Ausstellungsbesprechungen

Ewald Mataré. Das Bild des Menschen

Es gibt mindestens drei griffige Zugänge zum Werk des Bildhauers Ewald Mataré (1887-1965): Berühmt ist er zunächst als Schöpfer von Tierplastiken, bevorzugt Kühe, die in ihrer Form bis zur Abstraktion geführt sind und ein Höchstmaß an innerer Ruhe vermitteln.

Dann lebt er in den Kunstchroniken weiter im Abglanz des Ruhmes seines Meisterschülers Joseph Beuys; hier überwiegt freilich der Blick auf die Distanz beider Künstler, die Mataré als offensichtlich guten Lehrer ausweisen, der seinen Schülern keinen Stil aufzwingt (was übrigens verstärkt auch auf Beuys zutrifft), aber auch auf die gemeinsamen Hintergründe wie etwa die religiöse Grundhaltung (Beuys war an einer Kirchentür Matarés für den Kölner Dom beteiligt) oder das Interesse für archaische Kulturen (man denke an die Beuys'sche »Tierfrau«, 1949). Letzteres eröffnet unmittelbar einen dritten Weg zu Matarés Werk - wiewohl Beuys' Frühwerk kaum und Matarés häufig im privaten Kontext entstandene Figurendarstellung wenig bekannt sind: im Bild des Menschen.

Ewald Mataré studierte zunächst Malerei, u.a. bei Lovis Corinth. Nach 1920 schwenkte er zur Bildhauerei über und wurde 1932 Professor und Kollege von Paul Klee an der Düsseldorfer Akademie. Die Nazis bereiteten der Karriere ein Ende, erst 1945 kehrte Mataré an die Düsseldorfer Akademie zurück. Neben seinen Tierskulpturen entstehen männliche und weibliche Torsi und stilisierte Köpfe. Wie in den Tierdarstellungen ist auch das idolhafte Menschenbild auf geometrische Grundformen und das Wesenhafte reduziert, auf der Suche nach der vollendeten Schönheit.

Dabei geht er schrittweise vor, was beispielhaft an mehreren »Pietà«-Darstellungen nachvollziehbar wird, die im zweiten Teil des Titels - »Frau mit totem Kind« - schon vom konkreten Bild ablenken: 1922/23 ist die expressive Gruppe reliefartig, mit deutlichem Kreuzbezug in einen Rahmen eingespannt; 1928 folgen ein Holzschnitt, der noch das religiöse Motiv (wenn auch ohne den Haupttitel Pietà) erkennbar transportiert, und eine weitere Holzplastik, die in einer nahezu abstrakten Form das Mütterliche, die pure Verbindung, ja Vereinigung von Mutter und (totem) Kind in den Vordergrund stellt. 1930 beauftragte der Architekt Erich Mendelsohn den Bildhauer mit einer seiner wenigen Monumentalskulpturen - einer Mutter-Kind-Gruppe, die in abstrahierten Formen wieder mehr dem Abbild, wenn auch in emblematischer Verklärung nahe kommt. Die Plastik blieb als Fragment unvollendet; aber sie gesellt sich zu einer Reihe weiblicher Torsi, die in Anlehnung an prähistorische Kunst schematisiert vor den Betrachter tritt. Im Hause Mendelsohn kam etwa das große Relief »Frau mit Rindern« (auch 1930/31) an die Wand, das Mensch und Tier in völliger Harmonie zusammenbringt.

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Wichtig wurde für Mataré zum einen die haptische Qualität, die teilweise noble Oberflächenbehandlung der Plastiken, die seiner Meinung nach auch von Blinden erfasst werden sollten, und andrerseits der Raum, ohne den eine Skulptur nicht auskommt. Unter ganz verschiedenen Vorzeichen, aber ähnlichen theoretischen Überlegungen wie die zusehends entmaterialisierten Bronzefigurinen Giacomettis schnitzte und polierte der Künstler Kleinstplastiken, »Köpfchen«, die bis zu einer Höhe von rund drei Zentimetern schrumpften, meist gesichtslos und immer anonym. »Der Mensch«, so Mataré im September 1947, »interessiert mich auch gar nicht so sehr, wichtiger scheint mir, meine Umgebung wahrzunehmen und soweit wie möglich durch mich hindurchgehen zu lassen« - und weiter: »Was ich selbst bin, ist doch gar nicht wichtig, ich muss mich als Organ betrachten und dem Ausdruck verleihen.« Der tiefe Ernst seiner Arbeit ist hier unverkennbar.

Die Ausstellung wurde vom Museum Kurhaus Kleve vorbereitet, das auch den Nachlass des Künstlers betreut. Mit rund 130 Arbeiten - inklusive den Holzschnitten, Aquarellen und Zeichnungen - bietet sie die Möglichkeit, eine Neubewertung Matarés über den Tierplastiker hinaus vorzunehmen. Nach Kleve wird die Themenausstellung im Edwin Scharff Museum in Neu-Ulm zu sehen sein, bevor sie nach Hamburg (Ernst Barlach Haus, Stiftung Herman F. Reemtsma), Herford (Herforder Kunstverein im Daniel-Pöppelmann-Haus e.V.) und Passau (Museum Moderner Kunst - Stiftung Wörlen) weiterwandert.