Ausstellungsbesprechungen

Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst 2006. “Von Mäusen und Menschen“. Ein Résumé

Es scheint so, als sei die diesjährige und vierte Berlin Biennale (bb4) endlich das geworden ist, was man immer schon von einem solchen Projekt erhoffte. Die ersten drei Berlin Biennalen fanden 1998, 2001 und 2004 statt – die Frage scheint da berechtigt, ob der Terminus „Biennale“ ernst gemeint oder vielmehr unmittelbar von Venedig, São Paolo oder New York angeeignet worden ist. Die kürzere Pause zwischen der dritten und vierten Berlin Biennale könnte ein Indikator für ein ernster zu nehmendes und gewachsenes Projekt sein. Dieses nun fällt in eine Zeit, in der die Stadt Berlin (nach New York und London) besonders seit den letzten Jahren zu einem der bedeutendsten Zentren zeitgenössischer Kunst aufgestiegen ist.

Die Wahl der Kuratoren war sowohl unorthodox als auch spektakulär. Der bekannteste von ihnen ist wohl Maurizio Cattelan, bekannt für seine postkonzeptualistischen Arbeiten, der sich durch seine kontroversen Installationen mit hyperrealistischen Skulpturen einen Namen gemacht hat. Neben Cattelan haben Massimiliano Gioni und Ali Subnotnik die kuratorische Aufgabe der bb4 übernommen. Das Trio ist bekannt für ihre Wrong Gallery, die als kleiner Raum hinter einer Glastüre im New Yorker Stadtteil Chelsea Wechselausstellungen geladener Künstler diente (bis sie nun vor kurzem in die Londoner Tate Modern umgezogen war).

 

Das Konzept der bb4, deren Titel „Of Mice and Men“ mit Rückgriff auf John Steinbeck noch etwas unklar erscheint, verfolgt das Ziel, „einige erzählerische Passagen aufzudecken und Gedankenanstöße zu geben, die um die Fragen von Geburt und Verlust, Tod und Kapitulation, Leid und Nostalgie kreisen.“ [Anm.1] Dies ist zweifelsohne sehr weit gefasst und könnte sicherlich alles mögliche meinen. So darf man annehmen, dass es genau dies tut – denn die bb4 umgeht offensichtlich jedwede prätentiöse Form eines (zu) eng geschnürten Konzepts, welche wir in Projekten wie dieses bereits zu spüren bekamen. Die bb4 entpuppt sich geradezu als Antithese zur bb3, die unter der Leitung von Ute Meta-Bauer die künstlerischen Arbeiten oftmals dem straffen kuratorischen Konzept unterordnete. Die Wahl eines so breit gefassten Themas bei der diesjährigen Berlin Biennale erlaubt dem Kuratoren-Trio somit nicht nur größere Freiheit bei der Wahl der Künstler und Arbeiten, es gibt darüber hinaus auch den künstlerischen Arbeiten selbst mehr Raum zu wirken, ohne einem kuratorischen Diskurs dienen zu müssen.

 

Was hält nun die Ausstellung zusammen? Anstatt eines konkreten Themas scheinen die Kuratoren vielmehr einen Ort – die Berliner Auguststraße – gewählt zu haben, der in den letzten Jahren zum neuen Zentrum der zeitgenössischen Kunst geworden ist, sowohl in negativer als auch in positiver Hinsicht. Die Kuratoren allerdings haben intensiv recherchiert und sind den historischen und sozialen Schichten dieses Ortes nachgegangen. Die Ausstellung (wenn man sie nun in der vorgeschlagenen linearen Abfolge besucht, was offensichtlich impliziert wird) beginnt in einer Kirche, findet in drei „privaten“ Wohnungen statt, setzt sich fort in Stallungen, einem Container und erstreckt sich über die ehemalige Jüdische Mädchenschule, den offiziellen Ausstellungsort „Kunstwerke“ (KW), einem ehemaligen wilhelminischen Ballhaus, einer speziell für die bb4 eröffneten Galerie bis hin zum Garnisonsfriedhof am Ende der Straße.

 

Einige dieser Orte und Räume sind sehr faszinierend – besonders die Ehemalige Jüdische Mädchenschule. Der Versuch, uns Betrachter mit dieser Straße in eine intime Beziehung zu bringen ist allerdings mit Schwierigkeiten verbunden: Sind die Wohnungen echt? Werden sie tatsächlich benutzt oder sind sie eigentlich nur Zweitwohnungen? Ist die Gagosian Gallery mehr als nur ein ironischer Witz seitens der Kuratoren? Stellenweise gleichen die gewählten Orte eher Lagerhallen für Kunstobjekte (besonders im Fall des Garnisonsfriedhofes). In der Tat sind drei Viertel der präsentierten Künstler in zwei großen Gebäuden zu finden – KW und die Ehemalige Jüdische Mädchenschule.

 

Letzterer ist ein beeindruckender Ort. Als Mädchenschule wurde dieses Gebäude für die Jüdische Gemeinde während der 1920er Jahre erbaut und von den Nazis 1942 geschlossen, als die letzten Berliner Juden in die Todeslager deportiert wurden. Zwischen den 1950er Jahren und 1996 fungierte die Schule als Polytechnische Oberschule „Bertold-Brecht“. Tatsächlich gibt es wenig Spuren, die auf die ursprüngliche Institution hinweisen (hingegen weist vieles auf die Existenz der Bertold-Brecht-Oberschule hin). Trotzdem ist man sich der ursprünglichen Identität ständig bewusst.

 

Nachdem man eine Kontrolle mit Metaldetektor durchschritten hat (eine Sicherheitsmaßnahme, kein künstlerisches Projekt!) wird man sofort angezogen vom Lärm einer Installation von Paul McCarthy, „The Bang-Bang-Room“ von 1992. Eine Holzplattform stellt den Boden eines kleinbürgerlichen Wohnzimmers dar, dessen tapezierte Wände sich (durch Scharniere gehalten) mit lautem Krachen öffnen und schließen. Der Raum, den man am besten von der Plattform selbst erlebt, gleicht einer verrückten gewalttätigen Bühne und stellt in seinem Grundriss ein Hakenkreuz dar. Diese Arbeit von McCarthy zeigt die Verbindung zu Bruce Nauman, der wiederum mit einer Arbeit in KW vertreten ist.

 

Zwei Etagen höher stößt man in der Ehemaligen Jüdischen Mädchenschule auf eine Installation des polnischen Künstlers Robert Kusmirowski. Er hat in einem ehemaligen Klassenzimmer einen Eisenbahnwaggon auf Schienen in Realgröße nachgebaut. Die Betrachter staunen über die illusionistische Wirkung dieses Objekts, dessen Trompe-l’oeil-Effekt zur Bewusstwerdung des ganzen Gebäudes zu passen scheint. Ob das Ergebnis der Reflexion einem historischen Mahnmal gleicht oder dieses Objekt eher ein Beispiel des Holocaust-Tourismus zu sein scheint, ist wohl das größte Dilemma bei der Beurteilung dieser Arbeit. Sagt sie wirklich etwas aus über den Raum, das Gebäude, die Geschichte – oder wird hier nur mit Klischeevorstellungen gespielt? Was fehlt, ist Spezifik, Information, Ursprünglichkeit – stattdessen handelt es sich hier eher um Geschichte als Symbol, Klischee, Archetyp.

 

Die besten Arbeiten der bb4 findet man im Bereich Film und Video. Unter diesen Arbeiten sei hier Nathalie Djurbergs „Tiger leckt Hintern des Mädchens“ genannt: Ein Claymation-Video zeigt einen gleichermaßen kuscheligen sowie bedrohlichen Tiger, der insistierend den Hintern eines jungen Mädchens abschleckt. Und immer wieder folgt der Gedanke des Mädchens: „Warum habe ich das Verlangen, diese Dinge immer wieder zu tun?“ [Anm. 2] Djurberg bedient sich eines Kindermediums (Trickfilm, Tier- und Kinderfiguren), um störende Themen wie die Ursprünge der Lust und Gewalt aus der Kindheit zu diskutieren. Der Geist Siegmund Freuds schwebt durch viele der Ausstellungsräume der bb4.

 

Andere nennenswerte Video- und Filmprojekte sind beispielsweise Tacita Deans ästhetisch gelungenen, aber schmerzlich langsamen Aufnahmen in „Presentation Sisters“, Anri Salas unheimliche Studie „Time after Time“ über ein dürres Pferd, das am Straßenrand einer Landstraße bei Tirana des Nachts festgebunden wurde. Die Umrisse des Pferdes erscheinen als vage Schatten bis die allzu nah daran vorbeifahrenden Autos es beleuchten. Es scheint, dass Sala in der Dunkelheit nach einer neuen Filmsprache sucht. Diese Arbeit erinnert an andere Filmprojekte von Sala, die in den letzten Monaten im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart in Berlin zu sehen waren.

 

Die herausragendste künstlerische Arbeit in der Ehemaligen Jüdischen Mädchenschule ist „Summer Lightings“ von 2004 des russischen Künstlers Viktor Alimpiev. Aufnahmen eines Sommergewitters vermischen sich mit Aufnahmen junger Schulmädchen, die mit ihren kleinen Fingern rhythmisch auf die Schulbänke klopfen – ein synästhetisches Trompe-l’oeil. Der perfekte Schnitt erinnert an die frühen Experimentalfilme von Peter Greenaway, das Gefühl für Syntax bei Alimpiev ist allerdings stärker und subtiler. Entwickelt sich die aktuelle Videokunst aus dem Experimentalfilm der 1970er Jahre?

 

Tatsächlich haben die Kuratoren eine Reihe von Künstlern aus den 1970er Jahren in die Ausstellung integriert. Darunter fallen Bruce Conners unvergessliche „Recuts“ der Dokumentaraufnahmen über die US-Nukleartests im Pazifik, Larry Sultan und Mike Mandels Fotografien über industrielle Experimente aus den 1970ern sowie Fotografien von Francesca Woodman. Diese Arbeiten, die hier auch nebeneinander präsentiert werden, zeigen den Einfluss dieser Ära in der heutigen Kunst, sind aber auch faszinierende Arbeiten in sich.

 

In den Kunst Werken (KW) dominieren ebenso Film und Video. Mircea Cantor aus Rumänien liefert uns eine der stärksten Arbeiten der gesamten bb4: In seinem Video Deeparture stehen sich ein Hirsch und ein Wolf in einem leeren Ausstellungsraum gegenüber. Entgegen unserer Erwartungen greift der letztere den Hirsch nicht an, sondern schleicht mal nach vorne mal nach hinten (ähnlich wie der Kojote in Joseph Beuys „Coyote: I Like America and America Likes Me“ von 1974). Hat den Hirsch die Panik gepackt? Offensichtlich nicht. Cantors Wahl dieser zwei Tiere, die der Natur entrissen und in diesen antiseptischen White Cube geworfen wurden, ist zu stark für eine objektive Beurteilung. Die Ursprünglichkeit der Tiere wird dominiert von ihrer Existenz als Symbole, was zusätzlich durch die Präsentation in diesem Galerieraum verstärkt wird.

 

Aida Ruilovas Kurzfilm ist eine Montage von Filmmaterialien ihres Mentors (der Vampirfilmkünstler Jean Rollin aus den 1970ern) und ihrem Filmmaterial, welches seine Bibliothek und sie selbst zeigt, wie sie seinen angeblich toten Körper verführt. Dadurch dekonstruiert sie sein Werk und den Bezug zum Surrealismus (Breton und Bataille) auf eine gruselige und auch „camp“-betonte Weise. Und wieder scheint sich der Bezug zu den 1970er Jahren wie ein Motiv durch die gesamte Ausstellung der bb4 zu ziehen.

 

Michael Schmidts fotografische Sammlung zu BRD und DDR mit dem Titel „EIN-HEIT“ und Thomas Schüttes großformatige Figuren mit dem Titel „Capacity Men“ erscheinen einzeln weniger stark als in ihrer Gegenüberstellung. Dies ist eines der wenigen Beispiele, bei denen die Kuratoren in Hinblick auf Bedeutung und Kontext (ein Trend, der allzu oft sichtbar wird) interveniert haben. Hier jedoch gelingt die Intervention zugunsten der gezeigten Arbeiten!

 

Was die anderen Ausstellungsorte betrifft, so sind Kris Martins und Andre Wekuas unterschiedliche Reflexionen über die Farbe schwarz in der St. Johannes-Evangelist-Kirche erwähnenswert. Ebenso bemerkenswert ist Tino Sehgals performative Intervention in Clärchen’s Ballhaus. Es mag vielleicht nicht das beste Werk Sehgals sein, da es stark zum Süßlichen tendiert, wird jedoch durch das faszinierende Ballhaus Interieur gerettet. Die Zusammenstellung der Arbeit, ursprünglich eine Auftragsarbeit für ein Museum in Toronto, und des Raums erinnert an Bertoluccis Last Tango in Paris. Ist das die Absicht von Sehgal? Der Kuratoren? Oder einfach Zufall?

 

Die Wahl der Auguststraße bedient die neue Mitte des (nicht mehr so) neuen Kunstestablishment in Berlin. Es wurde nur wenig Aufwand betrieben, um neue Kunst oder Trends aufzudecken. Praktisch alle der in der bb4 präsentierten Künstlerinnen und Künstler werden von prominenten Galerien vertreten. Die bb4 hat ortsansässige Künstler eingeladen, ihre Arbeiten zu zeigen, und publizierte einige davon in einem schwarz-weiß Katalog mit bewusster Trash-Ästhetik (Checkpoint Charlie).

 

Die bb4 ist zwar weder radikal noch erschließt sie viel künstlerisches Neuland, doch zumindest ist sie eine kompetente Biennale und bei weitem überzeugender als die bb3. Man kann dem diesjährigen Projekt zugute halten, dass es eine Anzahl guter künstlerischer Projekte präsentiert hat und das internationale Profil Berlins zu einer wichtigen Zeit aufgewertet hat. Wollen wir hoffen, dass sich das zur nächsten Biennale noch verbessern lässt – und diese auch tatsächlich 2008 stattfinden wird.

 

 

Mehr im Netz:

http://www.berlinbiennale.de

Diese Seite teilen