Ausstellungsbesprechungen

Elfenbein - Barocke Pracht am Wiener Hof, Liebieghaus, Frankfurt am Main, bis 26. Juni 2011

Seit der Antike gehört Elfenbein zu den beliebtesten Materialien. Die Herkunft aus fernen, unbekannten Ländern und die Seltenheit machen seine Kostbarkeit aus. Besonders im Barock war die Nachfrage nach dem Werkstoff außerordentlich groß. Günter Baumann hat sich den heutzutage ungerechtfertigt stiefkindlich behandelten Kleinodien gewidmet.

Die Kunst aus Elfenbein ist – zugegeben, auch aus artenschutzrechtlichen Gründen – aus der Mode gekommen, eine letzte Blüte gab es für sie im Jugendstil um 1900. Da fällt es schwer zur Kenntnis zu nehmen, dass dieses Material zu den ältesten der Menschheitsgeschichte gehört, und es hilft freilich auch nicht, das Renommee zu vergrößern, wenn man die Maße der beinernen Plastiken betrachtet: Es handelt sich um Kleinplastik, die zwar als solche in einschlägigen Biennalen und Triennalen gefeiert wird, aber ansonsten eher eine leise Lobby hat. Was das Elfenbein angeht, gibt es noch eine Handvoll Zentren, die eher Spezialisten als Normalbesucher anziehen. Dass sich Frankfurt über die zur Zeit präsentierten Elfenbeinschnitzereien freut, verwundert zunächst, leuchtet aber schnell ein, wenn man sich die Exponate in den Blick nimmt. Es geht um Elfenbeinkunst aus dem 17. Jahrhundert in einem der Zentren des Barock: Wien. Dort, im Kunsthistorischen Museum liegen wahre Schätze der feingliedrigen Schnitzkunst. Drei Dutzend Exponate aus der Blütezeit der neuzeitlichen Elfenbeinkunst unter Kaiser Leopold I. und im Umkreis des Fürsten Karl Eusebius von Liechtenstein haben für einige Monate Station am Main gemacht.

Was die Künstler, darunter Adam Lenckhardt, der Meister der Sebastiansmartyrien, Johann Caspar Schenck, Balthasar Grießmann und Matthias Steinl, aus dem Material zauberten, ist beeindruckend. Ob im Relief oder in Rundplastiken, ob als Schale oder Pokal, bot es sich als Medium sinnlicher Kabinettkunst an, die unter dem Deckmantel mythologischer Geschichten wunderbare erotische Capriccios und darüber hinaus anatomisch hochkomplexes Filigranwerk bereithielt. Die Virtuosität eines Bernini war sozusagen auf Handschmeichlergröße geschrumpft, die den Vorteil hatte, transportabel zu sein. Während des Dreißigjährigen Krieges gab es kaum Geld für Großplastiken, so kam die große Zeit der Kleinmeister, die dem Adel die Sehnsucht nach repräsentativer Macht gaben. Denn trotz der Kleinheit sahen die Werke kostbar aus. Und die Kunst selbst war tatsächlich kostbar. Die Fürsten erkannten den Wert, ließen sich im Schatten von Pest und Türkenkrieg eine artifizielle Welt erschaffen und schenkten der Nachwelt eine filigrane Kunst, die es heute wieder zu entdecken gilt. Das Frankfurter Liebieghaus erweist sich mit dieser Ausstellung einmal mehr als Vermittler bedeutender, aber zu Unrecht aus dem öffentlichen Blickfeld geratener Plastik – in der Folge von Hans Multscher, Franz Xaver Messerschmidt oder Jean-Antoine Houdon.

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