Ausstellungsbesprechungen

Bettina van Haaren, Fadenstücke (Hochdrucke 1997–2005)

Der Hochdruck genießt ungebrochen eine große Beliebtheit, wobei die technischen Möglichkeiten auch faszinierend sind: Ringt etwa Franz Gertsch dem Hochdruck eine malerische, ja nahezu fotografische Qualität ab, so belebte Bettina van Haaren in den 90er-Jahren den altehrwürdigen Schwarzlinienschnitt wieder, der in denkbare Nähe zur Zeichnung rückt.

So wundert es nicht, dass Van Haaren in Dortmund eine Professur für Zeichnung und Druckgrafik innehat.

 

In Reutlingen hat die 1961 in Krefeld geborene Künstlerin diese Technik mit einem – ebenso alten – Spiel verknüpft: dem Fadenspiel, beliebt bei Mädchen, die das Spiel in der Regel als „Abnehmen“ kennen. Hierbei entstehen mitunter raffinierte Fadenfiguren in den Händen, die die Spielpartnerin (natürlich: Buben dürfen das sicher auch machen!) aufnehmen und anderweitig umfigurieren, auf dass eine andere Figur entsteht. Bettina van Haarens so genannten „Fadenstücke“ greifen dieses Spiel auf und konfrontiert es mit der eigenen Person (ohne Selbstporträts im eigentlichen Sinne anzustreben).

 

Allerdings täuscht das Spielerische, das die Arbeiten durchaus charakterisiert, über die letztlich existenziell bedrohte, da außerordentlich brüchige Natur der Stege hinweg – man denke an die selbstironischen Parallelführung der Linie zwischen Körperkontur und Allerweltsdetail (das im Gegensatz zur Figur gelegentlich auf spannende Weise einen flächigen Kontrapunkt zum Strich setzt), oder auch an die phantasievoll-witzigen Männchen und „Kindsköpfe“, die den Gliedmaßen entwachsen. Man muss sich vor Augen führen, dass man im Schwarzlinienschnitt alles aus dem Holz bzw. dem Linoleum herausschnitzt, was hinterher nicht gedruckt wird. So entstehen nicht nur Bruchstellen abgeknickter Stege, sondern es ist auch kaum möglich, glatt durchlaufende Linien übers Papier vorzugeben. Alles ist auf das filigrane Flechtwerk einer konzentrierten, dichten Aussage hin orientiert.

 

Rund 75 Arbeiten stellen das jüngere, außerordentlich sensible Werk Bettina van Haarens im Museum vor. Der wunderbare Katalog liefert darüber hinaus beachtliche Essays sowie einen über die Ausstellung hinaus gehenden Blick in das Oeuvre, das sicher zu den stimmungsvollsten Positionen der zeitgenössischen Kunst jenseits der neuen Realismen und jenseits rein abstrakter Äußerungen gilt.

 

Am 5. Februar ist die Künstlerin noch einmal zu Gast im Kunstmuseum, um letzte Unklarheiten zu klären. Im Anschluss an Reutlingen sind die Arbeiten in Dortmund zu sehen; im nächsten Jahr wird die Ausstellung in Niebüll fortgesetzt.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Dienstag–Sonntag 11–17 Uhr

Donnerstag 11–19 Uhr

Sonn-/Feiertag 11–18 Uhr

 

Weitere Ausstellungsorte

Dortmunder Kunstverein, 7.4.2006–14.5.2006

Richard-Haizmann-Museum Niebüll, 23.3.2007–6.5.2007