Ausstellungsbesprechungen

Clemens Gröszer, Einblicke

Ein Pendler zwischen den Welten. Die Frauen heißen Monique und Lolo, aber auch Carola, Monika oder Bettina. Sie haben seit ewigen Zeiten ihren Platz in der Welt – und gehören doch nicht dazu. Die Nachtwelt ist eben doch eine Art Paralleluniversum zur Tagwelt. Die Nachtwelt hat ganz andere Farben. Wie bei den Wesen der Tiefsee müssen sie viel stärker leuchten, um auf sich aufmerksam zu machen.

Die rötesten Haare, die grünsten Augen – in der Tagwelt ein Wesen vom anderen Stern, in der Nachtwelt völlig normal. Es sind Aliens, die Frauen des Clemens Gröszer. Bewundernswert? Verdammenswert? Bemitleidenswert? Sie bieten dem Betrachter keinen voyeuristischen Blick. Vielmehr fordern sie zu einer Stellungnahme heraus. Die Wesen der Halbwelt fragen nach der Toleranz des Betrachters, danach, ob er seine eigenen dunklen Welten akzeptieren kann. Die Göttinnen des Rotlichts im Affront gegen die Scheinheiligkeit der Gesellschaft. Die technische Raffinesse der Lasuren und die überzeichneten Proportionen erinnern an die Meister der Renaissance. So vermeint man hinter den Korsagen, Katzenaugen und Netzstrümpfen auch mehrmals eine Cranachsche Lukretia entdecken zu können. Hinzu kommt jedoch ein neu-sachlicher Verismus und eine Formensprache, die den insektenartigen Wesen eines H.R.Giger nicht fern zu sein scheint.

Ein Selbstportrait zeigt Gröszer mit blauer Kappe, gepunktetem Seidenschal und Fliege, an der Hand große, kitschige Ringe. Seine Haut ist blau geädert, genauso wie das üppige Dekollete von Lolo. Sie ist, gequält vor einem sonnenbebrillten Zuhältertyp lächelnd, die Personifikation aller Tatjana Gsells dieser Welt. Im blonden Haar glitzert ein Diadem, doch einen Preis für ihre Schönheit wird sie nicht bekommen.

Fortsetzung von Seite 1

Im großformatige Triptychon „Twi light“ (2004) thematisiert Gröszer den Einsturz der Türme des WTC am 11. September 2002. Hier gelingt ihm in höchst spektakulärer Weise der Brückenschlag von einer spätmittelalterlichen Apokalypse zum Inferno der Neuzeit. „Seiner Zeit kann man nicht entfliehen“, sagt Clemens Gröszer, „sie beherrscht einen, ob man will oder nicht.“

Neben den meist großformatigen Gemälden sind in der Sonneberger Ausstellung der Städtischen Galerie Sonneberg auch Zeichnungen, Lithografien und eine kleine Auswahl von Skulpturen des Berliner Künstlers zu sehen. Die Bronzen haben einen gänzlich anderen Charakter als seine Malerei und Grafik. Hier scheint das weibliche Wesen mit der Erhabenheit einer archaischen Kultfigur in sich zu ruhen.

Clemens Gröszer, Jahrgang 1951, schloss sein Studium in Weißensee als Maler und Restaurator ab und wurde in den Achtzigern mit einem Stipendium der Akademie der Künste der DDR Meisterschüler bei Wieland Förster. Er pendelt nicht nur zwischen den Welten von Rotlicht-Millieu, Fantasy und Realität, sondern auch zwischen realem Sozialismus und neukapitalistischer Nachwendezeit.

 

Der Ausstellung des Künstlers in Sonneberg folgt im kommenden Jahr eine Retrospektive am Kunsthaus Apolda Avantgarde.

 

 

 

Öffnungszeiten: Di-So von 14.00 bis 17.00 Uhr

 

 

http://www.sonneberg.de/kultur/galerie/galerie.htm