Ausstellungsbesprechungen

Aus der Eröffnungsrede: Kabinett #2: Eva Schmeckenbecher - Wie ich fotografiere, Böblinger Kunstverein, bis 23. Februar 2014

Die Künstlerin Eva Schmeckenbecher erregte mit ihren Foto-Cuts einiges Aufsehen. Der Böblinger Kunstverein zeigt im Kabinett nun zwei neue Fotoinstallationen, die nichts weniger als die großen Eckpunkte des Lebens zum Thema haben: Geburt und Tod. Obendrein ist im Eingangsbereich des Kunstvereins das Werk »Himmel« zu sehen. Günter Baumann gibt in seiner Eröffnungsrede einen Einblick in die Arbeitsweise und die Bildwelt der Künstlerin.

(…) Eva Schmeckenbecher ist über die Stuttgarter Region bekannt wegen ihrer auffälligen Foto-Cuts: Indem sie Teile der obersten Fotoschicht weg schnitt, schuf sie Bildserien, die die Lichtbildnerei zu einem Medium für prozessuale und installative Aussagen machten. Die eindringlichen Fotohäutungen waren jedoch nur ein Teil des stetig wachsenden Schaffens. Aber noch immer gehört der Umgang mit dem letztlich nie fertigen Bild dazu. Der Titel »wie ich fotografiere« besagt genau das: Die Entstehung eines Fotos steht noch vor dem Ergebnis im Fokus ihrer Aufmerksamkeit. Wenn die Einzelbilder ungerahmt an die Wand gehängt werden oder mit Klebestreifen miteinander verbunden sind, so weist das auf jenen Akt des Work in Progress hin. Abgeschlossen in Raum und Zeit sind die Fotoserien nie wirklich, sie würden in anderen Kontexten ganz anders zusammengestellt sein. Wie geht Eva Schmeckenbecher nun vor?

Gleich beim Betreten des Kunstvereins steht man der Installation »Himmel« gegenüber. Himmel? Nichts lässt darauf schließen, vielmehr geben wir uns dem irritierenden Eindruck von 25 hochformatigen Blättern hin, die eine bildpositive Projektion der Türaussparung an der gegenüberliegenden Wand sein könnten. Das Grau und die scheinbaren Abnutzungsspuren im abstrakten Motiv lassen selbst an eine Wand denken, die hier dargestellt sein könnte. Andrerseits kommt es mir vor, als würde das Foto-Ensemble in sich dahinwogen, wobei diese Bewegung durch die lose Hängung hervorgerufen wird: Licht und Schatten nehmen wir wahr, nur fragt man sich zunächst, ob diese Wahrnehmung nur ein äußerliches Phänomen der Anordnung ist oder auch Thema des Bildganzen. Eva Schmeckenbecher verunsichert durch ein Vorwissen, dem man nur schwerlich beikommen kann. Es ist nämlich so, dass die Künstlerin fotografiert, in diesem Fall wohl den Himmel – das Motiv spielt nur eine untergeordnete Rolle. Denn nach der fototechnischen Entwicklung macht sie das, was eher den alltäglichsten Tätigkeiten ähnelt als einem künstlerischen Vorgang: Sie bügelt die Bilder. Das ist eine Fortsetzung der Foto-Cuts mit anderen Mitteln. Beim Bügeln verändert sich natürlich das Fotopapier, es entstehen kleine Aufwerfungen, Knitterspuren, man könnte auch sagen: Verletzungen des Papiers, der Oberfläche, der Haut. Das Ergebnis jener Destruktion fotografiert Eva Schmeckenbecher erneut – und heraus kommt eine konstruktive, imaginäre Bildwelt. Der Himmel spielt latent herein, doch ist er kaum als realer Himmel erkennbar. Es geht vielmehr um Kunst, um einen medialen Prozess, um die Vervielfältigung, sprich Reproduktion (auch des Lebens), für die die Fotografie ja auch ureigentlich bekannt ist – es geht um ein Bild vom Bild von einem (Vor-)Bild. Es dreht sich übrigens um lauter unterschiedliche Bilder, die nur gelegentlich anderen Nachbarbildern ähneln. Damit wird der Repro-Charakter sogleich unterlaufen in der Individuation der Einzelblätter.

Reproduktion und Individualität ist auch das Thema der beiden Bildserien im Kabinett selbst, die sich mit den Grundkoordinaten des Lebens befassen. Geburt und Tod. Obwohl zum einen die Geburt von Eichhörnchen, zum anderen sterbende Fische mit dokumentarischer Akribie dargestellt werden, versteht sich die 1977 in Tübingen geborene Künstlerin nicht als Tierfotografin. Die Motive sind zufällig, wenn auch in kuriosen Situationen entstanden: Den Wurf der Eichhörnchen konnte sie auf dem eigenen Balkon erleben – im Putzeimer –, während sie die Fische bei einem Aufenthalt in der Türkei in den Eimern von Fischern entdeckte. Lakonisch hält die Fotografin den Akt des Gebärens und Wachsens, aber auch den des Dahinsterbens fest. Es mag befremdlich erscheinen, dass das Entstehen von Leben durchaus abstoßende Seiten aufweist, während der Tod eine schillernde Schönheit entfaltet. Zugleich geht es Eva Schmeckenbecher rein formal auch hier nicht in erster Linie um das konkrete Motiv, sondern um das Thema des Prozesses, weshalb sie einer Ästhetik der Unmittelbarkeit folgt: Sie reiht die im Geburtsmotiv rot leuchtenden, im Motiv des Sterbens kaltgrau gehaltenen Serienbilder als ungerahmte Werkfotos aneinander und scheut sich nicht, diese als Gebrauchsobjekte zu inszenieren. Wichtig ist der Fotokünstlerin dabei die Einbindung des Raumes, weshalb sie mit ihren Fotopaneels Wandverkleidungen wie Tapeten, Raumteiler oder Bildteppiche andeutet. Die silbernen Dämmplatten machen aus dem Raum eine Art Bau-Stelle, versetzen die Architektur in einen Zustand des noch Unfertigen. Andrerseits korrespondiert die quasispiegelnde Fläche mit dem Silberglanz der schuppigen Fischmotive, und sie kontrastiert mit dem warmen Rot der Eichhörnchenserie. Zugleich wird die Phantasie des Gesamteindrucks beflügelt: Die vorgebliche Spiegelsituation setzt sich in der Facettierung der Einzelbilder fort. Obwohl lauter unterschiedliche Aufnahmen zu sehen sind, glauben wir in eine Art Spiegelsaal zu treten, der ein und dasselbe Bild oder auch mehrere Bilder schier unendlich mal reflektiert – sowohl im physikalischen wie mentalem Sinn des Wortes. Mit dieser faszinierenden Idee der imaginären Auflösung eines Raumes und der formalen wie motivlichen Idee der Vervielfältigung, verbunden mit dem erstaunlichen Wunder der individuellen Entfaltung und der Tragik der persönlichen Zeitlichkeit eröffnet sich eine vielschichtige Welt, die auch unsere intermediale Wirklichkeit mit all ihren Fiktionen widerspiegelt. Eva Schmeckenbecher ist es hier gelungen, den Betrachter zu entführen in ein kunstvolles Kabinett voll sinnlicher Eindrücke.