Ausstellungsbesprechungen

Ausstellung und Katalog „Brücke und Berlin. 100 Jahre Expressionismus“

Mit der Künstlergruppe Brücke gründete sich am 7. Juni 1905 eine der Keimzellen der Moderne in Deutschland. Den als erstarrt und blutleer empfundenen akademischen Konsens wollte sie aufbrechen, mit neuen Themen und roher unverfälschter Ausdruckskraft. In der Berliner Nationalgalerie eröffnete auf den Tag genau 100 Jahre später eine Großausstellung, die diese schöpferische Aufbruchsstimmung kraftvoll und authentisch wieder aufleben lässt.

„Brücke und Berlin. 100 Jahre Expressionismus“ ist mit mehr als 500 Exponaten - darunter Gemälde und Grafiken von insgesamt 19 Künstlern, aber auch kunstgewerbliche und ethnologische Objekte, Bücher und Zeitschriften - die mit Abstand umfassendste und vielseitigste der zahllosen Jubiläumsausstellungen in diesem Jahr. Hier in Berlin, wo Max Pechstein und Otto Müller seit 1908 lebten und wohin Ernst-Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff nach ihren Dresdner Jahren 1911 nachfolgten, wurden ihre Arbeiten früh und konsequent gesammelt. Sie konzentrieren sich heute in den Sammlungen des Kupferstichkabinetts, der Nationalgalerie und des 1967 eröffneten Brücke-Museums, die die Ausstellung gemeinsam ausrichten. Deren ohnehin schon reiche Bestände werden ergänzt durch einige Leihgaben, die sich ehemals im Besitz der Nationalgalerie befanden und von den Nationalsozialisten als „entartet“ beschlagnahmt wurden, darunter Kirchners prominentes Brücke-Gruppenporträt „Eine Künstlergruppe“ (1926/27) aus dem Museum Ludwig Köln. 

Anders als die gleichzeitige Ausstellung in Halle, die die Entwicklung der Brücke streng chronologisch nachvollzieht, wählte man für die Berliner Schau den thematischen Zugriff. Die 17 „Kapitel“ der Ausstellung bilden inhaltlich geschlossene Einheiten, die sich etwa den Atelierszenen, den Großstadtbildern, der Beziehung zur expressionistischen Literatur oder dem Einfluss der außereuropäischen Kunst widmen. Diese Art der Erschließung ist ausgesprochen erhellend, weil sie nicht nur die enorme Bandbreite der künstlerischen Interessen vorführt, sondern im konzentrierten Blick auf Einzelaspekte eine gemeinsame Geisteshaltung bzw. einen Gruppenstil oder auch ausgeprägt individuelle Zugänge der Künstler herausarbeitet. 

Selbst eine so radikale Bewegung wie der Expressionismus entstand nicht aus dem Nichts, und so wird der Rundgang eröffnet durch sprechende Gegenüberstellungen mit den Vorbildern, den kaum eine Generation älteren Pionieren der Avantgarde: Munch, van Gogh, Matisse, den Neoimpressionisten. Auf ihrer Suche nach einem neuen Ausdruck fanden die jungen Künstler bei ihnen starke Anregungen, etwa in den psychologischen Porträts Munchs oder im Exotismus Gauguins. Die grafische Schönlinigkeit des Jugendstils hallt in frühen Grafiken Kirchners nach. Prägend wurde auch die explosive Farbigkeit van Goghs, dessen erste Ausstellung in Deutschland die Brücke-Mitglieder 1905 in der Dresdner Galerie Arnold sahen, die wenig später auch ihnen ein Podium bieten sollte. 

Ein zentrales Kapitel widmet sich der geschützten Experimentierzone des Ateliers, einer Insel der schöpferischen und sittlichen Freiheit in der moralischen Enge des Kaiserreichs. Hier entstanden viele der spontan und farbstark erfassten Akte. Ein anderer Rückzugsort war die freie Natur, wo mit fliegendem Pinsel ungezwungene Badeszenen festgehalten wurden. Hier lebte man Sinnlichkeit und Ursprünglichkeit, und die Brücke fand ihr Arkadien an den Moritzburger Teichen nahe Dresden oder bei den Sommeraufenthalten an Nord-und Ostsee.

Nach dem Umzug der Künstler nach Berlin wird die Metropole selbst zu einem Hauptthema ihrer Bilder. Kirchner ist derjenige, den der Moloch Großstadt mit seinen Geschöpfen – vor allem die nächtliche démi monde der Flaneure und Kokotten – am stärksten elektrisiert. In unzähligen Skizzen jagt er mit fahrigem Stift dem Nerv der modernern Gegenwart nach. Seine Lebensgefährtin, die Tänzerin Erna Schilling, malt er 1913 aschfahl und mit leerem Blick unter weißem Federhut. Ein Hauptwerk dieser Jahre ist sein erst 1999 von der Nationalgalerie erworbener „Potsdamer Platz“ (1914), dem vorbereitende Varianten aus dem Brücke-Museum und aus dem New Yorker MoMA zur Seite gestellt sind. Das pulsierende Zentrum des modernen Berlin wird hier zur Bühne für Prostituierte, die sich als trauernde Witwen getarnt haben, und die sie umzingelnden Freier. 

Die von der Brücke angestrebte Durchdringung der alltäglichen Lebenswelt mit kreativen Energien findet ihren konsequenten Ausdruck in der Idee des Gesamtkunstwerks, die die Ausstellung gezielt in den Blick nimmt. Es werden Möbel gezeigt, fantasievoll gestaltete Schmuckgegenstände, Stoffe und Glasfenster; außerdem die Rekonstruktion eines Erkers von Kirchners Mansardenatelier in der Berliner Körnerstraße, dessen Ausgestaltung mit exotisch bestickten Stoffen nahezu vollständig erhalten ist. Deren Motive zeigen deutlich die Faszination Kirchners für außereuropäische Kunst, die überhaupt auf alle Brücke-Mitglieder elementaren Einfluss ausübt. Im Dresdner, später im Berliner Völkerkundemuseum studierten sie Kunstobjekte afrikanischer und ozeanischer Naturvölker und bewunderten deren kraftvollen, oft grotesken Ausdruck. Sie wurden zu beliebten Bildmotiven, besonders Emil Nolde führte Artefakte aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen mitunter zu abenteuerlichen Synthesen zusammen. So dienten ihm für das Bildpersonal seines Gemäldes „Der Missionar“ (1912) ein koreanischer Wegegott, eine nigerianische Mutter-Kind-Figur und eine Maske aus dem Sudan als Anregung. Alle drei Objekte konnten im Berliner Ethnologischen Museum identifiziert werden und sind in der Ausstellung dem Gemälde zur Seite gestellt. Die sogenannte ‚primitive’ Kunst befruchtete die Brücke natürlich auch stilistisch, am augenfälligsten die grob bearbeiteten Holzskulpturen Heckels und Kirchners. Die Projektion einer ursprünglichen, nicht durch zivilisatorische Einflüsse verbildeten schöpferischen Kraft, der sie sich in ihrem eigenen Streben verwandt fühlten, ließ einige Künstler - wie schon ihr Vorbild Gauguin – zu kühnen Reisen aufbrechen. Nolde nahm 1913 an einer Expedition des Reichskolonialamtes nach Neu-Guinea teil, Pechstein brach ein halbes Jahr später zu den Palau-Inseln auf und fand dort sein „Gefilde der Seligen“. Er kaufte sogar eine kleine Insel, sein Traum vom ursprünglichen Leben wurde aber jäh vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges und der japanischen Besatzung beendet.
 

Öffnungszeiten
Di, Mi, Fr 10 bis 18 Uhr
Do 10 bis 22 Uhr
Sa und So 11 bis 18 Uhr

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