Ausstellungsbesprechungen

Eckart Hahn, Fremde Spuren

»›Alles seit je. Nie was anderes. Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.‹ Kann man die Sinnlosigkeit der Welt besser lobpreisen als auf diese Weise? Die parataktisch, schlaglichtartig gesetzten Worte stammen von Samuel Beckett, dem Altmeister des Absurden Theaters, der in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden wäre.

… Das Label »Made in Leipzig« steht im Ausland durchaus schon für die neue Kunst in Deutschland. Denn kaum war diese Schublade aufgezogen, fielen viele Klappen und Türchen mit auf, die eine atemberaubende Bandbreite realistischer Tendenzen offerierten, von denen die besten auf Irritation setzen. Die künstlerischen Eckpfeiler sind schnell ausgemacht: handwerkliche Perfektion, gegenstandsbetonte Inhalte, insbesondere tiefgründig-phantasievolle, teils geschichtlich, teils mythisch oder rein privat motiviert. Ich freue mich ganz besonders, heute mit Eckart Hahn einen Künstler vorzustellen, der auf dieser imaginären Palette der jungen deutschen Malerei eine sehr eigenständige Position einnimmt. Er ist sozusagen der schmunzelnde Surrealist unter ihnen.

 

Doch zurück zu Beckett. Für ihn war das Leben trostlos, der Sinn allenfalls über das Absurde greifbar – er war sich aber auch dessen bewusst, dass wir nur dies eine Leben haben. Eckart Hahn spricht von der konfusen Welt, der man begegnen müsse, um nicht verrückt zu werden. Während unaufhörlich die widerspüchlichsten Dinge über uns hereinbrechen, wird der Lebens-Lauf leicht zum Spießrutenlauf für Sinnsucher. Samuel Becketts Menschen gingen nicht darin auf, sondern unter, ihre Vereinsamung und Verelendung gedieh in der unverständlichen Realität. Der Dichter reagierte erzählerisch auf diese Situation, um sogleich an der Unmöglichkeit des Erzählens zu scheitern – und dieses Scheitern dann wieder zum neuen Versuch umzudeuten. In dem beständigen und banalen Wechsel zwischen Versuchen und Scheitern und neuem Versuchen geriet das Erzählen zum Ersatz für das Leben.

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Auch Kunst hat einen narrativen Kern. Eckart Hahn ist ein Erzähler unter den Malern. Seine Arbeiten sind Wegmarken, deren Ausschnitt Fragen nach der dahinter stehenden Story einfordert. Doch Hahn sieht seine Aufgabe in der Inszenierung der fraglichen Situation, nicht in der Ausformulierung einer Antwort. In seiner formvollendeten Dramaturgie ist es dem Betrachter wohl möglich, Sinnzusammenhänge zu erkennen, aus den herausgegriffenen Szenen zu ahnen, »was bisher geschah«. Mehr will der Künstler aber nicht preisgeben. Abgesehen davon ist der Künstler heute nicht mehr eine der Instanzen neben der Kirche, die Antworten auf existenzielle Fragen weiß – wo sich doch sogar die Kirche schwer damit tut. Eher in der Fahrrinne Samuel Becketts setzt Hahn hier bewusst auf Irritation durch die Dokumentation einer Aussichtslosigkeit, die er noch steigert durch die Vagheit des Wohin in der auf Leinwand gebannten Geschichte und durch die Ahnung, dass diese einen negativen Ausgang nehmen könnte.

 

Hahn ist allerdings weit davon entfernt, im Rausch des Untergangs moralinsaure Szenarien zu entwerfen. Darf der gemalte Protagonist, der daher kommt wie du und ich, überhaupt in dieser spezialisierten und globalisierten Welt über den Sinn und Unsinn irgendwelchen Tuns nachdenken? Die ehrliche, freilich desillusionierte Haltung von Hahn liegt auf der Hand: Die Kategorien »richtig« oder »falsch«, »gut« oder »schlecht« seien diesseits ideologischer Grabenkriege so schwer auseinanderzuhalten, wie sie in ihrer Schwarzweißmalerei schon längst über Bord geworfen, ja im besten Sinne überwunden wurden – zugegeben, in der ethischen Auseinandersetzung wird eine gewisse Ratlosigkeit bleiben. In einem Interview vom Mai 2002 nannte Eckart Hahn als Beispiele die Gentechnologie und den Konflikt im Nahen Osten. Dem ist heute kaum Brisanteres hinzuzufügen. Und es tut hier auch kaum etwas zur Sache, denn Hahn will weder politisieren, noch befasst er sich konkret mit diesen Themen. Es geht ihm vielmehr um jene sich regelrecht aufdrängende Ratlosigkeit beziehungsweise Hilflosigkeit des Menschen gegenüber Zeitläuften, die seinen Horizont übersteigen.

 

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Da beginnt das Faszinosum des Hahnschen Werks. da lässt er etwa ein paar Männer in Schutzanzügen durch einen morastigen See waten, der eine weist gerade auf etwas hin, was sich unsrer Sicht entzieht, während der andere sich schon bücken muss, um intensiv in den Tümpel zu starren, fassungslos womöglich, vielleicht bloß neugierig. Zwischen die mittelgründige Uferbewachsung und dem schneebedeckten Bergmassiv im Hintergrund schiebt sich ein Industriegebäude, zur Unkenntlichkeit umhüllt, wenn nicht ein Schornstein emporragen würde – ansonsten könnte die Architektur auch als Kirche durchgehen. Auf ein Idyll wird man also nicht gefasst sein, im Gegenteil. Aber was macht überhaupt eine Fabrik hier? Was suchen die Menschen im Weiher? Kurzum: Was ist geschehen?

 

Besser scheitern. Wir erinnern uns. Wenn auf Hahns Gemälden die Menschen ausgespart sind, hinterlassen sie immer noch Spuren, und prompt bekommt das Ambiente etwas Verlassenes. Da, wo Menschen auftreten, entsteht der Eindruck des Verlorenseins. Da läuft jeweils ein Film ab, dessen Verlauf wir ganz und gar nicht unter Kontrolle haben, der sich auf unsere Kosten unterhält, anstatt uns zu unterhalten. Die immerzu vergeblich Agierenden sind Nachfahren von Charles Chaplin, sind Wesensverwandte von den Pseudohelden Woody Allens. Eckart Hahn versteht sich brillant auf die Sequenzen der Vergeblichkeit.

 

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Wie manipuliert sind wir eigentlich, dass wir wie in jeder guten Nachrichtensendung die schlechte Botschaft zuerst erwarten? Hahn zeigt mit seinen foto(sur)realistisch verchiffrierten Bildern Tableaus, die zunächst nichts darstellen als das, was sie sind: Ein allein durch das gemusterte Tuch charakterisierter Tisch wird zum Teppich, auf dem zwei umgeworfene Ministühle liegen. Ein Tisch ist ein Tisch ist ein – ja da ist sie wieder, die Frage im Raum: ein Tisch? Und was noch – doch ein Teppich? Die Stühle, auf einem Tisch noch Spielzeug, werden auf dem Teppich zu Überbleibseln einer Tragödie. Nicht zuletzt die wiederkehrenden Motive – verlassene Zelte (wenn die Besitzer nicht gerade selig darin schlafen), Arbeitshandschuhe aus Gummi, die der Phantasie Tür und Tor öffnen (und gelegentlich etwas Puppenhaftes im Aussehen bekommen), tarnfarbenüberzogene Kisten und mutmaßliche Militaria – und überhaupt die durch und durch verkehrte und doch auch irgendwie vertraute Welt der Innen- und Außenräume machen die Arbeiten zu fingierten Schnappschüssen einer Bilderfolge.

 

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Wir Betrachter dürfen uns dabei ertappen, wie wir das drohende Unheil in diesen Acrylgemälden – nicht ohne Zutun des Künstlers – problemlos verwitzeln können, aus Gründen des Selbstschutzes, um nicht zu verzweifeln. So verwandeln sich die Momentaufnahmen zu Comic Strips, und wer würde sich wundern, wenn plötzlich einer der aus-gezeichneten (Anti-)Helden – sagen wir zum Beispiel Charlie Brown oder Gaston und Spirou – um die Ecken biegen würde, im fröhlichen oder noch unbemerkten Scheitern begriffen. Die Gesetze des Alltags sind in der Welt der unbewegten Bilderfolgen ausgeschaltet, umso mehr bedarf es der Beobachtungsgabe des Urhebers, der ›nicht nur einen Sinn für die absonderlichen Dinge der Menschen braucht, sondern auch für die Gegenstände um ihn herum‹ (so Charles M. Schulz, Schöpfer der Peanuts). Darüber hinaus gelingt es einer Comicfigur, anders als dem Filmdarsteller, eine Art Leerform zu bilden, die der Betrachter erst mit seiner Person zu füllen hat. Eckart Hahn beherrscht bravourös die Klaviatur der Strip-Zieher: Männer mit Eigenschaften, aber ohne Persönlichkeit lässt er aufwarten, wenn sie nicht gerade aus dem Bild verschwunden sind – oder wenn sie genau das nicht mehr geschafft haben, weil sie am Boden darnieder liegen. Diese Szenarien, als Schlussbilder einer hypothetischen Bildergeschichte betrachtet, gehen böse aus. Es sei denn, die irritierend fatalen Szenen sind von den comicesken Protagonisten nur gut gespielt.

 

Die Welt, in der wir leben, hat etwas Neurotisches, allerorten erleiden wir Schiffbruch, und da, wo wir auf hohen Wellen erhobenen Hauptes dahinsegeln, lauern Gefahren, die jedwedes Glück zu dem kurzen Moment machen, der dem Wort ursprünglich innewohnt. ›Alles seit je. Nie was anderes. Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.‹ An den Bildern Eckart Hahns, die der Vanitas-Thematik einen ganz neuen Drive geben, können wir erkennen, dass im Scheitern auch ein Stück Differenziertheit, ein sympathisches Stück Eigentümlichkeit steckt. Banale Dinge erfahren durch ihre zufällige Zusammenführung eine höhere, wenn auch meist sinnlose Bedeutung.

 

›Mein Ziel ist es‹, so meint Hahn, ›eine innere Bewegung anzustoßen. Diese Bewegung stelle ich mir nicht unbedingt positiv vor, sondern eher als eine Bewegung in einem Rahmen, in der die Zeit angehalten ist«. Und man mag hinzufügen: in der die Bildlogik angehalten wird. Ob es sich immer um leibhaftige Menschen oder Tiere handelt oder um außerirdische Wesen, schwankt. Doch kann es auch da geschehen, dass keine Ufos, sondern schwebende, eingepackte Panzer über uns kommen‹…«

 

(Auszug aus der Eröffnungsrede von Günter Baumann)

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