungsfragmente sind in die figurale Form eingefügt: die Fotografie eines »Kraftplatzes« in Arizona, die für den Südwesten der USA typischen Türkissteine, eine Vogelfeder, das Kokopelli-Zeichen oder ein Stück Kakteenholz, um das ein Lederband gewunden ist.

 

Auch in jenem Stelenpaar, das uns auf einem hellen Fenstersims begegnet, begibt sich die Künstlerin auf Entdeckungsreise, indem sie mit Hilfe des Rakubrandes, einem alten japanischen Brennverfahren, dem Ton florale Spuren einverleibt – die Pflanzenwelt im Ton einschmilzt. Neben den plastischen Werken finden wir auch in der Malerei Angelika Lill-Pirrungs Spuren – Spuren der Zeit und eines intuitiven Arbeitsprozesses. In der Serie »Kopflos« beispielsweise wurden rostige Nägel in Form eines stark vereinfachten Körpers in eine schwarz getünchte Holzplatte geschlagen; die dabei abfallenden Rostpartikel hat die Künstlerin unbewusst mit den Fingern auf dem schwarzen Grund verwischt, letztlich aber als »Spur« stehen lassen. Doch nicht nur das Nachspüren der Abnutzung und Verwandlung von Gegenständen bildet hier – wie im gesamten Werk der Künstlerin – das Zentrum, sondern auch die figürliche Gestalt. Zurückgeworfen auf eine vereinfachte Form, tritt der Korpus als frei im Bildraum schwebende oder sich aneinanderreihende Füllform, als von Nägeln umrissene und durch ein Netz aus weißen Fäden zusammengehaltene Form in Erscheinung.

 

Fortsetzung von Seite 4

Neben diesen farblich zurückhaltenden Werken entwirft die Künstlerin Arbeiten, die von glühend-pulsierenden, gesättigten Farben geprägt sind. Außer Papier, Pappe, Kupfer, rostigem Metall wurde auch Sand in die Collagen integriert, die damit eine raue Oberflächenstruktur erhalten und so das Spiel der Farbnuancen zusätzlich unterstrichen wird.

In dem Diptychon beispielsweise entzünden sich kraftvolle, lebendig-pulsierendes Rot- und Orangetöne und beim Anblick dieser Arbeit sei an Henri Matisses Ausspruch erinnert, der sagte: »Ein einziger Ton ist nichts als Farbe; zwei Töne sind ein Akkord, sind Leben.« Und Angelika Lill-Pirrung entwickelt in ihren Mischtechniken klangvolle, stimmungsvolle Akkorde, die den Betrachter in die Farbhaut eindringen lassen und ihn auf geheimnisvolle Weise gefangen halten.

Fortsetzung von Seite 5

Markant in Farb- und Formensprache sind neben den Einzelwerken der Künstlerinnen aber auch die Gemeinschaftsarbeiten: sicher zu Papier gebracht, stehen sich manche Formen als Kontrahenten gegenüber, werden durch ein weiteres Lineament versöhnt und schließlich in ein spannendes »Miteinander« überführt. Die entstandenen Werke sind formdynamisch, farbintensiv, kraftvoll, emotional aufgeladen, zeugen also von Leidenschaft und Vitalität. »Miteinander« spielen die drei Künstlerinnen aber nicht nur innerhalb der gemeinsam entstandenen Werke, sondern auch in der Gegenüberstellung ihrer Arbeiten, die sich durch unterschiedliche künstlerische Schwerpunktsetzungen auszeichnen. Es geht sowohl um das Bewahren der eigenen »Handschrift«, um die gegenseitige Abgrenzung als auch um den Einklang, die Harmonie und das Zusammenwirken der Arbeiten in den Ausstellungsräumen.

Der Rathausgalerie ist mit der Gemeinschaftsausstellung »Miteinander« ein Griff in die Schatzkiste erfrischender Gegenwartskunst gelungen. Neben einer wirkungsstarken Präsentation, einer klaren Struktur weiß die Präsentation aber vor allem durch die hervorragenden Werke zu überzeugen. Fazit: Ein Highlight, das man sich nicht entgehen lassen darf!

 

 

 

Öffnungszeiten

Mo-Do 8-18 Uhr

Fr 8-12 Uhr