Ausstellungsbesprechungen

Embodiment of Time, Art Laboratory Berlin, bis 14. Oktober 2012

Im letzten Teil der Ausstellungsserie »Time and Technology« schließt Art Laboratory Berlin seinen Rundgang durch die Verschränkungen apparativer und sinnlicher Zeitformen mit einer Nabelschau ab. Die Arbeiten Yasuhiro Sakamotos, Iñigo Giner Mirandas und Dave Hebbs verfolgen Übertragungsprozesse der Körperlichkeit, in denen gleichzeitig der Betrachter (Anwender) apparativ erschlossen und das technologische Gestell biologisch zurückerobert wird. Eine Besprechung von Felix Jäger.

Der japanische Künstler Yasuhiro Sakamoto und der spanische Komponist Iñigo Giner Miranda zeigen eine audiovisuelle Installation, deren Bau künstlerische und naturwissenschaftliche Arbeitstechniken aufs Engste verknüpft. Im Turnus einer exakt getakteten Murmelbahn und grafisch belebter Notationen werden die Zeitquanten klassischer und zeitgenössischer Musikstücke visuell erfahrbar. Sakamotos und Mirandas »Sichtbarer Kanon: Streichquartett ohne Streicher für vier Lautsprecher und eine Kunstmaschine« nimmt dabei Impulse aus der kinetischen Kunst auf, entwickelt den Reiz des Mechanischen aber wissenschaftlich fort. Deshalb ist weder die spielerische Subversion einer künstlerischen Sinnhoheit ausgeführt noch die Kybernetik des kapitalistischen Warenkreislaufs konterkariert. Im Gegenteil zielt die Klangskulptur auf eine Mathematisierung der Wahrnehmung und ihrer zeitlichen Reizökonomie. Allein in der hypnotischen Anziehung der mechanischen Funktion hat sich das frühmoderne Pathos menschlichen Schöpfertums erhalten. Frühe Arbeiten Sakamotos für das japanische Kinderfernsehen sind im »Sichtbaren Kanon« in die Regelförmigkeit verdichtet. Der experimentelle Impetus der Rube-Goldberg-Maschine ist aus der japanischen Ästhetik des Sinn- und Nutzlosen herauspräpariert, deren handwerklicher Überschwang wie im Chindogu die humorvolle Entleerung des Erfindergeists zelebriert.

Bei Sakamoto ist die Kunstmaschine ein mikrokosmisches Modell des Wahrnehmungsapparats, dessen komplexe Verzahnung verschiedener Reizeindrücke eine intermodale Gestalt herausfiltern soll. Der Kanon stellt dabei eine programmatische Musikform vor, deren kontrapunktische Komposition Synergieeffekte erzeugt, die sich im Hören einem strukturellen Verstehensprozess verweigern. Die apparative Visualisierung könnte daher eine Steigerung der Erkenntnisleistung hervorbringen, die nicht auf eine reflexive Vergegenwärtigung zielt, sondern auf die sensomotorische Verkörperung des Betrachters. Auf diese Weise will Sakamoto das Patt zwischen Naturwissenschaften und Kunst produktiv überwinden.

Die technologischen Formen der Regelmäßigkeit, die im Kanon wiedergegeben sind, werden in Dave Hebbs Video-Foto-Installation »Monitor« aus der geometrischen Fassung des Monitors entwickelt. Auf veralteten CRT-Bildschirmen, die wie archäologische Artefakte oder Ready-mades auf Podesttürmen thronen, durchlaufen Fotoaufnahmen die Re-Naturalisierung moderner Computertechnik. Im Laufe eines Jahres hat Hebb die Rückführung eines Fetischs des technologischen Fortschritts in den saisonalen Zyklus fotografisch dokumentiert. Die Wiedergabe auf Monitoren, die selbst dem Schicksal der Rückständigkeit anheim gefallen sind, führt das Vergänglichkeitsmotiv in den mise en abyme eines medial unendlich entfremdeten Naturbezugs. Zugleich verweist das Bild-im-Bild-Motiv auf die geometrische Gestalt der Wahrnehmung, die sich von den sakralen Markierungen alter Zivilisationen bis in die instrumentelle Normierung des industriellen Zeitalters erstreckt.

Indem Hebb die Computertechnologie historisiert, will er die widernatürliche Zeitlichkeit des apparativen Weltzugriffs hervorkehren. Während der Fortschritt das Ende der Geschichte proklamiert, kündet die zunehmende Beschleunigung technischer Überalterung von der Naivität einer wieder mythischen Epoche der Zeitlosigkeit. Die sich selbst erneuernde Gegenwart des Digitalen droht nicht in den geschichtlichen Overkill zu driften, wie ihn Nietzsche für das 19. Jahrhundert prognostizierte, sondern in die distanzlose Unmittelbarkeit der Geschichtsvergessenheit. Die Aktualität eines kritischen Zeitverhältnisses ist damit dringender denn je in Rechnung gestellt.

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Im Anschluss zeigt Art Laboratory Berlin noch bis zum 16. Dezember 2012 die Ausstellung »The Orange Smell of November«, die erste von mehreren Ausstellungen der neuen Serie Synaesthesia, mit Werken der britischen Künstlerin Barbara Ryan und der Berliner Künstlerin und Typografin Annette Stahmer.