Dunkelbunte Nabelschau – Das Leipziger Wave-Gotik-Treffen setzt ein Vierteljahrhundert nach seiner Entstehung auf kulturelle Vielfalt

Pfingsten liegt schon etwas zurück, aber in Leipzig erinnert man sich sicher noch der schwarzen Gestalten, die die Stadt bevölkerten. Der jährliche Szene-Treff der »Gothics« ist dabei aber weit mehr als nur ein Musikfestival, sondern bietet zahlreiche Veranstaltungen von Konzert bis Museumsführung und betätigt sich aktiv in Sachen »junges Museumspublikum«. Luise Schendel berichtet.

Eigentlich ist das Wave-Gotik-Treffen längst kein Geheimtipp mehr. Jedes Jahr pilgern Zehntausende nach Leipzig, die Peilung liegt seit einigen Jahrgängen bei 20.000. Während ein nicht unbeachtlicher Teil der »bunten« Leipziger über Pfingsten die Stadt verlässt – unabhängig von dem Massenaufgebot an Anhängern der schwarzen Szene oder gerade wegen der Welle an dunkelbunter Euphorie – kommen noch mehr Besucher in die Stadt um die »Anderen“ zu sehen. Die „Anderen«, das sind Gothics, Grufties, Punks, Metalfans und was sonst noch den Weg aus den entlegensten Winkeln der Welt in die sächsische Metropole gefunden hat, um das große schwarze »Wir-Gefühl« zu leben.

Tatsächlich gleicht das Wave-Gotik-Treffen jedes Mal aufs Neue einem großen Jahrmarkt der Eitelkeiten. Wem es nicht ums Sehen und Gesehen-Werden geht, der kommt wegen der Musik. Oder? In Wirklichkeit ist das WGT seit einiger Zeit aus dem selbstgewählten Schattendasein getreten und zeigt sich zu seinem 25. Jubiläum vor allem der urbanen Kultur verbunden, die mit zahlreichen Lesungen, temporären Kunstwerken, Opernabenden, Museumsführungen und Ausstellungen vor allem das kulturinteressierte Publikum mit dem traditionellen Textilbändchen am Arm begeistern soll. Und es auch kann. Erstaunlich scheint das Phänomen, dass vor allem junge Szenegänger bereits Stunden vor einem Orchester- oder Opernspiel sich um die verfügbaren Tickets drängen, während das klassische Kulturpublikum zusehends vergreist. So findet die Verständigung zwischen »Schwarzen« und »Bunten« vor allem in den Fluren und Aufenthaltsräumen der Museen und Theater statt, hier scheint es weniger Berührungsängste zu geben. Wo man denn ein strassbesetztes Gesichts-Klebetattoo herbekäme fragt die Garderobiere der Oper in einer Spielpause der fabelhaften Wagner’schen »Feen« eine viktorianisch gewandete Dame mit leichenblass geschminkter Haut. Die lacht, und antwortet freundlich, so etwas gebe es in der Drogerie nebenan.

Die »Szene« ist angekommen in der Stadt. Aber wollte sie das? Vor allem die Dokumente aus Stasi-Vergangenheiten, die in Leipzig einen Einblick in die Vergangenheit der Gothic-Bewegung gewähren, zeigen die Restriktionen, denen sich Anhänger des dunkel(-musikalischen) Genres ausgesetzt sahen. Als eine von mehreren Jugendbewegungen standen die »Grufties« ebenso wie die Punks unter strenger Überwachung durch die Sicherheitsorgane des DDR-Regimes. Ein Punkt, den auch die Ausstellung »Leipzig in Schwarz« im Stadtgeschichtlichen Museum noch bis zum 24. Juli aufgreift. Und die hat es in sich. Auch, wenn sie den Hang zur Selbstreferenz zur Genüge ausreizt, bekommt die Beschäftigung mit der schwarzen Szene dem kleinen Bau im Windschatten des Museums der Bildenden Künste recht gut. Dort steht der Besucher unvermittelt vor einem großen Sarg, natürlich hat man auch die anderen üblichen Klischees zusammengetragen: Totenköpfe, Samtkleider, Schuhe im mittlerweile etwas nachlassenden Steampunk-Stil, Kinderpuppen mit Reißzähnen im, natürlich, schwarzen Kinderwagen.

Die Macher berichten von den Anfängen der Bewegung, von den Urhebern des WGT‘s und der zunehmenden Kommerzialisierung der mittlerweile gar nicht mehr so untergrundigen Bewegung. Die Gothics, so unterschiedlich sie sich auch selbst definieren, scheint’s zu freuen. Ein wenig Kitsch muss schließlich auch in der Wohngruft von nebenan nicht fehlen. Interessante Aspekte des schwarzen Selbstverständnisses kommen dank Szenegängern der ersten Stunde zu Wort, die in ihrem dunkelbunten Leben zwischen Bondage-Stiefeln, Flüssigeyeliner und Haarspray längst angekommen sind. Solchen, denen man ihre Überzeugung ohne Abstriche abkauft. Aber welche Überzeugungen sind das? Die »schwarze Szene« ist so vielschichtig, dass selbst die akribischen Recherchen der stadtgeschichtlichen Kuratoren an der Oberfläche zu kratzen scheinen. So bekommt die kleine, düstere Schau dank ihrer Stereotypen eher den (unfreiwillig) komischen Anschein einer kleinen Fantasy- und Horrorparade der Karnevalisten, als die mit etwas Abstand betrachtet dringend nötige Kurve zur Neutralität, die irgendwo zwischen Patchouliduft und schwarzen Rosen abhanden kommt, um einer Nabelschau der »Schwarzen« zu weichen. Schade.

Einen Geheimtipp darf sich die kleine Schau aber trotzdem nennen. Ebenso wie die herrlich morbiden und fantasievollen Führungen im Museum der Bildenden Künste, im Grassi-Museum und im Archäologischen Museum der Leipziger Universität, die thematisch passend, im Grufti-Look gehalten werden. Und wahrscheinlich gerade deswegen zu den gut besuchten Favoriten zu Pfingsten gehören.