Ausstellungsbesprechungen

Gerhard Fassel. Objekt und Malerei, Pfälzisches Oberlandesgericht Zweibrücken, bis 28. Juni 2013

Der österreichische Künstler Gerhard Fassel mag es archaisch. Er nimmt den Betrachter seiner Skulpturen und Malereien mit auf eine Zeitreise zu den Gründen unserer Zivilisationsgeschichte. Verena Paul hat sich die Ausstellung in Zweibrücken angesehen.

Gerhard Fassels Ausstellung hat fraglos – und das werden die BesucherInnen rasch feststellen – einen ganz besonderen Rahmen erhalten: das ehemalige Residenzschloss der Herzöge von Zweibrücken, in dem heute das Pfälzische Oberlandesgericht seinen Sitz hat. Beim Betreten der großzügigen, lichtdurchfluteten Eingangshalle wird unsere Aufmerksamkeit jedoch unmittelbar auf eine klar strukturierte und ebenso spannend inszenierte Werkpräsentation gelenkt. Während die großformatigen Gemälde mit dezenten Metallelementen zu sechs Kuben (mit je vier Arbeiten) zusammenmontiert sind und sich harmonisch im Raum verteilen, scheinen die Objekte beinahe zufällig ihren Platz gefunden zu haben, wobei das Ordnungsgefüge an keiner Stelle ins Wanken gerät. Dergestalt können die Arbeiten Fassels sich frei entfalten, ohne Gefahr zu laufen, in ihrer dynamischen Wirkkraft beschnitten zu werden.

Ein wunderbares Beispiel bildet die zwischen 2010 und 2011 entstandene Arbeit »harte Schale – hohl«, auf die wir beim Betreten des Foyers unmittelbar zusteuern. Zu sehen ist ein ausgehöhlter, in zwei Hälften geteilter alter Baumstamm, der durch metallene Scharniergelenke im Objektrücken zusammengehalten wird. Während die rechte Baumseite an einem dünnen, aber massiven Stamm befestigt ist, der in einem mit Rollen versehenen Fuß mündet, schwebt ihr Gegenüber frei im Raum. Besonders markant sind die Holzstäbe, die im Kopfbereich des Objektes wie Zacken aus den Stammhälften heraustreten, sowie das sich von oben nach unten herunterschlängelnde mächtige Tau und das mit den Stäben verwobene Seil. Beide – Tau und Seil – berühren den Boden und erden das Objekt, das in seiner Gesamterscheinung von tänzerischer Leichtigkeit zeugt.

Obgleich der Titel »harte Schale – hohl« nicht verrät, dass wir es mit einem figürlichen Objekt zu tun haben, darf dennoch jene Interpretation in Erwägung gezogen werden. Diese ist – wie so oft in der Kunst – eine von vielen Optionen der Werkannäherung. Warum also könnte es sich um eine menschliche Gestalt handeln? Ein wesentlicher Grund liegt darin, dass Fassel in all seinen skulpturalen Objekten mehr als nur dreidimensionale Arbeiten sieht. Es ist das vitale Kräftemessen energetisch aufgeladener, naturwüchsiger Formen und der Versuch, die chaotischen Formkräfte in geordnete Bahnen eines ›beseelten‹ Körpers zu überführen. Das bedeutet, dass die (menschliche) Gestalt präsent ist: Der von Gliedern eingefasste Hohlraum bildet den Corpus, der Drehfuß die zusammengeschmolzenen Beine und die Holzstäbe beschreiben das Haupt. Seil und Tau schließlich beleben die Form und verleihen ihr sowohl Strahlkraft im Raum als auch innere Geschlossenheit – letztere ist unter anderem der geschickten Lichtregie geschuldet, die in diesem Bereich herrscht. Das Licht umfließt – besonders von den großen Fenstern im Hintergrund – die hölzerne vernarbte Haut und verbindet Innen und Außen des Objektes.

Bei der Frage, ob es einen Unterschied in der gedanklichen Herangehensweise an Objekte und Gemälde gibt, zögert Gerhard Fassel mit seiner Antwort: »Für mich sind die Objekte fast ›realer‹ als die Bilder, was jedoch nicht allein an der raumgreifenden Dimension liegt.« Während die Realität in seiner Malerei oft nur erahnbar ist, sind die Objekte und skulpturalen Arbeiten Teil unserer Wirklichkeit. Das resultiert nicht zuletzt aus der Inkorporierung von Alltagsgegenständen sowie der fesselnden Kombination von Metallelementen und Seilen mit dem Naturmaterial Holz, das für den Künstler elementarer Bestandteil seines Schaffens ist. Fassel vermittelt zwischen dem von der Natur beseelten, gewachsenen Holz und den der Banalität entwundenen Gegenständen, schließlich tragen beide eine Geschichte in sich, die es in gewandelter Form weiter zu erzählen gilt.

Zudem setzt sich der Künstler in seinen dreidimensionalen Arbeiten mit der Begrifflichkeit von Skulptur beziehungsweise Objekt auseinander und steckt deren Grenzen neu ab. Dadurch werden wir überrascht und geraten bei unserer Urteilsfindung ins Wanken, sind hin- und hergerissen zwischen Heiterkeit und Ernst. Woher aber rührt diese Doppelbödigkeit in den Fasselschen Kunstwerken? Sie ergibt sich aus der Dekonstruktion des Alltags und aus dem bewussten Verwehren der Integration in vertraute Kontexte. Indem der Künstler versiert und vollkommen unangestrengt mit der Janusköpfigkeit spielt, gelingen ihm – wie in der Ausstellung zu sehen ist – aussagekräftige und ästhetisch beeindruckende Arbeiten.

Und die farbintensiven Bilder Fassels? Deren zentrales Sujet ist der Mensch im Kontext der ihn vereinnahmenden Technik, die zur Bedrohung des Lebens mutiert. Einerseits scheinen die Gestalten in den großformatigen Werken brutal in die Welt der Maschinen hineingepresst zu sein, andererseits vollzieht sich auf der Leinwand eine dynamische Verschmelzung beziehungsweise verstörende Metamorphose von Gegensätzen: Gerhard Fassels Gemälde verknüpfen Wirklichkeit und Imagination, Erlebtes und Undurchdringliches und schaffen aus dem überbordenden Chaos der Außenwelt eine stabile Ordnung im Bildgefüge.

Das Gemälde sei, wie Fassel erklärt, »so etwas wie ein Gewebe von Geplantem und Intuitivem.« Während des Malens findet ein behutsames Herantasten an das jeweilige Motiv statt. Zwar baut der Künstler zunächst zu diesem Gegenstand Distanz auf, nähert sich ihm aber dann auf verschlungenen Pfaden umso intensiver wieder an. So begegnen den Ausstellungsbesuchern in der Fasselschen Malerei Verdichtung und Dynamisierung von Maschinen in Fabrikgebäuden, die sich schließlich in homogene Landschaften verwandeln. Diese sind zumeist von organischen Formen und kraftvollen Farbtönen dominiert. Obschon dabei eine Metamorphose zu beobachten ist, bleiben die Werke dennoch leidenschaftlich politisch und stellen das Gesellschaftsgefüge rigoros infrage. Es ist der kompromisslose Einsatz für die Demaskierung sozialer Auswüchse und doch generiert der Künstler gleichzeitig neue Interpretationsmöglichkeiten, durch die eine geheimnisvolle, metasinnliche Welt erlebbar wird. Wo würden die Arbeiten also besser Funken sprühen und Diskussionen anregen können als in Justitias Wohnstatt, die als Ort des Abwägens, der Urteilsfindung und der gerechten Bestrafung fungiert?

Resümee: Als der Kunstverein Zweibrücken Gerhard Fassel einlud, eine Ausstellung für die Reihe »Kunst im Schloss« zu entwickeln, hat er ein verdammt gutes Gespür für eine querdenkerisch provokante und zugleich tiefgründige, ästhetisch versierte Gegenwartskunst bewiesen. Da die Werke zudem sehr überzeugend dargeboten sind, kann ich die Ausstellung uneingeschränkt empfehlen!

Weitere Informationen

Adresse des Ausstellungsortes: Pfälzisches Oberlandesgericht, Schlossplatz 7, 66482 Zweibrücken

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