Ausstellungsbesprechungen

Albert Oehlen – Malerei, Museum moderner Kunst, Wien, bis 20. Oktober 2013

Albert Oehlen ist nicht nur einer der einflussreichsten, sondern auch einer der streitbarsten Maler der Gegenwart. Sein Projekt einer Aktualisierung der Malerei besteht nicht zuletzt darin, das althergebrachte Medium sowohl gegen seine KritikerInnen wie auch gegen seine VerteidigerInnen in Stellung zu bringen. Sabrina Möller hat es sich im mumok angesehen.

Es ist ein Moment der Erleichterung, ein fast schon spürbares Aufatmen: der Tod der Malerei? Schwachsinn! Die Ausstellung von Albert Oehlen im mumok beweist das Gegenteil und negiert dennoch keineswegs eine Krise der Malerei. Doch statt diese Krise als eine Tendenz für ihr Aussterben zu lesen, nimmt Oehlen die scheinbaren Feinde der Malerei in seine Bilder auf und macht die Leinwand zu dem Feld, auf dem der Diskurs ausgetragen wird. Das dadurch erweiterte Medium wird so zeitgleich zu einem Gegenentwurf, der das reale Leben ausschließt und rein kontemplative Momente produzieren will.

Riesige Formate, eine schier endlose Farbpalette, Schmierereien, Kleckse, Fingermalereien, Spiegelungen und jede Menge Klischees. Es ist das sogenannte »Überdosis-Prinzip«, wie der Direktor des Instituts Mathildenhöhe in Darmstadt Ralf Beil es einmal treffend formulierte, dass das Auge des Betrachters in der Konfrontation mit dem Œuvre von Oehlen in eine ständige, scheinbar orientierungslose Bewegung versetzt. Seine grauen Werke versteht Oehlen dabei als eine Therapie, um seine »Gier nach Farbe« ständig aufrechtzuerhalten und neu anzutreiben.

Sowieso verwendet Oehlen eine breite Palette: es gibt also nicht nur grau oder bunt. Dreckige, schlammige Farbtöne werden mit Klischees kombiniert: Mauerformationen und aufgeklebte Spiegel, die einen Ausweg in den Betrachterraum bieten oder den Betrachter in diese muffigen Räume integriert. Zeitgleich verweist er damit auf das Klischee der Perspektive oder die integrierten Spiegelmotive in der Malerei. In diese Kategorie, die man auch als die »Gier nach Klischees« betiteln könnte, fällt auch der Hirsch, der für den Kurator Achim Hochdörfer zum Symbol der 80er Jahre-Malerei erhoben wird. Doch ist der röhrende Hirsch mit gestutztem Geweih im Frack tatsächlich eine Referenz auf die deutsche Spießbürgerlichkeit? Oder doch einfach nur ein Gegenprogramm zur gleichzeitigen aktionistischen Malerei, die in Oehlens neuester Serie mittels Fingermalereien integriert wird?

Zum ironischen Stellvertreter wird das Selbstporträt. In der einzigen Installation der Ausstellung platziert Oehlen ein Bildnis seiner Selbst im Bett seines ehemaligen Jugendzimmers. Eine Hand ragt unter der Bettdecke hervor und suggeriert den Akt des Selbstporträtierens. Aufgehoben sind die Grenzen zwischen Original und Abbild, Realität und Virtualität. An der gelb gestreiften Tapete der Wand hängt neben anderen Bildern auch ein älteres Plakat von Oehlens Ausstellung in der Secession. Das Porträt von Oehlen, das uns auf den Plakaten und dem Künstlerbuch präsentiert wird, ist übrigens kein Selbstporträt: sein Sohn Ernsti hat ihn gemalt.

Banalitäten versus Hochkunst: Fast schon plakativ wird man mit dem Spiel von Gegensätzen konfrontiert, wenn man plötzlich einem Plakat mit überdimensionalen, schlafenden Teletubbies gegenübersteht. Sollen diese niedlichen Wesen die eingangs angesprochenen Feinde der Malerei repräsentieren? Man mag es kaum glauben. Gemeint sind die neuen Medien, die etwa mittels schwarz-weißer Computerbilde in die Ausstellung integriert werden. Die pixeligen Arbeiten – die Anfang der 90er Jahre entstanden sind und damit schon fast einen Retro-Charakter im Hinblick auf die Computertechnologie besitzen – werden zum Ausgangsmaterial für Werke, die in einem nächsten Arbeitsschritt übermalt oder erweitert werden. Indem das Computerbild Ausgangsmaterial ist, wird der einstige „Feind“ in die Malerei integriert. Dabei stellt sich ein hierarchisches Moment ein, in dem die Malerei die neuen Medien überdeckt, erweitert oder sogar ausradiert.

Doch damit nicht genug. Ein Glanzstück dieser Ausstellung ist der begleitend publizierte Katalog, der es schafft, den Leser in großes Gelächter zu versetzen. Erfrischend und wahnsinnig lustig sprechen Albert Oehlen und Daniel Richter über Material, Produktion und die Kunst allgemein – ohne dabei ernsthafte Momente völlig auszuschließen. Es ist die richtige Mischung, die unterhält und zugleich Wissenswertes über Oehlens Schaffenvermittelt. Doch dabei bleibt es nicht! Das Künstlerbuch – mit seiner außergewöhnlichen Gestaltung und fortwährenden Produktion von Fehlern – wird erweitert um ein Gespräch zwischen dem Kuratoren Achim Hochdörfer und Hal Foster: »Oehlen als Schönberg – ein wilder Gedanke«. Mit dem Titel »Die Gang- und die Post-Gang-Malerei von Albert Oehlen« findet sich auch ein Gespräch zwischen Rochelle Feinstein und Kerstin Stakemeier. Unbedingt lesenswert!