Ausstellungsbesprechungen

Abstrakte japanische Landschaften in schwarz/weiß – Ishka Michocka in der aquabitArt Galerie, bis 29. November 2015

»木 – Ki« ist der Name der Ausstellung und das japanische Zeichen für »Baum«. Tatsächlich bewegen sich viele der schwarz/weißen Landschaftsbilder von Ishka Michocka an der Grenze zur Abstraktion und lassen nur erahnen, was darauf zu sehen ist. Der althergebrachte Silber-Gelatine-Druck verleiht den digitalen Fotografien dabei zusätzlichen Facettenreichtum. Susanne Braun hat sich auf eine meditative Betrachtung bei einer Tasse japanischen Tee eingelassen.

Sie wirken aus der Ferne ganz anders, als aus der Nähe, die Fotografien von Ishka Michocka. Von Weitem haben sie viel Vertrautes. Doch bei näherer Betrachtung verschwinden die scheinbar klaren Umrisse der Bäume, Schatten, Berge, Flüsse oder Täler und das Bild eröffnet sich in seiner ganzen Vielschichtigkeit. Dank des matten Silber-Gelatine-Drucks werden nicht nur unendlich viele Farbschattierungen sichtbar, das Bild wirkt außerdem an vielen Stellen ungemein plastisch. Gleichzeitig unterstreicht die Drucktechnik, die in der Frühzeit der Fotografie entwickelt worden ist, den traditionellen Charakter der Bilder, indem sie durch den schroffen schwarz-weiß-Kontrast und die vielen Schattierungen sehr an die seit Jahrhunderten in ganz Asien verbreitete Malerei mit schwarzer Tusche erinnert, zu deren beliebtesten Motiven die Landschaft gehört.

»Die Fotografien sind während eines Fluges über die japanische Insel Hokkaido entstanden«, beschreibt Ishka Michocka den Moment der Entstehung, »Ich war als Fotografin mit einer Band unterwegs, die ungefähr an jedem Tag in einer anderen Stadt ein Konzert gegeben hat und ich musste unglaublich viel reisen. An diesem Tag waren wir mit einem kleinen Flugzeug unterwegs und alle hatten auch ein bisschen Angst. Die Ruhe auf den Bildern steht also in einem starken Kontrast zu dem, was in diesem Moment eigentlich um mich herum war«. Auf den Fotografien lassen sich unberührte Landschaften erahnen, die vollkommen menschenleer sind. Teilweise wirken die Bilder wie Ausschnitte aus einer Landkarte und sind dafür dann eigentlich wieder zu plastisch und wenig eindeutig in der Linienführung. Oft ist noch nicht einmal klar, ob der Bildausschnitt Berge, Täler, Flüsse oder einen der vielen Bäume samt Schatten zeigt oder noch etwas ganz anderes.

Die Fotografien legen eine eingehende Auseinandersetzung nahe, die am ehesten Züge einer Meditation trägt. Diese Wirkungsweise hat für Ishka Michocka eine ganz besondere Bedeutung: »Ich stamme ursprünglich aus Polen, aber beschäftige mich seit meinem fünfzehnten Lebensjahr viel mit dem Zen-Buddhismus. Die Fotos sind eine Hommage und sollen zu einer aufmerksamen Betrachtung einladen. Deswegen haben wir Bänke aus Zedernholz in die Galerie gestellt, so kann man sich die Bilder in aller Ruhe ansehen und dabei eine Tasse japanischen Tee trinken«. In vielen Fällen verschwindet nach und nach die Unsicherheit und es lassen sich nicht nur unendlich viele Farbnuancen, Schattierungen und Umrisse ausmachen. Durch den Silber-Gelatine-Druck entfalten die Fotografien eine zunächst kaum vorstellbare Tiefe und Plastizität, die viele weitere Wirkungsweisen eröffnen und sich nur einem ausgesprochen geduldigen und ausdauernden Betrachter erschließen.

Die richtigen Fotografien auszuwählen, vergleicht Ishka Michocka mit einer Schwangerschaft: »Ich habe lange gebraucht, um mir darüber klar zu werden, welche Bilder meine Eindrücke am besten widerspiegeln. Ich habe auch viel darüber nachgedacht, dass die Fotografien nur kurz vor dem starken Erdbeben und dem Tsunami entstanden sind, die in Japan 2011 an anderer Stelle so viel Zerstörung angerichtet haben. Die Bilder sind authentisch, für mich war die verschneite Winterlandschaft nur schwarz und weiß. Aber jetzt lasse ich meine Babys laufen lernen. Ich wünsche mir, dass jeder Betrachter seine eigenen Geschichten mit den Bildern verbindet und sie so zu seinen eigenen macht«. Tatsächlich verschwinden allmählich die scheinbar klaren Umrisse. Die vielen Farbnuancen und Schattierungen beginnen sich vom Gegenstand zu lösen und abstrakte Elemente treten an die Stelle des scheinbar vertrauten. Die Bilder legen plötzlich ganz unerwartete Assoziation nahe und beginnen, die individuelle Geschichte des Betrachters zu erzählen.