Kolumne

Blickwinkel #9: Kulturgut

Raiko Oldenettel über die Schwemme an Kulturgut und den Umgang mit den Kleinodien vergangener Zeiten.

Mit einer Giraffe fing alles an. Das Internet überstürzte sich in einer hektischen Debatte über das Töten von sogenanntem tierischem Überschuss in den Zoos. Dass der junge Giraffenbulle vor den Augen einer Schulklasse ausgeweidet und anschließend den Löwen als natürlicher Bestandteil ihrer Nahrung zum Fraß vorgeworfen worden war, das sei einmal dahingestellt.

Nehmen wir das Wort Überschuss und benutzen ihn in einem anderen Zusammenhang. Im musealen Bereich zum Beispiel. Dort beschreibt er den Zustand der ständigen Ankäufe und Schenkungen bei schrumpfendem Platz und steigender Kosten der Archivierung, der Personalkosten für das Fachpersonal und den Anlagen, die bestimmte Feuchtigkeit und Raumtemperatur in den Archivräumen halten. Idealerweise, versteht sich. Diese kaum zu inventarisierenden Gegenstände, haben keine Chance zu richtigen Exponaten zu werden. Heimatkundliche Museen ächzen unter der Last der wieder und wiederkehrenden Gönnerschaft ländlicher Bevölkerungen, die den ein oder anderen Schatz aus dem Graben ziehen. Sie können es sich schlicht nicht leisten alles zu bearbeiten. Was viele Spender nicht verstehen; und vielleicht sogar noch mehr fordern. »Nehmt hin, ihr seid ein Museum! Aber ihr müsst es ausstellen, wenn ihr es haben wollt!« So könnte eine Forderung klingen, die sicherlich die Mehrheit nachvollziehen kann. Doch: Wieso sollte ich etwas geben und damit kulturellen Mehrwert erschaffen, wenn dieser nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird?

Nun ja, vielleicht deswegen, weil es sonst wie die Giraffe enden muss. Was nützt es mir, wenn ich den Zyklus eines weniger bekannten Künstlers, ohne reelle Bedeutung für seine Epoche, an ein Museum gebe, damit es dann im Anschluss zwischen den restlichen Stapeln angenommener Spenden Staub fängt, Schollen auf der Farbe bildet und trocken abblättert?

Es wird zu viel. Zu viel der Kunst, die Menschen sammeln und dann lustlos abgeben. Zu viel der vermeintlichen Schätze, die auf Dachböden gefunden werden. Sicherlich, die Gefahr ein wahres Schmuckstück abzulehnen, weil man es im Konvolut nicht sofort entdecken konnte, ist groß. Die menschliche Natur lässt einen da doch lieber annehmen, statt es auf dem Sperrmüll zu schmeißen. Kaum ein Kunsthistoriker könnte sich davon freisprechen, nicht doch das ein oder andere noch zu bewahren. Seiner Identität wegen, oder der Illusion, dass es eines Tages zu etwas nütze sein könnte. In einer breiten Ausstellung über ein Jahrzehnt als Staffage zum Beispiel. Oder als lokales Abbild einer wichtigen Kunstrichtung, die zu seiner Zeit jedoch keine Beachtung gefunden hat.

Skulpturen, Gemälde, Lüster, Teppiche, Pastillendöschen und Tabakbeutel – spätestens wenn sie über hundert Jahre alt sind, verspürt man einen Stich in der Brust, wenn man diese Kleinodien vergangener Zeit ablehnt. Dazu kommt die große Zahl der aktuellen Kunst. Es wird Zeit aufzuräumen, auszulagern, Firmen zu gründen, die sich damit befassen und die neue Stellen für Historiker erschaffen. Sonst landet das alles im Maul des Löwen.