Ausstellungsbesprechungen

Erich Heckel an der Ostsee

So viel Ostsee war noch nie an Metter und Enz: In ihrer großen Sommerausstellung zeigt die Städtische Galerie in Bietigheim Ostsee-Bilder von Erich Heckel (1883–1970), und zeitgleich führt uns Gustav Schönleber (1851–1917) in der flankierenden Studioausstellung an die Gestade von Nord- und Ostsee bis hin zum Mittelmeer. Heckel, der zwischen 1913 und 1944 regelmäßig die Flensburger Förde aufsuchte, schuf dort unzählige Gemälde, Skulpturen, Aquarelle und Grafiken, von denen mehr als 100 präsentiert werden – von Schönleber sind immerhin rund 50 Arbeiten zu sehen.

Die Brücke-Künstler, auch Heckel, vergröberten ihre Motive durchaus holzschnittartig, sodass die Ostsee nur selten porträthaft zutage tritt – wo es doch die Autonomie der Kunst zu behaupten galt. Doch versammelt die Städtische Galerie ganz erstaunliche Meisterwerke des Künstlers (neben einigen wenigen schwächeren Stücken), die das Naturerlebnis spürbar werden lassen.

 

Die Randorientierung fiel bei Heckel wie ebenso bei Schmidt-Rottluff weniger spektakulär aus als etwa bei Paul Gauguin – die Südsee zog ja auch die Brücke-Maler an. Nein, es war die Ostsee, die immer noch dem Mutterland angehörte und dennoch für den gestandenen Expressionisten ein Refugium bot, in dem er seinen Stil beruhigen und – das Wort sei gestattet – romantisieren konnte. Sein Kollege Kirchner suchte sein Glück eher in den Alpen. Allerdings darf man im Fall Heckel nun nicht den alleinigen Umgang mit der Küstenregion den Grund für eine solche Art Läuterung suchen, denn gerade Heckel hatte, vor seinen Künstlerfreunden, einen humanistischen Hintergrund, ließ sich von der Strenge des späten George-Kreises inspirieren und neigte ohnehin zu einer weicheren Pinselspur und einer gemäßigteren Oberflächenbehandlung des Druckstocks als etwa Kirchner.

 

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Heckels Aufenthalte an der Flensburger Förde nehmen vor dem Ersten Weltkrieg ihren Anfang, und er setzte sie verstärkt danach, ab 1919 fort mit einer erstaunlichen Produktivität. Freilich legen es die Zeitläufte nahe, dass die Perspektive sich gravierend ändert: Gegenüber der kristallinen, fast schmerzhaft empfundenen Landschaft in dem Gemälde »Gläserner Tag« - leider nur im ausgezeichneten Katalog abgebildet und nicht in der Ausstellung – bilden »Der Schwimmer« und das »Bildnis bärtiger Mann« von 1919 die grandiosen Höhepunkte: die Landschaft wird zum Universum, in dessen Mitte ein Schwimmer sich wie hilferufend aus dem Wasser reckt, seinem überdimensionierten Wolkenbild entgegen; fast betont konträr ist die Enge, in der der bärtige Mann mit kummervollem Blick steht – es ist ein Selbstporträt des Malers. Heckel bemüht sich um die Einbindung des Menschen in die Natur, die bereits 1913 gefährdet, und in den Kriegsjahren kaum noch denkbar war.

 

Die Heckel-Schau folgt einer chronologischen Gliederung, was den allmählichen Übergang zu einer abgeklärteren Form sehr schön nachzeichnet, zumal die Fülle der Exponate die Genese glaubhaft nachvollziehen lässt. Mit unterschiedlicher Präferenz tauchen allerdings immer wieder dieselben Themen auf: Badende, Strandpanoramen sowie dramatische Einblicke ins Landesinnere. Von besonderem Interesse sind die Ziegelbäcker, die – wie manche frühen Motive – von Van Gogh abgeschaut scheinen. Die späten Bilder, in denen der Mensch weitgehend verschwunden ist, bieten im Gegensatz zur symbolischen Naturbetrachtung des Frühwerks eine gewissenhaft ausformulierte Stimmungslandschaft, die fast mit Arbeiten von Malerkollegen am Bodensee korrespondiert. Aber man würde Heckel auch nicht gerecht, wenn man ihm eine allzu akribische Naturtreue unterstellen wollte, genauso wenig, wie der Betrachter irgendeine Nostalgie aus den Ostsee-Arbeiten ableiten kann. Was man sehr wohl sehen kann, ist die wachsende Distanz zur Brücke-Bewegung – und ein Querschnitt durch ein ganz vorzügliches Werk.

 

 

Öffnungszeiten

Di–Fr 11–18 Uhr, Do 11–20 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr

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