Ausstellungsbesprechungen

Action Painting, Fondation Beyeler

Seine Werke wurden zum Protokoll der reinen Geste. Das fixierte Produkt jenes kurzen Augenblicks, wenn die Farbe unkontrollierbar zwischen Maler und Bildfläche schwebt. Hier wurde geträufelt, geschmiert oder geworfen – eine Kunstrichtung, die den Körper des Künstlers zum Werkzeug macht und ihren prominentesten Vertreter in Jackson Pollock fand.

Er steht als zentraler Neuerer der Malerei im Mittelpunkt der Riehener Ausstellung »Action Painting«, die noch bis zum 12. Mai 2008 andauert.

 

Der Kurator Ulf Küster interessiert sich für die Frage, ob abstrakte und gestische Kunst das Publikum heute noch ansprechen kann. Er überwindet die Trennung zwischen amerikanischen und europäischen Kunstströmungen der Nachkriegszeit und meint mit »Action Painting« ein globales Phänomen. Eine Malerei, die der Befindlichkeit des Künstler eine unmittelbare Ausdruckform gab und sich von traditionellen Grenzen befreit hat.

 

Rund einhundert Werke von 27 Künstlern aus Europa, Süd- und Nordamerika und Asien versammelt die Fondation unter ihrem Ausstellungstitel. Um Pollock gruppieren sich die nicht minder prominenten Künstler Willem de Kooning, Clyfford Still, Sam Francis, Roberto Matta und Pierre Soulages. Das Spektrum der gestischen Malerei erweitert die Ausstellung um Gemälde von Ernst Wilhelm Nay, Arshile Gorky, Wols, Morris Louis und Kazuo Shiraga.

 

Immer die Zigarette im Mundwinkel – so erleben wir Jackson Pollock, wie er sich zunächst seine »Arbeitsschuhe« anzieht, um sich anschließend seinem exzessiven Farbspektakel des »Dripping« und »Pouring« hinzugeben. In einem Vorführraum zeigt eine Installation die beiden bekannten Filme von Hans Namuth, die maßgeblich an der Schaffung des Genie-Mythos beteiligt waren. Gleichzeitig lassen sie verstehen, wie wichtig in dieser Zeit der Schaffensprozess selbst geworden war. Die Aktion als eigentliche Werkform, welche Namuth dokumentierte und damit den Weg zur Videokunst ebnete.

 

Ulf Küster merkt an, dass diese Filme zwar »enorm viel über den Schöpfungsprozess der Bilder« sagen, das Bild der fremd gesteuerten Extase allerdings in Frage stellen. In der vielzitierten Trance sieht Küster vielmehr einen Ausdruck von »absoluter Konzentration«. Was man in den berühmten Filmen von Namuth nicht sieht ist die Frage, die Pollock nach getaner Arbeit seiner Frau Lee Krasner stellte: »does it work?«. Sehr oft funktionierten die Werke nicht und wurden vom Künstler selbst zerstört. Ein Hinweis auf den langen Prozess der Reflexion, den die Ausstellung ebenso thematisiert.

 

Pollock bildet in vielen Punkten den Dreh- und Angelpunkt der Ausstellung. Parallelen finden sich in der Biographie von Wols, die Gottfried Böhm in seinem Katalogessay aufgreift. Wols Werk »It’s all over – Es ist alles vorbei – The City« aus den Jahren 1946/47 deuten auf einen ähnlich zerstörerischen Charakter, wie man ihn von Jackson Pollock zu kennen glaubte. Wols ließ seine Farbe gleichsam unkontrolliert über den Bildträger laufen, doch kratzte er sich im Anschluss auf der Leinwand den Schmerz von der Seele. Beide Künstler beschleunigten ihre Selbstzerstörung durch Alkohol- und Drogenkonsum. Was sich beim einen in einer kleinteiligen Bearbeitung der Leinwand äußerte, fand beim anderen die ausladende Geste.

 

Große Namen und ebenso große Bildformate stehen sich in der Ausstellung gegenüber. Ein interessanter Dialog, der von den Differenzen der Werke lebt. Geht der Betrachter vom Thema Raumtiefe aus, so kann er in dieser Ausstellung die Vielzahl der Gestaltungsmöglichkeiten vergleichen. Aus den Werken von Kazuo Shiraga ragen die Farbklumpen skulptural hervor, welche er an Seilen hängend auf einer am Boden liegenden Bildfläche verteilte. Sie bestechen durch ihre Version, Tiefe auf einer Bildfläche zu erzeugen und strotzen von Farbfrische. Pierre Soulages' kräftige schwarze Pinselstriche sind hier ein willkommenes Gegenüber. Hier sehen wir Bilder, die einen Raum zwischen sich und dem Betrachter aufbauen. Sie stellen eine andere Tiefe dar, als wir sie von Pollocks Werken kennen und lassen Küster von einem »Action Viewer« sprechen, wenn er den Stellenwert des Publikums für diese Kunst erläutert.

 

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Täglich 10-18 Uhr

Mittwoch 10-20 Uhr