Kolumne

Blickwinkel #6: Ventile des gesellschaftlichen Unmuts

Raiko Oldenettel über Wahlplakate, Revolutionsgraffiti, Karikaturen und Blogger.

Das Kanzlerduell ist beendet und statt eines klaren Gewinners steht nun fest: Die Kette der amtierenden Kanzlerin hat mittlerweile für mehr Aufsehen gesorgt, als der Trägerin bewusst gewesen sein dürfte. Das läuft nicht nur bei heiklen Auseinandersetzungen im Fernsehen so – auch in der Weltöffentlichkeit liegt der Fokus auf dem Visuellen, wenn es um politische Auseinandersetzungen geht. Dabei ist nicht die Rede von den Bildern wagemutiger Journalisten, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um ganz vorne bei den Massakern und im Bombenhagel dabei zu sein, sondern den Ausdruck, den die Leute suchen, um ihrem politischen – vorsichtig formuliert – Unmut ein Ventil zu verleihen. Ein Ventil, durch das mehr fließt, als lediglich angestaute Wut und Aggression gegenüber gescheiterten Regierungskonzepten.

Was sind die Projektionsflächen dieses Ausdrucks? Modeschmuck in falschen Landesfarben ist es nicht. Es sind die Orte der Öffentlichkeit, die bespielt werden. Vornehmlich Plakate mit diffamierendem Inhalt, Spruchbänder, Zeltstätten mit pazifistischer Grundstimmung und auch das bunte Graffiti. Ob in einem Stadtpark in Istanbul, vor den Toren der Finanzregenten in Frankfurt, London und New York, oder an unscheinbaren Straßenecken in Ägypten. Die Karikatur erlebt ein neues Hoch. Sie ist schnell zu erfassen, einfach zu verstehen und kann gleichzeitig derart tiefsinnig ausfallen, dass sie den Betrachter vor neue Fragen stellt. Die Frage nach den Gründen von Ausschreitungen, von Regenten und Tyrannen, die Völker jahrelang wissentlich Repressalien ausgesetzt haben – nicht zuletzt die Frage nach der Gestaltung des eigenen Lebens.

Tagger, Schmierer, kleine Banksys. Sie tragen dazu bei, dass die Meinung der Bevölkerung sich formuliert und sei es nur auf schnödem Backstein. Ab ins Museum damit? Wahrscheinlich nicht. Die Graffitis sind zwar lesbar, greifbar, aber gleichzeitig an das Objekt gebunden, was ein neues Problem generiert: Wie konservieren? Sie sind sicherlich irgendwie übertragbar. Leichter ist da die Fotografie – was das Problem lediglich verdoppelt. Die immaterielle Kunst wird durch die Linse des zweiten Künstlers gefangen. Im schlimmsten Falle verändert. Schade. Doch genau in diesem Moment wird einem durch das Problem begreiflich, wie sehr diese Form der Kunst für ihre eigene und für die Freiheit der Völker steht.