Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: Cordula Güdemann – Maskentheater, Galerie Schlichtenmaier Stuttgart, bis 23. Juli 2011

Mit einer ausgeprägten malerischen Begabung und einem sensiblen sozialen Bewusstsein führt Cordula Güdemann uns in ihren Werken an die globalen gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit heran. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Eröffnungsrede von Günter Baumann.

» ›Nachdem die Welt untergegangen war, versuchte ich, mich so angenehm wie möglich zu unterhalten.‹ Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich begrüße Sie recht herzlich zur Eröffnung der Ausstellung ›Maskentheater‹ mit Arbeiten von Cordula Güdemann. Sie werden sich natürlich fragen, wie ich darauf komme, in dieser so farbfrohen Schau gleich zum Letzten zu greifen, denn Maya-Kalender hin, Nostradamus her, bekanntlich fand der Weltuntergang noch immer nicht statt. Ich zitierte den Beginn einer very short story des Schriftstellers Ror Wolf, einem jener oftmals schwarzhumorigen Autoren, die Cordula Güdemann als Inspirationsquelle schätzt. Ror Wolf übertitelte seine nur zwei Seiten lange Geschichte mit ›Etwa zwei Stunden später‹, so lange währt offenbar die Geschichte in der Geschichte, in der ein ominöser Doktor Q dem ich-erzählenden Protagonisten schildert, wie ein Haufen einsamer Leute sich nach und nach – unter schwerstem Körpereinsatz, den ich hier übergehen muss – so zusammenrauft, bis sich alle im schlecht belüfteten Raum auf den Füßen stehen, und ›kein einziger … die Hand heben [konnte], ohne die anderen Hände mitzuheben‹. (...) Wortlos löst sich die schweißgenässte Menge wieder in jedermanns Einsamkeit auf, um auf das Ende der Geschichte zu warten – oder auf das Ende der Welt? Dabei hat dieses laut Geschichte schon stattgefunden. Und wann gab es dann überhaupt das erhoffte Amusement?

Auf den Bildern von Cordula Güdemann wird auch viel gewartet. Namentlich die Sänger auf Brettern, die eine recht groteske, wacklige Welt bedeuten, scheinen zu warten. Die Gouache, auf die ich anspiele, heißt ›Gesang für Godot‹, auch als ›Godots Bäumchen‹ bezeichnet, und wir wissen natürlich, dass sich hier jemand umsonst die Zeit vertreibt. Samuel Beckett lässt grüßen. Godot wird nicht kommen, trotz Wölkchen über dem gähnenden Abgrund, trotz mächtigem Schatten, der sich vorn ins Bild schleicht. Vorher wird noch die Welt untergehen. Es warten auch die ›Vielen im Kopf‹ und die fiktiven Besucher in der ›Langen Nacht der Museen‹, und nicht zuletzt warten die VIPs, die uns alle hier umfangen. Oder sind genau die es, die ausnahmsweise nicht warten, sondern eigentlich wir, die sich heute Abend bei dieser halb-langen Nacht der Galerie zusammengefunden haben und einem Laudator lauschen, der die Künstlerin und Stuttgarter Professorin Cordula Güdemann, die Galeristenbrüder Schlichtenmaier und Sie, hochverehrtes Publikum, herzlich grüßt? Ror Wolf würde den Gedanken vielleicht weiterspinnen: ein Bild von uns schildern, wie wir andere Bilder und selbst Bilder in Bildern betrachten. Godot im Himmel hilf, wir wären womöglich unsre eigene Ausstellung. Ist die Welt doch schon untergegangen?

Der kurze Text von Ror Wolf findet sich in einem Band, der seinen Titel nach einem darin enthaltenen Roman aus dem Jahr 1991, Nachrichten aus der bewohnten Welt, bekommen hat. Dieser Titel erinnert nicht von ungefähr an eine Werkgruppe von Cordula Güdemann, die sie in den 1990er Jahren überschrieb mit ›Bilder aus der bewohnten Welt‹. Im Roman geht es um das Reisen, seine Nutzlosigkeit und Verlogenheit: ›Ich laufe ziellos und zwecklos davon, einsam und durch gewaltige unbekannte Gebiete.‹ Es sind aber nur Kopfreisen, die sich jemand ausdenkt im Hotelzimmer, bevor er die bloße Möglichkeit erwägt, auch wirklich loszuziehen. Ich mache einen Sprung zurück, wo der Roman entstand. Cordula Güdemann sitzt in dieser Zeit, 1990/91, als Stipendiatin des renommierten Preises Villa Massimo, in Rom. Sie macht sich malend und collagierend auf ihre eigene Reise, die sie an römischen Ruinen, Schrottplätzen und Trödelläden entlang – über Rom hinaus in die Gegenwart – weiterführt über ›La deutsche Vita‹ und ›Lucky Times‹ bis ins ›Maskentheater‹, alles titelgebende Stationen auf dem Weg Richtung ›Maskenland‹: Dort ist sie im Jahr 2011 angekommen. In Rom, wo nicht nur die Geschichte von 2000 Jahren in kürzester Zeit an jedem Straßeneck, an einer Piazza, einem Brunnen aufscheinen kann, ist alles schon angelegt, was uns bis heute am Werk von Cordula Güdemann begeistert. Niemand hat das besser gesehen als ihr Mann Peter O. Chotjewitz, der 1990 über diese ›Gleichzeitigkeit von Erscheinungen unterschiedlicher Art und Herkunft‹ schrieb: ›Zum Glück begleite ich eine Künstlerin, die sowohl hell als auch farbig sehen kann. Sie erkennt die Dinge zusammen, die andere getrennt und zumeist gar nicht betrachten. Morgens … nimmt sie Stadtplan, Notizblock und Kamera, steigt in Katakomben, fährt Fahrstühle, klettert auf Scherbenhaufen, wandert über Autofriedhöfe, und wenn sie heimkehrt, hat sie in Wassermelonen Zucker gesehen und den Schaum der Träume, Touristen in kurzen Hosen vor antiken Ruinen in modernen Wohnhäusern …‹

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Cordula Güdemann ist eine Grenzgängerin. Längst hat sie die lokalisierbare Welt hinter sich gelassen und sich in einer zwar immer noch bewohnbaren, aber um einen Maskierungsgrad fiktiveren Welt eingerichtet – und wer die jüngsten Arbeiten betrachtet, sieht, dass die Abstraktionsschrauben noch weiter angezogen wurden. Aber täuschen wir uns nicht: Masken sind zum einen immer auch Zerrbilder der Wirklichkeit, und das Theater bedeutet allemal – ich deutete das geflügelte Wort bereits an – die Bretter, die nicht mehr und nicht weniger als die Welt bedeuten. Das Bild ›Schneise‹ von 2006 steht hier stellvertretend für eine Werkgruppe, die nicht verhehlt, dass unsere Welt längst aus den Fugen geraten ist. Auf einem weiteren Blatt scheint der Wald oberhalb der Stadt in Flammen zu stehen. Zum anderen sei einmal mehr festgehalten, dass auf einem abstrakten Gemälde einer landläufigen Meinung nach nicht Nichts abgebildet ist. Die Farbe hat nur die Protagonistenrolle übernommen. Hinter ungestümen Farbovationen tosen die reinsten Harlekinaden, Spielarten des Mummenschanz und halsbrecherische Denkkapriolen, bis uns gelegentlich Schwarz vor Augen wird.

Das galt schon, als die Welt noch bewohnter war: Güdemanns ›Höhlenmenschen‹ von 1991, die noch erkennbar Vertreter der damaligen Regierung zeigten, sind später Gruselkabinetten gewichen, die im Ambiente von Sportarenen und Abendmahlstischen tagten. Bonzen, Politiker und/oder Allerweltsvoyeure richteten da über Nichtigkeiten oder sie begafften Hinrichtungs- oder Kriegsopfer oder sie wurden zu Zaungästen scheinbar banaler Szenerien aus der schönen neuen Welt. Die um sich schießenden Cowboys auf älteren Bildern sind ins hintere Glied getreten, auf der Bühne erschienen Paare, die dem Titel nach allerdings nicht paarweise, sondern als ›Paarwaise‹ – mit ›a-i‹ geschrieben – agieren: Gemeinsam allein sozusagen, wie neuerdings die VIPs, denen nur ganz, ganz selten der Farbhauch einer Hintergrundstruktur das Einssein mit der Welt signalisiert. Und zogen auf früheren Arbeiten in sogenannten Bildschnüren Bildzitate über die Leinwand, so feiert die Zunft der Bildzitate im neuen Werk gleich ganze Museumsnächte, die so kurios ausfallen, dass uns Farben als sprachlich verfängliche ›Farbige‹ begegnen, die uns stutzig machen: Da hält uns jemand einen Spiegel vor – politisch völlig inkorrekt und mit einem Schuss Ironie stehen tatsächlich farbige, aber eben buntfarbige Menschenköpfe vor glutroten Landschaftsabstraktionen. Farbige? Schwarze? Widersprüche tun sich auf. Cordula Güdemann greift gesellschaftsrelevante Reizwörter und Themen auf und drapiert sie in unerwartete neue Zusammenhänge. ›Farbige‹ ist im übrigen ein Begriff, den Güdemann so ambivalent belässt wie den des ›VIP‹ – wenn auch auf verschiedenen Ebenen. Immer steht jedoch die Frage im Raum, wo hört in unserer Vorstellung die Wirklichkeit auf und wo beginnt im Bild die Fiktion – oder umgekehrt: Wie wirklich ist die Kunst und wie fiktiv ist unser Leben?

Die Motivation zu ihren ins Surreale neigenden Bildern bezieht Cordula Güdemann – wie gesagt – unter anderem aus der Literatur, die Motive findet sie im schranken- und schonungslosen, mitunter brutalen Internet und in der knallbunten Scheinwelt der Werbung. Man muss diese Seite aus Güdemanns Werk kennen, um den vordergründig harmlosen oder gar abstrakten Gemälden gerecht zu werden. (…)

›Viele im Kopf‹ nennt Cordula Güdemann eine Gouache von 2008, und sie eröffnet damit eine introvertierte Welt, die sich vorwiegend über die Farben äußert. Das Ich, das ist nicht nur ein anderer, das Ich ist ein Chor vieler, unterschiedlichster Stimmen, ein Universum. Güdemann erhebt nicht den Zeigefinger, sie kommt nicht mit Moral, aber sie rebelliert mit ihrer Kunst gegen die Einfalt eingefahrener Meinungen – zumal wenn sie nicht einmal die unseren sind. In aktuellen Arbeiten tun sich große ovale, dunkelste Löcher auf, über denen sich Menschen wie auf haltlosen Balkonen zusammenrotten, oder über die sie wie auf Sprungbrettern geführt werden. Es sind Fortsetzungsbilder nahezu apokalyptischer Stadtlandschaften, deren Fortbestand offen ist. Die Malerin macht uns da nichts vor, mit bitterer Ironie scheint am Horizont weniger ein hoffnungsfroher Silberstreif im Sinne von Luthers Apfelbäumchen auf, das man noch heute pflanzen könnte. Vielmehr deutet sie eine eher desillusionistische Variante an, etwa: Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich noch heute drei oder vier oder mehr Tenöre zur Unterhaltung engagieren, womit ich auch wieder beim Gesang für Godot bin.

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Den fremdbestimmten Bildern in unseren Köpfen misstraut Cordula Güdemann schon immer. In jüngster Zeit setzt sie ihnen nicht nur surreale oder verchiffrierte Figurationen entgegen, sondern auch abendrotglühende Abstraktionen, die uns so gewaltig aufzuwühlen imstande sind, dass man glaubt, in jedem Moment müssten aus ihnen die apokalyptischen Reiter oder auch nur die Schindmähre des fahrenden Ritters Don Quixote, Rosinante, hervorbrechen. Gegenständliche und ungegenständliche Kunst gehen in Güdemanns Werk ineinander über. Treiben lässt sich Güdemann in erster Linie von der Magie der Malerei. Wohl wissend, dass alles in dieser Welt zusammengedacht werden muss – Abu Ghuraib und Arkadien als medial vermittelte, kaum real überprüfbare Inbegriffe von Schrecken und Schönheit gehören zu unserer globalisierten Kulturlandschaft wie die Bild-im-Bild-Serien oder die schrillbunten Stadtballungen oder die abstrakten Formate, in denen sich Chaos und Kosmos, sprich zerstörerische und ordnende Kräfte zu bekriegen scheinen. Und weil es sich um Kopfgeburten mit realem Hintergrund handelt, ist die künstlerische Hand frei, dies umzusetzen.

Cordula Güdemann hat sich dafür entschieden, ihnen mit grellen Farben auf den Leib zu rücken. So kritisch, skeptisch und kummervoll sie die Inhalte aufs Korn nimmt, so unbekümmert schwelgt sie in der puren Peinture als Rückzugsgebiet einer nach menschlichem Ermessen und Unvermögen zunehmend unwohnlich werdenden Welt. Wir amüsieren uns zu Tode, während anderswo Kriege ausgetragen werden, in deren Folge die Opfer einem sensationsgierigen Publikum vorgeführt werden, denen wir uns mit der Faszination des Ekels zuwenden, wie wir uns diesem zugleich in einer Art Eventkultur entziehen – etwa in einer Langen Nacht im Museum, deren Zelebration bei Güdemann zur köstliche Satire gerät. Es ist im Grunde hochgradig absurd, im Gedrängel des Events durch die Musentempel zu strömen, in denen die Bilder uns den Spiegel dessen vorhalten, was wir draußen nicht verstehen oder nicht ertragen wollen. Aber das ist nur die eine Seite im vielschichtigen Werk von Cordula Güdemann. Die andere Seite ist eben das Malerische, das die Gesetze der Logik, der Schwerkraft und des Raumes mit pigmentstrotzender Lust außer Kraft setzt.

Das bringt mich noch einmal zur Serie der ›VIPs‹, die uns hier umringen, als gelte es, uns zu besichtigen. Es handelt sich um Darstellungen von Zeitgenossen, die uns teilweise als deformierte Porträts mehr oder weniger bekannt vorkommen oder die gänzlich in der Farbmasse aufgegangen sind. Die Malerin hat sich ein Feld von genau 49 Köpfen ausgedacht, denen Gesichtszüge aus dem öffentlichen Leben, sozusagen bekannt aus Internet und TV, zugrunde liegen. Bekanntlich sind wir da vor Entgleisungen und auch vor Affen nicht sicher. ›Matschköpfe‹ nennt sie Cordula Güdemann, durchaus liebevoll, ›Charaktermasken‹ hat sie Peter O. Chotjewitz genannt, der den bis zur Kenntlichkeit entstellten und entindividualisierten Porträts als poetisches Vermächtnis – kurz vor seinem Tod im vergangenen Dezember – zauberhafte Dreizeiler zur Seite gestellt hat. Wer sich dafür interessiert, dem sei der Katalog dazu empfohlen. Die Köpfe haben so viel und so wenig mit den Darstellungen zu tun wie diese mit den Dargestellten, sie verwandeln ihr Gesicht je nach Perspektive auf die stark reliefierten Oberflächen. Kunst ist nicht dazu da, um eine Wirklichkeit abzubilden, die wir bestenfalls als Vorstellung und meist nur als Abklatsch der Medien kennen.

Cordula Güdemann flunkert uns nicht an und tut so, als habe sie den Schlüssel zur realen Welt – ihre ›gesellschaftlichen Prototypen‹ konterkarieren allerdings mögliche Wirklichkeiten (…). Güdemanns Bilder zeigen den Menschen in seiner ›vergesellschafteten Form‹, so Chotjewitz, und die hat beileibe nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Aber in ihrem Maskentheater zwinkert diese Wirklichkeit uns doch an mittels einer faszinierend entgrenzten Phantasie. ›Vergess es‹ hat Chotjewitz einem der Köpfe zugedacht, ›Der Mensch an sich ist / unerreichbar weiter als / wie der Mann im Mond‹. So weit will ich Sie, meine Damen und Herren, nicht begleiten, aber machen Sie sich selbst auf den Weg, um Cordula Güdemanns gemalte Welt näher kennenzulernen. Wir sollten sie uns erhalten. (…)«