Ausstellungsbesprechungen

Bilder der Zerstörung: Weimar 1945. Fotos von Günther Beyer, Stadtmuseum Weimar, bis 13. September 2015

1945 wurde Weimar von mehreren Bombenangriffen getroffen. Der Fotograf Günther Beyer dokumentierte die Angriffe, aber auch die Aufräumarbeiten. Die Schau im Weimarer Stadtmuseum zeigte uns, was der Krieg mit der Klassikerstadt und ihren zahlreichen historischen Gebäuden angestellt hat. Stefanie Handke hat es sich angesehen.

Ein wenig hat man ja genug vom Gedenken an den Zweiten Weltkrieg und sein Ende vor 70 Jahren. Was hat das noch mit uns heute zu tun? Diese Frage drängt sich zuweilen auf. Und dann tritt man als Weimarer ins hiesige Stadtmuseum und auf einmal ist alles ganz nahe: Zerstörung, Tod und Leid.

Eine eigentümliche Ausstellung ist das: Einerseits fast »sauber«, denn hier begegnen uns keine Toten und Verletzten und auch die Häftlinge des KZ Buchenwald, die den Bombenschutt räumen mussten, fallen zuweilen kaum auf. Die Passanten scheinen weder den Fotografen, der sie gerade ablichtet, noch den Blindgänger direkt am Straßenrand wahrzunehmen. Eigentümlich sind auch die Umstände, in denen die Bilder entstanden; eigentlich galt das Fotografieren der »Trümmer« und der Aufräumarbeiten als Spionage, war also ein hochriskantes Geschäft – und doch existieren die Bilder. Günther Beyer konnte dieses Gebot wohl dank seiner Tätigkeit bei der Landesbildstelle umgehen, vielleicht war er sogar beauftragt worden, denn immerhin finden sich Bilder von offiziellen Gebäuden herab in der Schau. Einige Male musste er aber wohl doch heimlich, wahrscheinlich aus seiner Manteltasche heraus, fotografieren. Das konnte Kurator und Enkel Constantin Beyer anhand der Bildperspektive ermitteln.

Was auffällt an den Bildern ist ihre Sachlichkeit; Günther Beyer ging es nicht um Propaganda, sondern um die Dokumentation der Zerstörungen. Dabei merkt man ihnen jedoch stets den Blick des Profis an. Die Perspektive ist sorgfältig gewählt, etwa wenn Trümmerberge rechts und links von den Überresten der ausgebombten Gebäude regelrecht gerahmt werden, und selbst ein vermeintliches Manteltaschenfoto vom Marktbrunnen und dem Schlossturm im Hintergrund wirkt geradezu künstlerisch. Und manchmal muss man sich erst bewusst machen, dass die Düsternis zahlreicher Bilder nicht aus einem Lichteffekt geboren ist, sondern die tatsächlichen Verhältnisse wiedergibt: Staub verdunkelte die Straßen nach den Angriffen. So liegt er wie ein Schleier über der Stadt, während drei Feuerwehrmänner Brände löschen. Wie sie so da stehen, fühlt man sich fast an ein Gemälde der Romantik, wenn nicht Caspar David Friedrichs, erinnert: Zu Füßen eines Felshangs (der Häuser) wagen sich drei kleine Personen in die wilde Natur (die Trümmer) und verschwinden fast darin.

Die Bilder aus dem teilweise zerstörten Weimar offenbaren sowohl die Folgen der Bombenangriffe, als auch das Können ihres Schöpfers. Und: Sie zeigen nichtsdestotrotz ein Weimar, das heute vergangen ist – einige der Gebäude existieren freilich nicht mehr, wurden abgerissen, um- und neugebaut, das Stadtbild Weimars ist heute verändert. Auch den Umgang der Nazis mit gefährdetem Kunstgut entdecken die Betrachter im Bild: Das Goethe- und Schiller-Denkmal vor dem Nationaltheater hatte immerhin einen Splitterschutz erhalten, andere Denkmäler der Stadt mussten standhalten oder wurden zerstört; selbst der Cranach-Altar der Herderkirche wurde lediglich in eine Seitenkapelle verbracht und ebenfalls mit einem Splitterschutz versehen. Er überstand die Bombenangriffe ebenfalls, obwohl die Herderkirche stark betroffen war.

Bei dem Blick auf all die Schäden mag vielleicht manchem Besucher die Stadt wie ein einziges Feld der Zerstörung vorkommen; tatsächlich offenbart ein Blick auf den dankenswerterweise mit ausgestellten Schadensplan, den Alexander Rutz, der auch Ausstellungsdesign und den Katalog gestaltete, mit Liebe zum Detail erarbeitet hat, dass der weitaus größere Teil der Weimarer Häuser doch unversehrt blieb. Freilich galten auch die Angriffe nicht der Stadt oder gar ihrer Kulturdenkmäler, denn das eigentliche Ziel der Luftangriffe waren die Wilhelm-Gustloff-Werke nördlich der Bahnstrecke.

Die Ausstellung berührt gerade durch die Professionalität, oft sogar künstlerische Ausführung der Bilder: Die sachliche Dokumentation bringt den Krieg näher an uns Heutige heran als manch dramatische Darstellung, und Perspektive und Licht lassen den Betrachter überrascht feststellen, dass er sich an dieses und jenes Gemälde erinnert fühlt – bei der Betrachtung einer ausgebombten Straße!