Ausstellungsbesprechungen

Arno Schmidt. Der Schriftsteller als Fotograf, Günter Grass-Haus, Lübeck, bis 2. Oktober 2011

Arno Schmidt war ein begeisterter Amateurfotograf, das weiß ein jeder Leser seiner Romane und Erzählungen, in denen immer wieder geknipst und fotografiert wird. In seinem Nachlass fanden sich 2500 Farbdias und 1000 Schwarzweißnegative, das Gros im niedersächsischen Bargfeld aufgenommen, wo er seit 1958 bis zu seinem Tod 1979 lebte. Das Lübecker Günter Grass-Haus zeigt jetzt eine kleine, aber sehr intensive und atmosphärisch dichte Schau seiner Bilder, die Stefan Diebitz für PKG besucht hat.

Das Günter Grass-Haus zielt mit seinen Sonderausstellungen besonders auf Doppelbegabungen, also auf Schriftsteller, die sich ähnlich wie Grass noch auf einem anderen Gebiet künstlerisch profilieren konnten. Hier ist es also die Fotografie, der Schmidt über Jahrzehnte treu blieb, wenngleich immer nur als reiner Amateur und auf jeden Fall ohne professionelle oder explizit künstlerische Ambitionen. Die Ausstellung mit seinen Bildern wurde von Janos Frecot betreut, der über eine entsprechende Doppelqualifikation verfügt, denn einerseits war er von 1978 bis 2002 Leiter der Photographischen Sammlung am Landesmuseum Berliner Galerie und ist außerdem ein intimer Kenner und großer Liebhaber von Arno Schmidts Werken.

Die Bilder dieses größten unter allen Eigenbrötlern der jüngeren Zeit teilen sich in ungefähr drei Gruppen. Einmal sind da die Porträts des Ehepaares Alice und Arno Schmidt, zu denen sich eine Fülle von fast ausnahmslos unspektakulären Aufnahmen der flachen, vielleicht gar eintönigen niedersächsischen Landschaft gesellt, und endlich findet sich eine Art von Stillleben – gelegentlich sogar minimalistisch - mit Blumen, einem Lattenzaun oder einem dahinströmenden Bach. Die älteren Bilder sind noch schwarzweiß, die jüngeren farbig. Die Farbbilder wurden seit 1964 mit einer Spiegelreflex aufgenommen, einer Yashica 44, deren Bildformat 4 x 4 betrug. Diese Zahlen wurden später auch zum Titel eines Buches mit Arno Schmidts Bildern erwählt.

In Arno Schmidts Werk dient der Schnappschuss immer wieder als Symbol für das Seelenleben des Icherzählers oder, was eigentlich dasselbe bedeutet, für den Vorgang des Erzählens. So ist in »Aus dem Leben eines Fauns« der Erzähler »ein Tablett voll glitzernder snapshots«, und es heißt »Blende zu«, nachdem er eine Figur geschildert hat. »Hä Eggers«, Arno Schmidts alter ego in »Das steinerne Herz«, hat auch selbst immer eine Kamera schon aus rein dokumentarischen Gründen bei sich (»Apparat hab ich oben«), denn ein Dichter wie Arno Schmidt wollte immer »die Nessel Wirklichkeit fest anfassen«, und dafür ist eine Kamera nun einmal ein geeignetes Instrument. Insofern bestand also aller Grund zu der Sorge, in der Ausstellung größtenteils eher dokumentarischen Fotos zu begegnen.

Aber weit gefehlt! Die Schönheit der Naturaufnahmen ist wohl die größte Überraschung, die diese Ausstellung bereithält. Das gilt bereits für die schwarzweißen Bilder, die mit ihren fein abgestuften Schwarz- und Grautönen ein hohes fotografisches Niveau besitzen. Ein schon rein technisch besonders gelungenes Bild zeigt Pappeln und Schilf an einem Wasserlauf, wahrscheinlich einem Kanal, ein anderes eine Pappelreihe, die zusammen mit Telefonmasten an einer schnurgeraden Straße in die Tiefe des Raumes läuft. Bei solchen Aufnahmen kommt es wesentlich auf den Reichtum an Grauwerten an, und eben daran herrscht kein Mangel.

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Manche von Schmidts schwarzweißen Naturfotos erinnern an den Beginn von »Kaff auch Mare Crisium«: »Die nackten schwarzknochigen Bäume; anschtatt des Laubs langes Schtroh in den ergreifenden Ästen«. So spricht der Erzähler, dessen Freundin auf der Suche nach Stoffmustern ist und »Kuhpladdern« oder Maschendraht findet und abzeichnet; und zumindest letzteren hat Arno Schmidt auch tatsächlich fotografiert, ebenso wie sein Häuschen oder leere Felder, auf denen nicht einmal Kühe zu sehen sind, sondern die einfach nur eine leere Kulturlandschaft zeigen.

Fast ausnahmslos alle Landschaftsaufnahmen sind unspektakulär – aber als sich eine gewaltige, blauschwarze Gewitterwand hinter einem rot gedeckten Häuschen aufbaute, da hat Arno Schmidt doch die Chance genutzt und ein Bild geschossen, das durch den Horizont ganz genau in eine obere und eine untere Hälfte geteilt wird. Das Häuschen aber, noch im Sonnenschein blitzend, befindet sich im Zentrum des Bildes, das noch symmetrischer gar nicht hätte aufgebaut werden können.

Auf Bildern mit tiefstehender Sonne ist manchmal der Schatten des Fotografen absichtsvoll zu sehen. Richtige Porträts, auf denen der um sein Alleinstellungsmerkmal als grimmiger Einsiedler immer besorgte Schmidt allemal ernsthaft, wenn nicht gar böse und in jedem Fall abweisend in die Kamera schaut – meist vor einer mit Latten verkleideten Wand –, gibt es in Fülle, schon deshalb, weil das Ehepaar Schmidt diese Fotos dann an die Journalisten verkaufen konnte, denen das Fotografieren im Haus strikt verboten wurde.

Alle Aufnahmen – sowohl die schwarzweißen wie die farbigen – sind quadratisch, ein Format, das für uns heute eher ungewöhnlich ist. Arno Schmidt liebte es, den Horizont auf diesen quadratischen Bildern ziemlich genau durch die Mitte laufen zu lassen, so dass der Himmel und die flachen Äcker oder Wiesen in ihrer Größe einander entsprachen. Sehr viele seiner Bilder scheint er auf abendlichen Spaziergängen aufgenommen zu haben, und von der Aufteilung seiner Bilder in zwei gleichgewichtige Hälften wich er auch dann nicht ab, wenn die tiefstehende Sonne Bäume in seinem Rücken einen großen Schatten auf das Feld vor ihm werfen ließ. Fast niemals sieht man Menschen, und auch größere Tiere lassen sich auf keinem einzigen Bild der Ausstelllung blicken; allenfalls für einen Schmetterling auf einem Lattenzaun vermochte sich dieser Einsiedler zu erwärmen. So sind die Bilder durchweg sehr statisch, und Schnappschüsse kann man sie eigentlich nicht nennen, denn zweifellos hat es fünf Minuten, ja nicht einmal ein ganzes Jahr später nicht wesentlich anders ausgesehen. Im Grunde frieren die Schmidtschen Bilder die Zeit ein, und nur ganz selten, etwa bei einem dahinströmenden Bach, zeigt sich Bewegung, an den wogenden Gräsern des glasklar dahinströmenden Gewässers deutlich abzulesen.