Ausstellungsbesprechungen

Bodycheck – 10. Triennale Kleinplastik in Fellbach

Um es gleich mit einem irritierenden, aber sinnfälligen Widerspruch vorwegzunehmen: Die 10. Triennale für Kleinplastik, die sich mit kleineren Schlingerkursen in den vergangenen Jahren zu einem international beachteten Forum für kleinformatige Plastik gemausert hat, hat auf großartige Weise sein Thema verfehlt. Da die Geschichte der Kleinplastik innerhalb der Gattung der Skulptur eine eigenständige Linie aufweist, ist es natürlich schade, dass sie gerade hier, in der Alten Kelter von Fellbach (einst in der Schwabenlandhalle, dann kurzfristig in Stuttgart) nicht mehr stattfindet:

Das Gros der Plastiken sind ausgewachsene Skulpturen, so dass man resümieren muss, der Kurator Matthias Winzen habe sich um das Thema schlicht nicht geschert.

 

Wenn wir dennoch mit großen Eindrücken den gewaltigen Raum von 3000 Quadratmetern Fläche und mit einem gigantischen Dachstuhlgewölbe verlassen – der die teils großen Arbeiten in der Erinnerung größenmäßig nach unten korrigieren –, spricht das für ein respektables Konzept des ehemaligen Leiters der Staatlichen Kunsthalle Baden-Badens Winzen. »Bodycheck« nimmt gezielt auf die Konfrontation von plastischem Körper und Raum Bezug, auf die leibliche Präsenz – anders als Malerei, Foto oder Video ist die Skulptur keine Begegnung im Augenfeld, sondern eine körperliche Erfahrung. Was Jean-Christophe Ammann 2004 schon andeuten ließ, hat Winzen nun weitergedacht und die pure, statische Größe der Plastik nicht mehr zum Maßstab der Schau gemacht. Die Entgrenzung – die sich deshalb der Kleinplastik ja nicht verweigert – lässt die Ausstellung in einem volleren Licht erscheinen, sodass wir sie selbstbewusst als vierte internationale Veranstaltung neben den Sommerhighlights in Venedig, Kassel und Münster nennen dürfen.

 

Zentral geht die Triennale der Frage nach, was Skulptur heute vermag. Und siehe da, sie hat das Zeug, sich der aus massentauglichen und austauschbaren Dingwelt körperlich-sinnlich in den Weg zu stellen. Und verglichen mit der Hybris, die unseren Alltag umgibt, wird die Plastik zum kleinen David, der mit der Steinschleuder gegen jede Menge Goliaths ankämpft – so kriegt die Schau sogar ideell-konzeptionell die Kurve wieder zum Begriff der KIein-Plastik, unabhängig von den meterhohen Arbeiten. Einen prägnanten zeitgemäßen David geben die geschnitzten Nicht-Heroen Stephan Balkenhols ab – einem von Winzen auffallend bevorzugten Künstler von jeher: Allein durch ihre zurückhaltende, aber eindrückliche Gegenwärtigkeit haben die Hölzer körperhaftes Stehvermögen, das der Kurator wohl im Zeitalter des Flachbildschirms als im Rückzug befindlich begreift.

 

Mehr als 50 Künstlerinnen und Künstler folgen der von Winzen und seiner Partnerin Nicole Fritz gelegten Spur, darunter Joseph Beuys, Louise Bourgeois, Katharina Fritsch, Isa Genzken, Tamara Grcic, Sabine Groß, Georg Herold, Thaddäus Hüppi, Olaf Metzel, Karin Sander, Gregor Schneider, Dirk Skreber, Paul Thek, Georg Winter u.a. Störend, weil allzu sehr von den persönlichen Vorlieben Winzens abgeleitet, ist allenfalls die überproportionale Betonung osteuropäischer Positionen. Ansonsten ist die Dialogfähigkeit der Plastiken untereinander grandios inszeniert. So kommt der Besucher der Triennale zu einem physisch erfahrenen Abenteuer, das eine Weile im Gedächtnis bleiben dürfte – ob es für drei Jahre reicht bis zur nächsten Kleinplastik-Triennale, wird man sehen.

 

 

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Freitag 14-19

Donnerstag 14-21

Samstag / Sonntag 11-19 Uhr

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