Ausstellungsbesprechungen

Expressiv und Entblößt

»Expressionismus ist kein Stil, sondern eine Haltung« - mit dieser Binsenweisheit, die im einführenden Essay zur »EXPRESSIV!«-Ausstellung zu finden ist, stecken die Schwierigkeiten wie die Chancen der Basler Präsentation expressiver Positionen in der Galerie Beyeler. Angreifbar muss sie unter der adjektivierten Überschrift sein, da es rückbezüglich wie in der Vorschau immer unzählige Namen geben wird, die man mitunter schmerzlich vermisst:

Die Ausstellung mit El Greco und Goya beginnen zu lassen grenzt an Willkür - eine spätantike hellenistische Skulptur oder ein Werk von Grünewald (um nur zwei Beispiele zu nennen) hätte sie genauso würdig vertreten. Und die Referenzliste weiterer abstrakter Expressionisten (Wols & Co.) und so genannter Neuer Wilden aus jüngerer Zeit wäre unerschöpflich. Doch die beherzte Auswahl einer Privatsammlung mit all ihrem sympathischen Mut zur Lücke und ihren unverhohlenen Vorlieben gibt den Ausstellungsmachern Recht: Zu sehen ist eine faszinierende Reise durch das aufgewühlte Seelenleben des Menschen im 20. Jahrhundert.

Theoretisch steht die Romantik mit ihren zwei »Gesichtern« Pate: Dominanz des Gefühls als einer nach außen gewendeten Innenansicht sowie Faszination für das Abnorme und die Abgründe des Ich. Ersteres brachte Caspar David Friedrich auf den revolutionär zugespitzten Punkt: Der Maler solle »nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht« (mit der Forderung, wenn man nichts in sich sehe, solle er das Malen gleich bleiben lassen); Diese Worte schwingen in der Beurteilung Botho Graefs über Ernst Ludwig Kirchner mit, wenn er 1919 schreibt: »Dieser Maler schaut mit Augen in die Welt, die das verborgene innere Leben verstehen, und nur, was er hier sieht, will er im Bilde festhalten. Es handelt sich nie um das rein Gegenständliche, es handelt sich immer um Seelisches« (mit diesem Zitat beginnt der Katalogtext zur Parallelausstellung »DER NACKTE MENSCH«). Zweiteres findet seinen vollendeten Ausdruck im spätromantischen Werk Charles Baudelaires, konkret in seinen »Fleurs du Mal«, die über Nietzsche hinweg in die Moderne führen. Die »groteske Schule des Ausdrucks« (John Ruskin) und das Bewusstsein, dass alle Schönheit etwas Merkwürdiges an sich habe (so der Philosoph Francis Bacon), kanalisieren die expressive Darstellung in zwei Motivkreise, denen die Basler Hauptausstellung im Grunde folgt: die Wunderlichkeiten des Menschen und die der Natur (pantheistisch die zwei Seiten einer Medaille): Dafür stehen einerseits (der Maler) Bacon, Baselitz, Dix, Kokoschka, Schiele u.a., andrerseits van Gogh, Heckel, Hodler, Schmidt-Rottluff, Soutine u.a.

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Es ist keine Frage: Der Expressionismus liegt in der Luft: Max Beckmann ist als Einzelpersönlichkeit seit Jahren ein beliebter Gast in den institutionalisierten Musentempeln; Kirchner ist in den vergangenen Monaten fast ein Lieblingskind der Museen geworden, Nolde schmückt so manche Themenausstellung. Dass die Fondation Beyeler die engen Wegmarken der Kunstbewegung überschreitet, ist auch keine Revolution im Zugang zu einem weitgehend bekannten Stil, wohl aber ein interessantes Wagnis: Eine Durchdringung des Expressionismus-Begriffs in dem Sinn, wie es das Münchner Haus der Kunst mit ihrer Ausstellung von 1995, »Ernste Spiele - Der Geist der Romantik in der deutschen Kunst 1790-1990«, gemacht hat, wäre verlockend gewesen, hätte aber wahrscheinlich die Möglichkeiten in Basel überfordert. Dort hat man sich vielmehr auf eine geradlinige Darstellung zum Expressionismus hin und von diesem Richtung Gegenwart entschieden - mit beeindruckenden Exponaten, die die Ausstellung zu einem hochrangigen Ereignis machen.

Als »Patres des Expressionismus« haben die Ausstellungsmacher El Greco und Goya, van Gogh und Gauguin ausgeguckt, die - mit Ausnahme des sozialkritischen Bezugs bei dem von der Aufklärung herkommenden Goya - unmittelbar einleuchten. »Am Vorabend des Expressionismus« stehen fast zwangsläufig Edvard Munch und James Ensor bereit; überraschender ist sicherlich das Auftreten von Lovis Corinth und Paula Modersohn-Becker, hoch erfreulich die Präsenz des Schweizers Ferdinand Hodler, dessen Werke noch immer viel zu selten im internationalen Vergleich gezeigt werden - seine Gemälde vom Sterben und Tod der Geliebten Valentine Godé-Darel gehören zum Ergreifendsten der Ausstellung.

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Das Zentrum der Präsentation bilden natürlich die Fauves aus Frankreich (de Vlaminck, Derain, Matisse), die praktisch vormachten, was die eigentlichen Expressionisten in Deutschland dann zum nahezu epochalen Stil ausformulierten: gebündelt in den Künstlergemeinschaften der Brücke in Dresden (Heckel, Kirchner, Albert Mueller, Otto Mueller, Nolde, Pechstein, Scherer, Schmidt-Rottluff) und des Blauen Reiters im München (Delaunay, Feininger, Jawlensky, Kandinsky, Macke, Marc). Neben diesen drei Sektionen führen Linien nach Österreich (Schiele, Kokoschka) sowie zu den späten Spielarten des Expressionismus, einer Art des überzogenen, politisierten Realismus (Verismus) einerseits (Dix, Grosz), einem expressiven Surrealismus andrerseits (Max Ernst, Klee, Magritte). Individuelle Formen expressiven »Ausdrucks« bieten Max Beckmann, Pablo Picasso und Chaim Soutine.

Die Nachkriegserben werden in drei Sektionen vorgestellt. Wohl in Ermangelung eines griffigen Schlagwortes weicht das Konzept ins Thematische aus mit der Abteilung »Dasein und Ausdruck« bzw. »Ausdrucksmalerei« (was freilich über allen Expressionismen stehen könnte); hierzu werden so unterschiedliche Positionen gerechnet wie die von Dubuffet, Soutter, Appel und Jorn, Kooning und Pollock (beide mit einer COBRA-nahen Arbeit), Giacometti und Francis Bacon, wiederum Picasso und - fast deplatziert - Warhol; schön ist es, dass auch in diesem Kontext Schweizer zu Wort kommen, die zu Unrecht im Schatten ihrer europäischen Zeitgenossen stehen: Max Gubler und besonders der geniale Porträtist Varlin. Der »Neoexpressionismus« ist etwas schmächtig vertreten durch Baselitz, Kiefer, Lüpertz und - auch hier - Picasso. Das Schlusslicht bilden »Die jungen Wilden und die Wiederkehr des Körpers«: Jean-Michel Basquiat, die Grande Dame der Kunst Louise Bourgeois, Francesco Clemente, Martin Disler, Rainer Fetting, Maria Lassnig und als Vertreter der neueren Medien Bruce Nauman, dessen Schrei-Video »Anthro/Socio« den Bogen zurück zu Munchs »Schrei« findet.

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Ganz bei sich ist indes die zweite Basler Expressionismus-Ausstellung im Kupferstichkabinett: Unter dem Titel »Entblößt - expressionistische Menschenbilder« konzentriert sich das Museum mit Beispielen aus vorwiegend eigenem Bestand auf ein zentrales Thema jener Kunstbewegung, die - geprägt von Nietzsches philosophischer Zertrümmerung des Weltgefüges, Freuds Psychoanalyse, Weiningers Geschlechtertypisierungen sowie von den Entdeckungen der Relativitätstheorie oder der Röntgenstrahlen - die Stellung des Menschen auf den Prüfstand stellte. Dabei reicht die Palette von der Begeisterung für die Freikörperkultur als Ausdruck der Rückbesinnung auf die Natur (»entkleidet«) bis hin zum existenziell bedrohlichen Ausgesetztsein (»entblößt, bloßgestellt«). Ein Hauptaugenmerk liegt auf Ernst Ludwig Kirchner, dessen Holzschnittfolge zu »Peter Schlemihls wundersamer Geschichte« und das Porträt von Ludwig Schames zu den Glanzstücken der Ausstellung gehören.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten
Fondation Beyeler:
Montag-Sonntag 10-18 Uhr
Mittwoch 10-20 Uhr
Kunstmuseum:
Dienstag-Sonntag 10-17 Uhr

Stadtrundgang
Samstag, 28. Juni, 11-13.30 Uhr: »Auf den Spuren von Friedrich Nietzsche in Basel« (mit Vortrag in der Aula des Naturhistorischen Museums Basel); Treffpunkt am Spalentor.