Ausstellungsbesprechungen

Ad Absurdum - Energien des Absurden von der klassischen Moderne zur Gegenwart

In einer großen thematischen Ausstellung zeigt das MARTa Herford vom 19. April bis 27. Juli 2008 verschiedenste Erscheinungsformen des Absurden in der Kunst von der Moderne bis in die Gegenwart. Die Ausstellung ist in Kooperation mit der Städtischen Galerie Nordhorn entstanden, die vom 20. April bis zum 8. Juni schwerpunktmäßig Absurdes in der Gegenwartskunst zeigt.

Für das MARTa Herford, dessen überregionaler Bekanntheitsgrad nicht nur der besonderen Architektur des Museumsbaus von Frank Gehry, sondern auch der eigenwilligen Ausstellungs- und Ankaufspolitik des ehemaligen Documenta IX-Machers Jan Hoet (»Wenn ich entscheide, Kunst zu kaufen dann finde ich innerhalb von drei Jahren Geld«) zu verdanken ist, markiert diese Ausstellung eine Zäsur. Ad Absurdum wird die Abschiedsaustellung Hoets sein, der das MARTa als künstlerischer Direktor seit 2001 geleitet und geprägt hat.

 

Initialzündung für das Thema der Ausstellung Hoets, der die Schau zusammen mit seinem ehemaligen Documenta-Assistenten und designierten Nachfolger Roland Nachtigäller aus Nordhorn und dem Kurator des MARTa Michael Kröger konzipierte, sind die Theorien Albert Camus. In dessen philosophischer Arbeit »Der Mythos von Sysiphos« beschäftigte sich der von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs nachhaltig geprägte Camus mit dem Spannungsfeld zwischen einer leid- und hasserfüllten Welt einerseits und der Sehsucht des Menschen nach sinnvollem, moralischem Denken und Handeln andererseits. Das Absurde wurde zu einem zentralen Begriff seiner Philosophie.

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Ein Phänomen wird als »absurd« empfunden oder bezeichnet, wenn es sich nicht den gewöhnlichen Erfahrungen entsprechend einordnen lässt. Es ist der Zwiespalt zwischen dem, was wir sehen, zu wissen glauben und dem, was wir fühlen. Was für den Verstand unfassbar ist, richtete sich nicht nur nach individuellen Gegebenheiten, sondern ist auch immer an den aktuellen Entwicklungs- und Bildungstand der das Individuum umgebenden Gesellschaft gebunden. Das zeigt sich gerade in der Akzeptanz von abweichender Kunst wie der der Dada- Bewegung nach dem ersten Weltkrieg. Dada steht für die Kunst des Absurden und des Abweichens Pate. Dem entsprechend sind etliche Protagonisten dieser Bewegung wie Kurt Schwitters, Max Ernst oder Man Ray in der Ausstellung vertreten.

 Dadas Absurditäten waren ein Versuch, Kunst in einer von moralischem und ethischen Verfall gekennzeichneten Zeit, während und nach dem ersten industrialisierten Krieg der Menschheitsgeschichte, den aktuellen Gegebenheiten anzupassen und neue Ausdrucksformen zu schaffen. In diesem Zusammenhang steht Man Rays »Cadeau«, ein Bügeleisen, dass mit Spornen an der Bügelfläche den von Zeitgenossen empfundenen Wahnsinn des Krieges und der Nachkriegszeit in einen Gebrauchsgegenstand transformiert. 

So sehr die Dada-Künstler ihre Gesellschaft kritisierten und ihr Publikum vor den Kopf stießen, so ergiebig war der daraus entstehende Bruch mit der Tradition. Neue künstlerische Techniken entstanden, Tabus wurden gebrochen und unser Kunstverständnis wurde nachhaltig verändert, so dass Kunst heute viel mehr ist, als ein Abbild der Natur. Mit dem gegenwärtigen Wissen und unseren Erfahrungen, nach den Kunstverboten durch zwei autoritäre Regime, begegnen wir den Entwicklungen in der Kunst größtenteils gelassener und verständnisvoller, als dies zu Zeiten der klassischen Moderne der Fall war. – Aber auch heute rufen Tabubrüche durch Kunst immer wieder starke Emotionen hervor. Hoet kann selbst ein Lied davon singen. Gleich seiner erste Ausstellung in Herford wurde seitens der Behörden und Teilen des Publikums als pornografisch angegangen, der Katalog kam auf den Index. Vielleicht ein Grund, warum diese Ausstellung etwas sehr Persönliches und Authentisches hat. 

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Schon die Zahl der gezeigten Arbeiten ist bestechend. 125 Künstler sind in der Doppelschau vertreten. Die Palette reicht von Größen wie Beuys, Brancusi, Magritte, Picasso, Duchamp, Le Corbusier, bis hin zu Gegenwartskünstlern wie Jonathan Meese und Jason Rhoades, die, zumindest aktuell gefühlt, das Potential haben in die Kunstgeschichte einzugehen.

Gezeigt werden Plastiken, Skulpturen, Installationen und Bilder quer durch die Epochen. Sowohl frühneuzeitliche Kupferstiche wie »der Stocknarr« von Jost Amman, über Picassos Entwurf zu seinen »Demoiselles d´Avignon«, Fluxus von Beuys, bis hin zu den aktuellsten, skurrilen und pointierten Gesellschaftskritiken des Biennalekünstlers Nedko Solakov sind vertreten.

 

Einer der Hingucker der Ausstellung ist zweifellos Thomas Rentmeisters Einkaufswagen. In drei Tonnen Zucker versenkt, steht die Installation für die absurd übermäßig versorgte Gesellschaft der westlichen Welt, die durch ein Überangebot an Waren unmöglich so viel konsumieren wie sie kaufen kann. 

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In das gleiche, gesellschaftskritische Horn bläst Nedko Solakov. Seine gelbe Wandfläche ist unterschrieben: »I ordered the yellow wall from the exhibition assistance, but later on I completely forgot the reason for this.« Dieser wahrlich absurde »Auftrag« an das MARTa-Team spielt mit der Unsicherheit einer Welt des Mammons, die sich dem materiellen Überfluss hemmungslos hingibt und ihren finanziellen Reichtum für Sinnlosigkeiten aus dem Fenster wirft.

Noch zugespitzter geht Wim Delvoye die Darstellung der unerfüllten, abgestumpften Lebensweise an, die ausschließlich konsumiert, um zu sein. Seine »Personal Cloaca« ist ein waschmaschinenähnlicher Apparat, der in seinem Inneren aus diversen Zutaten in regelmäßigen Abständen Kot produziert. Ein Dasein ohne zu leben kann kaum drastischer dargestellt werden.

 

Passend zu Titel und Machern der Schau wird ein außergewöhnlicher Katalog gleich mitgeliefert: Ein 1152 Seiten starker, sehr persönlicher Schinken, der reichlich drollig im Miniaturformat daher kommt. Und für diesen gilt: klein, leicht, absurd in der Dicke, mit mächtig Textsubstanz und herrlicher Ironie.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Montags geschlossen.
Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen
11.00 bis 18.00 Uhr.
Jeden 1. Mittwoch im Monat 11.00 bis 21.00 Uhr.
An jedem 1. Mittwoch im Monat freier Eintritt
von 19.00 - 21.00 Uhr.

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