Ausstellungsbesprechungen

Arte Povera. La Poetica dell’Arte Povera

»Es kommt mir so vor, als hätten meine Werke keinerlei Zukunft, als erschöpften sie sich im selben Moment, in dem sie entstehen«, befürchtete Giulio Paolini, einer der führenden Meister der Arte povera, in den späten Sechzigern. Doch irgendwie überlebte die ausschließlich italienische Bewegung die Jahrzehnte in erstaunlicher Frische: keine Proteste mehr, vielmehr Podeste in allen großen Museen.

Kaum ein moderner Musentempel, der nicht einen gläsern-himmlischen, neonleuchtenden oder auch betont irdischen-erdigen Iglu von Mario Merz sein eigen nennen wollte, jenes nomadenhafte Wahrzeichen, das den ganzen Stil im Bewusstsein der Museumsgänger hielt. Und wo die einstige Skandalkunst gelegentlich zum liebgewordenen Repertoirestück verflachte, bewahrte doch immerhin die von Merz mit eingebrachten Zahlenreihen, die Fibonacci-Ziffern als Symbol kosmischen Gleichklangs, stets eine Portion Irritation, die das sparsame, gleichsam heilig-nüchterne Flämmchen der so genannten armen Kunst bis ins 21. Jahrhundert leuchten ließ. Im November 2003 ist Merz 78-jährig in Turin gestorben, und plötzlich wird man gewahr, dass die Glanzzeit der Arte Povera mehr als eine Generation zurückliegt.

 

Über 100 Exponate von 14 Künstlern sind nun in Magdeburg zu sehen, womit der Betrachter den harten Kern auf den Prüfstand schicken kann, ob die Sack- und Lumpenobjekte heute noch wirken. Die Prüfung haben sie bestanden, mehr noch: Die Arte povera leuchtet – was zu einem beachtlichen Teil das Verdienst der ehemals klösterlichen Umgebung ist. In den großen Linien ist die Ausstellung historisch aufbereitet, sprich als Versuch zu werten, die Situation in den 60er-Jahren zu dokumentieren, wenn nicht zu konservieren. Doch werden auch Objekte gezeigt, die außerhalb Italiens kaum bekannt sind, seien es einzelne Arbeiten von Jannis Kounellis, oder gleich Künstler, die nördlich der Alpen noch ihrer Entdeckung entgegensehen – man denke an Piero Gilardi oder die Witwe von Mario Merz, Marisa Merz. Das mehr oder weniger Altbekannte wird in Magdeburg zur Frischzellenkur, die erklärte Schmalhanskunst zur Vollwertpräsentation.

 

In der Konzeption bemühen sich die Ausstellungsmacher um die Darstellung kommunikativer Strategien von damals, wobei die kunsthistorische Einordnung hinter die Verflechtungen der Gruppenmitglieder und ihrer Kunst zurücktritt. Das ist zunächst einmal gut gemeint, weil die Themen auf diese Weise besser verzahnt werden können. Es ist aber auch schade, da die verschiedenen Strömungen innerhalb der Gruppe kaum mehr zu erkennen sind: Freilich geht etwa der Begriff auf den Kunstkritiker Germano Celent zurück, der 1967 die Gruppenausstellung »Arte Povera e IM Spazio« organisierte und bei der Namensgebung wohl auf die zeitgleiche Theaterreform des polnischen  Bühnenpapstes Jerzy Grotowski blickte – in dessen »armem Theater« sollte der Schauspieler durch eigene Ausdruckmittel die übrigen Theaterelemente ersetzen, mit dem Ziel des »totalen Theaters«. Neu waren diese Ideen aber nicht, denn schon in den 50er-Jahren fanden Paolini, Pistoletto, Kounellis und Fabro zu ihrem persönlichen Stil. Ganz ausgeblendet bleiben die Verbindungslinien ins Ausland, etwa zu Joseph Beuys, dessen Aktionskunst ein sinnfälliges Pendant bildet, oder zur Minimal Art, die als Gegenpol der Arte Povere gegenübersteht.

 

Eine wichtige Erkenntnis ermöglicht die aktuelle Ausstellung: Die Arte povera war nicht so arm an Material und schon gar nicht an Ideen: Golden prangt eine (bronzene) Reliefkarte Italiens kopfüber von oben herab, Goldklumpen schimmern zwischen Kartoffeln hindurch. Damals brüskierten die Künstler allerdings die Betrachter, wenn sie Lehm, Seile, Kleider und anderes Alltagsmaterial zur Kunst erhoben oder gleich leibhaftig-lebendige Pferde in die Galerie führten; davon zeugen freilich nur noch Fotografien, die der Bewegung einerseits einen zeitlosen Charme verleihen – zumal in den Aufnahmen des Arte-povera-Chronisten Claudio Abate –, andrerseits die rasche Verfallszeit der Objekte wehmütig vor Augen führen. Sind die Künstler in ihrem Versuch, Kunst als Leben zu verkaufen, gescheitert? Wahrscheinlich schon; doch mit den Dadaisten teilen sie das »Schicksal«, museal geworden zu sein. Aber das ist nicht wenig! Heute ist der hohe Begriff der »Poetica«, den die Magdeburger Ausstellung im Titel führt, gerade gut genug, um deutlich zu machen, wie ästhetisch eine Kunst ist, die einst antrat, das bloß Schöne vom Sockel zu stürzen.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

 

Dienstag, Donnerstag, Freitag 10–17 Uhr

Mittwoch, Samstag, Sonntag 10–18 Uhr

 

Eintritt/Führungen

 

Eintritt 4,- / 2,- EUR

Familienkarte 10,- EUR

Führungen (bis 25 Personen) 40,- EUR

Schulklassen 10,- EUR


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