Kunstspiele-Rezensionen

Das Prestel Architekturspiel

Mit Thomas Fackler hat der Prestel-Verlag einen erfahrenen Herausgeber für das Prestel Architekturspiel gefunden, der in der Spieleszene für seine interessanten und einfallsreichen Spielabläufe bekannt ist.

Diesem Ruf entspricht auch das Architekturspiel, das bereits im Jahr 2002 im Prestel-Verlag erschienen ist. Hinter dem Spiel verbirgt sich – anders als der Name zunächst vermuten lässt – vor allem ein Tempo- und Taktikspiel. Vor der Kulisse berühmter Bauwerke von der Antike bis zur Gegenwart müssen sich die Spieler Bauaufträge sichern und möglichst bald vollenden. Wie im wirklichen Leben können dabei nicht alle Bauaufträge realisiert werden und Konkurrenten durchkreuzen die clever zurechtgelegten Pläne.

Aufmachung & Spielverlauf
An Stelle eines Spielbretts finden die Spieler 24 Bauaufträge auf Bildplatten vor, die in ihrer Vielfalt ein Panorama berühmter architektonischer Bauwerke der Welt bilden: darunter zum Beispiel der Parthenon in Athen, das Kolosseum in Rom, die Kathedrale Notre-Dame in Reims, der Palazzo Medici in Florenz, das Bauhaus-Gebäude in Dessau oder der Turm der Winde in Japan. Die zwei bis fünf Mitspieler konkurrieren Runde für Runde um die Fertigstellung von jeweils vier dieser Gebäude, indem sie aus 64 Bauteilen mit taktischem Geschick und Schnelligkeit die entsprechenden Teile verbauen. Für jedes passend aufgelegte Bauteil erhält der Spieler einen Punkt, für jedes von ihm selbst vollendete Bauwerk dagegen zwei. Gewonnen hat der Spieler, der auf diese Weise als erster 13 Punkte gesammelt hat. Etwas erschwert wird die Vollendung der Bauaufträge dabei durch die verdeckte Präsentation der Bauteile, denn diese sind unter fünf Stapeln versteckt, die mit Hilfe von fünf Steinmetz-Zeichen des Straßburger Münsters wieder erkannt werden können. Runde für Runde müssen die Spieler passende Bauteile aus den Stapeln heraussuchen. Hier gilt es, schnell und taktisch vorzugehen, indem man etwa wichtige Bauteile zurückhält, um später mehr Punkte für die Vollendung eines Bauwerkes zu erhalten oder indem man sich merkt, unter welchem Steinmetz-Zeichen welche Bauteile versteckt sind.

Fortsetzung von Seite 1

Pädagogisches Vorhaben
Die Vermittlung von architekturhistorischen Inhalten zählt nicht zu den didaktischen Zielen dieses spannenden Unterhaltungsspiels. Im Vordergrund stehen erkennbar das Training des visuellen Gedächtnisses, Schnelligkeit, Kombinationsgabe, Konzentration, strategisches Vorgehen, eine rasche Auffassungsgabe und Glück. Damit fördert das Spiel kaum wie erhofft das Wissen über Architektur, wenngleich die unterschiedlichen Stilformen der berühmten Bauwerke visuell wahrgenommen werden können und so zumindest zum Teil im Gedächtnis haften bleiben. Auch wenn das Spiel für zwei bis fünf Spieler ab 8 Jahre konzipiert ist, erhöht sich der Grad des gesellschaftlichen und kommunikativen Aspekts nur wenig mit der Zahl der Mitspieler, denn während der raschen Suche nach passgenauen Bauteilen ist jeder Spieler mit sich selbst beschäftigt. Ähnlich verhält es sich auch mit der Kreativität: Über Taktikvariationen hinaus findet sich wenig Spielraum für innovative Ideen oder Beiträge. Der geringe inhaltliche Hintergrund ist insofern zweckmäßig, da er ein häufiges Spielen bei stets wechselnden Bauaufträgen ermöglicht.

Regelwerk & Qualität
Das Regelwerk des Prestel Architekturspiels ist beim ersten Spielversuch nicht allzu leicht zu verstehen. Vor allem der zeitliche Ablauf ist nicht sofort überschaubar. Die Fülle der zu beachtenden Regeln, gepaart mit ungenügend eindeutigen Beschreibungen, lässt das Spiel zunächst nur langsam in Gang kommen. Hat man es jedoch einmal gespielt, werden langsam die taktischen Möglichkeiten bewusst und spätestens ab dem zweiten Versuch lassen sich weitere Strategien ausspielen und erproben. Das Regelwerk ist ähnlich dem Spiel selbst ansprechend gestaltet. Auch die gezeichneten und aquarellierten Bauaufträge lassen Anleihen an architektonische Zeichnungen erkennen. Die Gebäude sind dabei so prägnant abgebildet, dass sie leicht wieder zu erkennen sind.

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Fazit
Das Prestel Architekturspiel ist ein schnelles und unterhaltendes Spiel. Wer ein die Architekturgeschichte vermittelndes Kunstspiel erwartet, wird jedoch enttäuscht sein. Zwar hat der Prestel-Verlag dem Spiel ein informatives Begleitheft beigelegt, das bauhistorische Informationen zu den einzelnen Bauwerken bietet, diese sind allerdings nicht in den Spielverlauf integriert und wirken wie ein nachträglicher Vermittlungsversuch. Es bleibt daher die Überlegung, inwieweit der Titel des Spiels den Inhalt rechtfertigt. Nichtsdestotrotz ist es ein kurzweiliges Familienspiel, das jung und alt ein gesundes Gehirnjogging beschert und parallel dazu die Augen für die unterschiedlichen Bauweisen verschiedener Epochen öffnet.