Ausstellungsbesprechungen

Florenz!, Bundeskunsthalle Bonn, bis 9. März 2014

Florenz fasziniert durch sein reichhaltiges kulturelles Erbe: Dante und Boccaccio, Donatello, Michelangelo, Amerigo Vespucci, Machiavelli und und und. Die Bundeskunsthalle in Bonn widmet dieser Faszination eine umfangreiche Schau, in der sich die Vielfalt des florentinischen Kulturerbes entfaltet. Rainer K. Wick hat sich umgesehen.

Eine Stadt als Kunstwerk

In seinem berühmten, 1860 erstveröffentlichten Buch »Die Kultur der Renaissance in Italien« schrieb der Basler Kunst- und Kulturwissenschaftler Jacob Burckhardt: »Die meisten italienischen Staaten (waren) in ihrem Innern Kunstwerke, d.h. bewusste, von der Reflexion abhängige, auf genau berechneten sichtbaren Grundlagen ruhende Schöpfungen.« Wie sehr dieser Gedanke des »Staats als Kunstwerk« auf Florenz zutrifft, lässt eine große Schau erahnen, die noch bis zum 9. März in der Kunst- und Ausstellungshalle des Bundes in Bonn besichtigt werden kann: »Florenz!« – angesichts der herausragenden Bedeutung der Hauptstadt der Toskana nicht zufällig, sondern sehr kalkuliert mit Ausrufezeichen. In die Geschichte eingegangen ist Florenz als Wiege der italienischen Renaissance, doch schon im Mittelalter war diese Kommune eines der ökonomischen und künstlerischen Zentren Italiens. Dies bezeugen die großartigen Bauten der toskanischen Protorenaissance – das Baptisterium San Giovanni im Stadtzentrum und die Abteikirche San Miniato al Monte auf der Höhe über der Stadt – oder Bauwerke aus der Zeit der Gotik wie das Oratorium Orsanmichele, der Palazzo Vecchio oder der gewaltige Dom Arnolfo di Cambios mit dem von Giotto entworfenen Campanile. Gefolgt wurden diese mittelalterlichen Gebäude von den Florentiner Gründungsbauten der Frührenaissance eines Filippo Brunelleschi (Domkuppel, San Lorenzo mit Alter Sakristei, Pazzi-Kapelle, Santo Spirito) oder von den Meisterwerken des Manierismus wie Vasaris Uffizien und dem im 16. Jahrhundert von Bartolomeo Ammannati erweiterten Palazzo Pitti mit dem angrenzenden Boboli-Garten – um nur einige beispielhaft zu erwähnen.

Natürlich kann eine Ausstellung die authentische Erfahrung der überbordenden Fülle bedeutender Kunstwerke, die die Arnometropole zu bieten hat, nicht ersetzen. Gleichwohl ist den Kuratoren, u.a. dem Direktor des Kunsthistorischen Instituts in Florenz, Gerhard Wolf, eine exemplarische Auswahl gelungen, die Facetten der mittelalterlichen Stadt, der Stadt der Renaissance, der Hauptstadt des Herzogtums (später Großherzogtums) Toskana, der Stadt des Risorgimento (also der italienischen Einheitsbewegung) und des kurzen Intermezzos als Hauptstadt des geeinten Italiens zeigt. Dazu gehören seltene Handschriften und edle Textilien, exquisite Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen sowie aufschlussreiche Archivalien, die sich zu einem an Aspekten reichen Gesamtbild zusammenfügen.

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Von Dante zu den Medici

Den Auftakt bildet im Eingangsbereich der Ausstellung eine große, idealisierte Florenzvedute von Domenico di Michelino aus dem 15. Jahrhundert, die den Dichter Dante Alighieri vor dem Stadtpanorama mit Brunelleschis mächtiger Domkuppel zeigt. Später als größter Sohn der Stadt gefeiert, war Dante aus politischen Gründen allerdings im Jahr 1302 aus Florenz verbannt und anschließend in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Zeitlebens hat er seine Heimatstadt nicht mehr betreten. Tafelbilder auf Goldgrund, noch byzantinisch beeinflusst wie Cimabues »Madonna mit Kind« (1285-1290) oder Lorenzo Monacos spätgotische »Kreuzigung« aus der Zeit um 1405 lassen das mittelalterliche Florenz ebenso aufscheinen wie die sechseckigen Reliefs, die Andrea Pisano mit seiner Werkstatt um 1340 für den Campanile des Florentiner Doms schuf und die die Astronomie, die Baukunst und die Webkunst darstellen.

Breiten Raum nimmt in der Bonner Schau die Florentiner Frührenaissance ein. Hier geben sich die bedeutendsten Künstler des Quattrocento mit hochkarätigen Werken ein Stelldichein – von Masaccio bis Botticelli und Ghirlandaio, von Lorenzo Ghiberti und Antonio Rosselino über Andrea della Robbia und Antonio del Pollaiuolo bis Andrea del Verrocchio. Von letzterem kann in Bonn die großartige Bronzegruppe »Christus und der ungläubige Thomas« (1467-1483) besichtigt werden, neben dem Reiterstandbild des Colleoni in Venedig eines der Hauptwerke des Künstlers. Sie entstand für eine der Nischen des gotischen Oratoriums Orsanmichele in Florenz. Im Unterschied zur »Besiedlung« der anderen Nischen mit statuarischen Einzelfiguren handelt es sich hier um eine »szenische Figurengruppe« (Katalog), die ihre Dynamik aus der Interaktion zwischen Christus und dem etwas tiefer stehenden Thomas bezieht, dessen rechte Hand zweifelnd in Richtung der Seitenwunde des Auferstandenen deutet.

Dass Florenz seinen Rang als Wiege der Renaissance maßgeblich dem Einfluss und dem Mäzenatentum der Medici verdankt, ist hinlänglich bekannt. Ein fein gearbeitetes Marmorrelief aus der Werkstatt Antonio Rosselinos erinnert an Cosimo de’ Medici (Il Vecchio), der den Ruhm der Familie begründete, und eine farbig gefasste Büste Lorenzo de’ Medicis (Il Magnifico) zeigt eine Persönlichkeit, aus deren Gesichtszügen Entschlossenheit und Tatkraft spricht. Nicht minder markant, gleichwohl von einer gewissen Melancholie überschattet, erscheint die Physiognomie des Bruders von Lorenzo, Giuliano de’ Medici, auf einem Gemälde aus der Werkstatt Botticellis. Giuliano war bei der legendären Pazzi-Verschwörung des Jahres 1478 seinen schweren Stichverletzungen erlegen, während sich Lorenzo vor den Messerstichen der Verschwörer hatte retten können.

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Zwischen Antike und Exotica

Etruskische Kleinbronzen, römische Kameen und der klassisch anmutende so genannten Idolino di Pesaro, der lange für ein griechisches Original gehalten wurde, deuten nicht nur auf die Rolle hin, die die Antike für die Entfaltung der Renaissance spielte, sondern lassen auch etwas vom Reichtum und der Vielfalt der großen Florentiner Sammlungen erahnen, die zwischen »Antike und Exotica« (Katalog) changieren. Denn es wurden in den so genannten. Wunderkammern der damaligen Zeit auch Kuriosa und Objekte aus fernen Ländern wie Indien, Zentralafrika, Mexiko und Südamerika gesammelt, die ein Erkenntnisinteresse dokumentieren, das weit über den Tellerrand der Arnometropole hinauswies. Auch blühten im Florenz des 16.und 17. Jahrhunderts die Wissenschaften, wovon u.a. astronomisches Gerät und die phänomenalen Naturstudien Jacopo Ligozzis, z.B. eine frappierend lebensnah gemalte Zahnbrasse, beredtes Zeugnis ablegen.

Im Jahr 1537 hatte Cosimo I. de’ Medici aus der jüngeren Medici-Linie in Florenz ein frühabsolutistisches Regime errichtet. Mit Unterstützung des spanischen Habsburgers Kaiser Karl V. machte er aus der einstigen Republik ein Herzogtum und an seinem Lebensende sogar ein Großherzogtum, das im Manierismus und im Barock eine bemerkenswerte kulturelle Blüte erlebte. Dazu zeigt die Bonner Ausstellung exemplarische Werke von Giambologna, Cellini, Agnolo Bronzino, Giorgio Vasari und anderen bedeutenden Künstlern, ferner beeindruckende Beispiele für die in Florenz blühende »Pietra dura«-Kunst, farbige Steineinlegearbeiten mit realistisch daherkommenden toskanischen Landschaften und anderen Motiven – eine Technik, die bis nach Indien gelangte und dort, rein ornamental allerdings, beispielsweise bei der Ausschmückung des Taj Mahal Anwendung fand.

Eine eigene Abteilung der Ausstellung ist der hochentwickelten Kultur der Zeichnung gewidmet. Seit der Renaissance hatte sie nicht mehr nur dienenden Charakter, etwa als Studienblatt, als Instrument im Entwurfs- und Gestaltungsprozess und als Vehikel zur Vorbereitung größerer Projekte, sondern gewann als autonomes künstlerisches Medium zunehmend an Bedeutung und wurde zu einem begehrten Sammelobjekt. Gerade in Florenz spielte die Linie traditionell eine herausragende Rolle, während beispielsweise in Venedig die Farbe Vorrang hatte. Hinreißende Blätter von Verrocchio, Lorenzo di Credi, Pontormo, Andrea del Sarto und anderen belegen den Grad an Virtuosität, den diese Künstler als Meister der Zeichnung erreicht haben.

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Florenz und die Moderne

Nach dem Tod der letzten Medici, der Kurfürstin Anna Maria Luisa (Ludovica) von der Pfalz im Jahr 1743 entwickelte sich das Großherzogtum Toskana unter der Herrschaft der Habsburg-Lothringer im Sinne der Aufklärung zu einem »modernen« Musterstaat. An die Stelle der dynastischen Selbstrepräsentation der Medici mit den Mitteln der Kunst traten durchgreifende Reformprojekte und umfangreiche Infrastrukturmaßnahmen. Florenz zehrte nun von seinem Mythos als Zentrum der Künste und wurde zum Ziel der internationalen Kultur- und Bildungsreisenden. In den 1860er Jahren war die Kapitale der Toskana zugleich für kurze Zeit die Hauptstadt des geeinten Königreichs Italien. Hier wirkten etliche progressive Maler, die unter dem Namen »Macchiaioli« bekannt wurden. Der Begriff leitet sich vom Italienischen »macchia« (Fleck) her und bezeichnet eine Gruppe anti-akademischer Maler, die sich um 1855 im Caffè Michelangelo in Florenz formierte und in den 1860er Jahren von der Kunstkritik ironisch als »Fleckenmaler« tituliert, ja als Kleckser beschimpft wurde. Sie entwickelten einen flächenhaften, oft spontanen Malstil, orientierten sich an Künstlern wie Gustave Courbet und Camille Corot in Frankreich und waren in mancher Hinsicht so etwas wie Impressionisten vor dem Impressionismus. Mit Werken von Giovanni Fattori, Silvestro Lega und Telemaco Signorini zeigt die Bonner Ausstellung einige typische Arbeiten dieser in Deutschland kaum bekannten italienischen Kunstrichtung.

Mit Einblicken in mannigfaltige Facetten des Florentiner Kulturlebens im 19. Jahrhundert findet die glanzvolle und sehenswerte Bonner Schau ihren Abschluss. Dass die Stadt auch einige interessante Bauten des Jugendstils (Stile Liberty) und mit dem 1931 eröffneten, von Pier Luigi Nervi entworfenen Stadion sowie dem 1933 bis 1935 errichteten Bahnhof Santa Maria Novella (Firenze SMN) von Giovanni Michelucci Meisterwerke der Architekturmoderne aufzuweisen hat, lag jenseits des von den Kuratoren definierten thematischen Rahmens, sollte an dieser Stelle aber nicht unerwähnt bleiben.