Ausstellungsbesprechungen

Albert Fürst & Heinrich Rohwedder

(…) Was uns hier auf den ersten Blick begegnet, sind zum einen grellbunte, offenkundig gestisch inszenierte abstrakte Bilder, zum anderen in sich ruhende, figürliche, wenn auch formal stark reduzierte Plastiken. Dass wir sie wie selbstverständlich nicht nur nebeneinander, sondern auch wie im Dialog miteinander auffassen, kommt nicht von ungefähr und ist obendrein erprobt: Bereits im Jahr 2000 fanden die zwei Protagonisten unsrer kleinen Kunstschau in diesen Galerieräumen zusammen. (…)

»Die Spontaneität ist eine der wenigen Garanten für Wahrheit. Das Unreflektierte ist das Unmittelbarste, was es gibt.« Während eines Interviews im Mai 2003 gab Albert Fürst rückblickend Auskunft über die Aufbruchstimmung in der Kunst, wie sie in den 1950er Jahren zu beobachten war. Es war eine aufregende Zeit, gerade in Deutschland, wo es so viel nachzuholen galt. »(…) die Vorzeit, das spielt ja alles da mit hinein«, so Fürst in dem besagten Interview, »Sie müssen bedenken, ich war Messdiener, Hitlerjunge, in der bündischen Jugend natürlich auch, dann Soldat, das sind ja alles Konditionen, die gewissen Einfluss hatten.«

 

Albert Fürst wurde 1920 in Homburg an der Saar geboren, studierte 1939/40 an der Kunstakademie Düsseldorf, bevor er in den Krieg ziehen musste, der für ihn wie für viele andere in der amerikanischen Gefangenschaft endete. 1946 konnte er das Studium wieder aufnehmen, als Lehramtskandidat wählte er neben dem künstlerischen Fach die Romanistik, was ihm immerhin einen Zwischenstopp in Paris einbrachte – ein Eldorado der jungen Kunstszene. Spätestens hier wird Fürst in den Strudel des abstrakten Expressionismus gezogen worden sein, der dem Akademismus und dem aufgestauten Gefühl der Enge wie eine Droge zu entrinnen half. »Unfreiheit«, so wieder Alfred Fürst, »Wenn man bedenkt, wie unfrei man ist als Kreatur. Man kann ja aus seiner Haut nicht heraus, alle diese Dinge wirken zusammen in einem Schmelztiegel, aus dem auszubrechen es sich gelohnt hat.«

 

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(…) Noch bevor Fürst den malerischen Kosmos von Rembrandt und Wols entdeckte, war die Musik die treibende Kraft seines kreativen Strebens: Er spielte Geige und Klarinette, trat später als Sänger auf und betrat auch als Schauspieler und Regisseur die Bretter, die die Welt bedeuten. Von hier begibt sich Albert Fürst in die Kunst. Das Musikalische ist den Bildern eigen, man ist versucht zu sagen: Diese Werke kann man sehen und hören. Den Stempel des Informel kann man ihm durchaus aufdrücken, als Sigle der Zugehörigkeit. Doch unverwechselbar machen ihn diese Elemente: die Musik und die Präsenz der Figur, die ja nahezu notwendig in der Theatralik zu Hause ist. Das Informel bemühte sich demgegenüber um Gegenstandslosigkeit, gerade Wols begnügte sich mit dem psychedelischen Zugang zur Kunst und ist damit weiter weg von den Arbeiten Albert Fürsts, als man zunächst vermuten würde.

 

(…) Noch einmal sei es hervorgehoben. Gegen die abstrakte Herkunft entpuppen sich die impulsiven Pinselstriche als Konkretionen zur Figürlichkeit hin, man denke nur an die »Figurengeburt«. Und wo Albert Fürst wie in einer bildimmanenten Signatur den schwarzgetränkten Pinsel abrupt über die leuchtenden Farben dahinfegen lässt, schafft der Maler ein Raumgefüge, das ganz seine ureigene Handschrift trägt. Nehmen Sie beispielsweise das Gemälde mit dem Titel »Wirbelzeichen«, das sie schon auf der Einladungskarte eingestimmt hat auf diese Ausstellung: Zarte Farbschleier scheinen über die Leinwand zu schweben, darüber setzt Fürst markante Farbspuren, die der Farben bei aller Härte zu einem lyrischen Ton verhelfen und eine Struktur erzeugen, durch die man greifen möchte.

 

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(…) Der 1935 in Norddeutschland geborene Bildhauer Heinrich Rohwedder folgt mehr den stillen Pfaden der Kunstgeschichte, seine Bronzen erscheinen in sich gekehrt im Vergleich zu den extrovertierten Farbklängen im Werk Albert Fürsts. Rohwedders Weg führte über die Studienzeit in Hannover nach Paris und schließlich nach Stuttgart, wo er ein im phantastischen Sinne des Wortes wunderbares Atelier unterhält. Nahm Fürst unmittelbar an den markanten Strömungen seiner Zeit teil, suchte Rohwedder den unterschwelligen Kontakt, wohl wissend, dass die Großen der Zunft: Rodin, Brancusi, Marini, Zadkine – die ihn gleichwohl prägten –, nur die unerreichbaren Gipfelpunkte einer breiten Tradition waren, ohne die sie nie diese Höhe und Größe erreicht hätten. Der junge Rohwedder konnte diese Erfahrung noch im Paris der 1960er Jahre machen, als Ossip Zadkine die Arbeiten des Studenten korrigierte, wo die grande sculpture noch ihre langen Schatten warf.

 

(…) Wenn wir uns die disparaten Arbeiten dieser Ausstellung gemeinsam betrachten – hier die impulsive Geste des Malers, dort die konzentrierte Formgestaltung des Bildhauers –, können wir sehr wohl auch Gemeinsamkeiten entdecken: Da, wo die Oberfläche der Bronze nicht geschliffen wurde, entfaltet das Material selbst eine quasi informelle Seite; und wie der Plastiker die Möglichkeiten der Fläche auslotet, erfasst der Maler und Grafiker die räumlichen Erscheinungen seiner Bilder. Zudem pflegen beide Künstler den Leerraum, den Fürst gern umkreist, bewusst durchbricht; Rohwedder scheint ihn mehr zu umspielen. Gemeinsam ist den Künstlern die Aufhebung der Schwere im Rhythmus – Fürst nähert sich einer kalligraphischen Leichtigkeit an, weit entfernt von jeglichem horror vacui, zuweilen dicht an der Ästhetik japanischer Farbholzschnitte. Rohwedder unterdrückt die Masse des Metallgusses, lässt glaubhaft seine Plastiken sich erheben. Und noch eins: Albert Fürst ist zwar dem abstrakten Lager zuzuordnen, doch geraten ihm die Farben unbewusst oder vorsätzlich zur Figur. Der erste Strich ist frei, beim zweiten sind wir schon mit dem Kopf dabei, mitten drin und damit nicht mehr frei im Sinne einer regellosen, verstandesunabhängigen Darstellung. Andrerseits gehört das Werk von Heinrich Rohwedder eindeutig zur figürlichen Plastik; allerdings führt er sein Motiv bis an die äußersten Grenzen zur abstrakten Kunst. (…)

 

 

 

Öffnungszeiten

Dienstag bis Freitag 16–19, Sa 10–13 Uhr

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