Ausstellungsbesprechungen

first view, 16. Auswahlausstellung

»first view« — erster Blick. Der Name der derzeitigen Sonderausstellung im Kunsthaus Erfurt ist schnell erklärt: 20 Studenten, die sich nicht kennen, reisen mit einigen ausgewählten Werken, die sie nicht angeben mussten, eine Woche vor Ausstellungsbeginn nach Erfurt und müssen auf einen gemeinsamen Nenner kommen.

Einzige Gemeinsamkeit: Sie bewerben sich mit ihrer Kunst für ein Stipendium des Cusanuswerks, einer bischöflichen Studienförderung.

 

Das Cusanuswerk ist eine Einrichtung der katholischen Kirche und vergibt staatliche Fördermittel an katholische Studenten. Vorgeschlagen wurden die Bewerber von ihren Dozenten, insgesamt 12 Hochschulen sind bei der 16. Auswahlausstellung vertreten. Die Förderung des Cusanuswerks ist vielfältig. Das Stipendium orientiert sich an der Höhe des BAföG-Satzes, monatliche Materialgelder und Unterstützung beim Auslandsaufenthalt sind nur die finanziellen Aspekte, die die Bewerber erwarten. Wichtiger ist dem Werk die Förderung der Persönlichkeit der Künstler, deren Ermutigung und Begleitung, die Möglichkeit des Gesprächs durch eine persönliche Studienberatung und die Schaffung eines Raumes der Begegnung - mit Menschen aller Couleur, mit Ideen und Initiativen.  

 

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Die Vorbereitung der Ausstellung war der erste Schritt der Begegnung. Eine Woche mussten die Studenten aus allen Teilen Deutschlands ihre kuratorischen Fähigkeiten üben, sich in den Räumen der Kunsthalle zu recht finden, sich miteinander arrangieren und die Werke der anderen verstehen. Gemeinsam mit dem Leiter der Kunsthalle Erfurt, Dr. Kai-Uwe Schierz, entstand in der kurzen Zeit eine inspirierende Ausstellung, die durch ihre Vielseitigkeit besticht: Malerei, Videokunst, Fotografie und Bildhauerei treffen aufeinander. Riesige Gemälde, kleinste Grafiken, ein überbelichteter Film und ein Aquarell, ein von geflochtenem Toilettenpapier gerahmtes Familienporträt, klassische und experimentelle Fotografie, Skulpturen und ein neonfarbener Riesencomic erlebt der Zuschauer mit einem Mal. Potential haben alle Studenten, hinter jedem Werk liegt eine persönliche Geschichte oder eine intelligente Idee. Sei es das mehrfach gespiegelte holländische Haus in der Grafik von Elisabeth Oesner, Studentin der Hochschule für Kunst und Design in Halle, die Raumempfinden unmöglich macht. Oder das Familienporträt von Tobias Maier, Student der staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, der als kleines Kind bei seiner Oma Toilettenpapier flocht und die alte Gewohnheit als Rahmung für sein Bild »lass mich, ich bin fragil« wieder belebte. Die jungen Künstler zeigen außergewöhnliche, persönliche Werke in einer abgerundeten Ausstellung, trotz der kurzen Vorbereitungszeit. Da dürfte der siebenköpfigen Jury die Auswahl der neun Stipendiaten schwer fallen. Die tagt am 5. und 6. März 2007, um über die Aufnahme der BewerberInnen in die Künstlerförderung des Cusanuswerks zu entscheiden. Neben der Kunst selbst sollen auch die kuratorischen Fähigkeiten und die Zusammenarbeit in der Gruppe bewertet werden.

  

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Die Studenten selbst empfanden die Arbeit in Erfurt als angenehm und fruchtend. Im Vordergrund stand die Ausstellung, von Konkurrenzdenken gab es keine Spur. Im Gegenteil, die jungen Künstler interessierten sich für die Arbeiten der anderen Bewerber, deren Leben und Schaffen an den unterschiedlichen Hochschulen. Vermutlich war die Woche gemeinsamen Schaffens wertvoller als die winkende finanzielle Förderung. Auf jeden Fall beschert sie dem Besucher der Kunsthalle Erfurt eine spannende Ausstellung mit tiefen Einblicken in das Fühlen und Produzieren junger Künstler in Deutschland.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Dienstag bis Sonntag 11 – 18 Uhr

Donnerstag 11 - 22 Uhr

 

Eintrittspreise

€ 2,50/€ 3,50

Gruppen ab 10 Personen: € 1

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