Ausstellungsbesprechungen

Arnulf Rainer. Malerei, Arbeiten auf Papier, Kunstmuseum Ahlen, bis 26. April 2015

Das Kunstmuseum Ahlen zeigt anlässlich des 85. Geburtstags Arnulf Rainers eine Werkschau des Österreichers. Darin nimmt Mona Lisa den Schleier und der Besucher kann verfolgen wie sich Rainer dem Motiv des kreuzes annähert. Susanne Gierczynski war in Ahlen unterwegs.

Über die Grenzen hinaus bekannt wurde Arnulf Rainer mit Übermalungen von fotografischen Selbstporträts, die er seit den 1970er Jahren als bildnerisches Mittel einsetzte und die seinen Weltruhm begründeten. Weniger bekannt sind hingegen seine ganz frühen Arbeiten und sein Spätwerk. Beides präsentiert die Schau in Ahlen mit knapp 100 Exponaten und darf damit als Highlight der diesjährigen Ausstellungssaison in der Region gelten.

Detailversessene surreal-abbildhafte Grafit-Zeichnungen, die das Blatt zur Gänze auszufüllen suchen, stehen im Frühwerk der 1950er Jahre kontrapunktisch neben Blättern, die mit einem absoluten minimalen zeichnerischen Aufwand die Leere des Blattes mit zum Thema zu erheben.

Kaum fünf Jahre später folgen Blätter mit Themen wie »Zentrale Kruzifikation« (1952/54) oder »Zentralisation«, (1955) die ihren Energieimpuls aus der Mitte des Blattes in Form angesammelter Zeichenmaterie herausschleudern. Der Tachismus macht für Rainer die gestische Sprengladung auf dem Papier möglich. Zugleich findet das Thema des Kreuzes, das ihn zeitlebens beschäftigen wird, Eingang in Rainers Werk. In der Folgezeit erarbeitet Rainer in Mischtechniken ungegenständliche Übermalungen, die dann in den 1970er Jahren in die übermalte Figürlichkeit münden. Schwarz-Weiß-Fotografien, auf denen der Künstler selbst in situativen Zusammenhängen erscheint, wie in »Grabgesang« (1970-75) oder »Grabes Furcht« (1973) akzentuieren die Figur mit roter und schwarzer Linie in ihren zentralen Achsen, als legten sie in Kreuzform die innewohnenden Kraftströme der spannungsgeladenen Figur frei. Eine Reihe von fotografierten Akten, die in akrobatisch anmutenden Haltungen mittels Tusche, Grafit und Ölkreide übermalt wurden, spielt das Thema des Körperbaus durch, als paraphrasiere der Autodidakt Rainer lustvoll die akademische Schulung.

Auf fünf Blättern aus dem »Hiroshimazyklus« von 1982, der als eines der zentralen Werke Rainers gilt, kontrastiert der Künstler die unglaubliche Kleinteiligkeit der zerstörten Stadt auf der Fotografie mit seiner summarischen Übermalung in Kreuzform. Die formale Spannung zwischen der motivisch unterlegten menschenleeren Katastrophe und der energetisch geladenen Zeichnung des Leidens- und Erlösungsmotivs des Kreuzes, ist in ihrer Drastik beängstigend und frappierend zugleich.

Es folgen Übermalungen von Künstlerkollegen-Porträts wie Vincent van Gogh oder Rembrandt aus den 1980er Jahren und schließlich, ungleich lyrischer aufgefasst, jene farbigen Verschleierungen fotografierter Madonnen- und Frauengesichter, die zwischen 2002 und 2013 entstanden. Zu dieser Serie gehört auch die Mona Lisa des Leonardo da Vinci. Rainer bearbeitete das im Ausschnitt wiedergegebene Antlitz in zwei Ausführungen. Rückt die erste Ausführung das Porträt an die rechte Bildseite, wird im zweiten Bild Mona Lisas Gesicht so weit an die linke Bildseite gerückt, dass nur noch ihr rechtes Auge angeschnitten sichtbar bleibt. Mona Lisa scheint sich zunehmend aus den Bildern Rainers zurückzuziehen. Die beigefügten Farbschlieren legen sich wie blaue und grüne oder rosafarbene Schleier an das Porträt an. Sie umspielen auf luzide Weise den Kopf ohne wirklich zu verbergen, sondern deuten vielmehr eine ungewisse Ferne an, in die die Figur getreten zu sein scheint. Rainers Arbeitsweise klärt diese (sich verflüchtigende) Wahrnehmung ansatzweise auf: Leonardos Bild wurde fotografiert und im Ausschnitt festgelegt. Sodann erfolgte in einem zweiten Arbeitsschritt die Setzung von ersten Farbschlieren in Leimfarbe, was wiederum fotografiert wird und in einem letzten Arbeitsprozess werden die letzten Farbschleier gesetzt. Rainers Arbeitsprozess kann sowohl über einen langen Zeitraum von Wochen oder Monaten als auch innerhalb von Tagen erfolgen. Was bleibt, ist der Eindruck, den Rainer selbst formulierte: »Man soll nur etwas Vergangenes ahnen.«

Über drei Etagen hinweg hat der Besucher der Ausstellung im Ahlener Kunstmuseum die Möglichkeit, sich Arnulf Rainer und seinem opulenten, von Serien bestimmten Werk zu nähern. Nach dem teilweise dunkel und morbide erscheinenden frühen und mittleren Werk, gilt es in Ahlen vor allem den älteren Rainer zu entdecken, der sich einer lyrischen Farbtransparenz zuwendet.

Der Katalog zur Ausstellung mit zahlreichen Abbildungen und Texten von Burkhard Leismann, Andreas Dombret, Martina Padberg, Sandra del Pilar, Stefan Skowron und Susanne Buckesfeld ist im Museumsshop erhältlich.