Ausstellungsbesprechungen

Capriccios – Eine Symphonie der Farben

Im Bonner Stadtteil Bad Godesberg kann man bis zum 11. Juli die Werke zweier Künstlerinnen bewundern, die sich der Arbeit mit Farbe in unterschiedlichen Medien verschrieben haben. Tita do Rego Silvas Holzschnitte bevölkern archaisch anmutende langbeinige Wesen, während Elke Sadas Keramik einer Farbexplosion gleicht. Edgar Just ist begeistert!

Annegret Portsteffen, Kunsthistorikerin und Galeristin, beschenkt im siebenten Jahr des Bestehens ihrer Galerie das Bonner Publikum mit einer Symphonie der Farben. Im Rahmen der 3. Langen Galerienacht in Bad Godesberg eröffnete sie eine Doppelausstellung, die zum Verweilen einlädt. Holzschnitte der in Hamburg lebenden Brasilianerin Tita do Rego Silva und keramische Gefäße der Leipzigerin Elke Sada sind dank einer einfühlsamen Auswahl und eines klugen Arrangements zu einem außerordentlichen Gesamtkunstwerk zusammengeführt.

Dass es sich bei den beiden Künstlerinnen um zwei der Ausgezeichnetsten ihrer Zunft handelt, sei nur demjenigen gesagt, der das Glück, deren Arbeiten zum ersten Mal zu begegnen, jetzt mit Händen fassen möchte. Die Kenner der Szene werden in den nächsten Wochen ohnehin kaum am CRAFTkontor vorbeigehen können.

Seit langem wieder ist der Holzschnitt eine etablierte druckgrafische Technik. Zahlreiche zeitgenössische Künstler praktizieren ihn neben ihrer Malerei. Es gibt aber auch die kleine Zunft der Holzschneiderinnen und Holzschneider, die aus Liebe zum Werkstoff und einer sehr persönlichen Neigung zu seinen formalen Mitteln fast ausschließlich in dieser Technik arbeiten. Tita do Rego Silva ist eine ihrer leidenschaftlichsten Vertreterinnen.

Die 1959 in Brasilien geborene Künstlerin studierte in Brasilia Kunst und kam 1988 nach Deutschland. Seitdem lebt und arbeitet sie als freie Künstlerin in Hamburg. Schon sehr früh erarbeitet sie sich den Holzschnitt in all seinen künstlerischen Ausdrucksformen: Auflagendrucke, Monotypien von partiell eingefärbten Druckstöcken, häufig Serien, in denen ein Themenkomplex einfallsreich komponiert wird, Künstlerbücher, gedruckt in selbstgesetztem Bleisatz und reichhaltig mit Holz- oder Linolschnitten illustriert, bis hin zu großformatigen über zwei Meter hohen Wand füllenden Exponaten, gedruckt auf Nessel oder Seide, die den Holzschnitt in enge Nähe zur Malerei rücken. Annegret Portsteffen präsentiert in ihrer Galerie ausnahmslos dieses gesamte Spektrum, das die gelebte Leidenschaft der Künstlerin für diese Technik vorbildlich atmosphärisch verdeutlicht.

Bewundernswert, wie es der Künstlerin gelingt, den Besucher mit einem außergewöhnlich eigenen Figureninventar in den Bann zu ziehen: Tanzende Langbeiner huschen über die Bildfläche oder posieren in selbst gewählter Haltung herausfordernd, humorvoll oder voller Würde. Wesen zwischen Mensch und Tier, in traumhafter Farbenpracht, allesamt von der Künstlerin präzise filigran geschnitten, dass der Betrachter eher an spontane Zeichnungen denkt, obwohl Tita do Rego Silva sie dem störrischen Holz abgerungen hat: was für eine Meisterschaft! Kaum einem weiteren zeitgenössischen Künstler gelingt es, die eigenen Wurzeln, verbunden mit Mythologischem und Traditionellem, so zeitgemäß faszinierend in die eigene Arbeit aufzunehmen. Die Charaktere der zuweilen verschmitzt daherkommenden Gestalten und deren Geschichten kommen uns bekannt vor, ihre Inhalte, die sie erzählen, berühren uns, haben wir sie doch auch selbst erlebt.

Eine Herausforderung, in diesem Fest der Farben und Formen zu bestehen. Annegret Portsteffen macht mit der Auswahl der zweiten Künstlerin dieser Ausstellung deutlich, wie erfahren und einfühlsam sie ihre Galeriearbeit praktiziert. Mit Elke Sada stellt sie der Holzschneiderin kongenial eine Keramikerin zur Seite. Dank ihrer Gefäßkeramik gewinnt die Schau einen außerordentlich kontrastreichen Akzent. Das breite Valeur, zuweilen expressiv-gestisch farbexplosiv, manchmal linear-skriptural farbreduziert, greift den Reichtum an Farben, den die Arbeiten Tita de Rego Silvas auszeichnen, auf. Die vital variablen Körperformen zeigen sich andererseits souverän eigenständig und strukturieren den Raum zu einer reizvollen Erlebnisarchitektur.

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Elke Sada, 1965 geboren absolviert zunächst eine Ausbildung zur chemisch-technischen Assistentin, ist anschließend dreizehn Jahre lang in ihrem Beruf in Deutschland, den USA und Italien tätig und gibt ihrem Leben 2000 einen völlig neuen Impuls: Zunächst bildet sie sich ihren Neigungen folgend autodidaktisch und durch Hospitationen in den Werkstätten bekannter Keramiker weiter. Schließlich bewirbt sie sich an der renommierten Bath Spa University in Bath, wird angenommen und schließt ihr Studium 2003 als Bachelor of Arts in 3D-Design Ceramics ab. Während dieser Ausbildung erfährt Sada bei allen Freiheiten zu eigenem experimentellem Handeln eine ausgesprochen solide Grundausbildung, die sie mit größter Perfektion abschließt. Danach will sie unbedingt ihren Schwerpunkt – Oberflächengestaltung, Malerei und Druck – vertiefen. Ein anschließendes Studium am angesehenen Royal College of Art in London bietet Elke Sada die Möglichkeit, ihre experimentelle Lust dank der kenntnisreichen Vermittlung professioneller Lehrer in eine individuelle Form von höchstem Niveau einzubringen. 2005 schließt sie ihr Studium als Master of Arts in Ceramics & Glass ab. Binnen weniger Monate wird sie zum Shooting Star der internationalen Keramik-Szene und wird durch mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet: 2007 Erdwin-Amsinck-Förderpreis; 2009 Preis der Jury 5th World Ceramik Biennale in Icheon, South Korea; 2014 Prix David Miller, Bandol – um nur einige wenige zu nennen. Die Ausstellung im CRAFTkontor stellt die Arbeiten Elke Sadas mit der Präsentation zweier maßgeblicher Werkgruppen in einer repräsentativen Breite vor.

Die Serie »Capriccio«, Vasen, Becher und Schalen, schlägt mit jedem seiner Stücke ein Bilder- und Geschichtenbuch auf. Mittels einer ausgesprochen raffinierten Dekorationstechnik überträgt die Künstlerin mit gestischem Duktus eine explosiv farbenprächtige Engobenmalerei, die wir vergleichsweise fulminant nur bei dem Grandseigneur der Französischen Keramik, Gilbert Portanier, kennen. Mit jeweils verändertem Blick auf die Gefäße werden wir fortwährend eingeladen, ein neues Kapitel zu lesen, eine unendliche Geschichte im Feuerwerk der Farben. Beinahe gelingt es Elke Sada, die Funktionalität ihrer Arbeiten vergessen zu machen. Und doch: Ein Becher ist ein Becher, ist ein Becher… Sie selbst beschreibt es so: » ›Capriccio‹ – das Zusammenspiel meiner Leidenschaft für expressive Malerei und die Liebe für schöne Gebrauchsgegenstände.«

Im Kontrast zu dieser Werkgruppe, aufgebaut aus glattwandigen Tonplatten, stehen die in neuerer Zeit entstandenen »Hallstatt-Gefäße«. Sowohl im Aufbau wie in der Dekoration schlägt die Keramikerin einen neuen Weg ein. Vorbild für diesen Werkkomplex ist ein Ausstellungsstück des Hallstätter Museums, eine aus Fragmenten zusammengenietete Kupferschale. Begeistert von einem Museumsbesuch zurückgekehrt, setzt Elke Sada den stückhaften Aufbau der historischen Vorlage in ihrer Arbeit um. Zahlreiche ungleichgroße Tonplatten werden beim Aufbau der Gefäße aneinandergefügt und unmittelbar mit farbigen Engoben bemalt, der Werkprozess bleibt sichtbar. Inzwischen sind bis zu einen halben Meter große Stücke entstanden.

»Capriccio« und »Hallstatt-Gefäße« – zwei unterschiedliche Konzepte einer hochbegabten Keramikerin, die das Bewährte überprüft, weiterentwickelt, aber wiedererkannt wird. Wer der Ausstellung nicht kurz vor Öffnungsschluss einen Besuch abstattet, ist gut beraten: Es gibt Vieles zu entdecken und obendrein könnte es dem einen oder anderen ja schwer fallen, sich einer gewissen Verzauberung zu entziehen.