Ausstellungsbesprechungen

Gestalt. Form. Figur – Hans Wimmer und die Münchner Bildhauerschule. In der Ernst Barlach Stiftung (Güstrow) bis 1. Februar 2009 und im Georg-Kolbe-Museum (Berlin) vom 15. Februar – 13. April 2009

Der Bildhauer Hans Wimmer (1907-1992) verweigerte sich stets den offiziellen Richtungen und prägnanten Trends – so konnte er freilich kaum je »in der ersten Reihe« mitmischen. Der Münchner Student fand sich Mitte der 1930er Jahre notgedrungen in den Fängen der Nazis, womit die figurative Plastik ohnehin die einzige Chance bot, künstlerisch tätig zu sein. Im Rahmen seiner Möglichkeiten wagte er sich allerdings an ein ansatzweise deformiertes Menschenbild und er hatte den Mut, Berufungen an Kunstakademien abzulehnen, weil dies die Mitgliedschaft in der NSDAP verlangt hätte – im günstigsten Fall wurde er von offizieller Seite geschnitten (bezeichnend, dass er in der für die Entwicklung der deutschen Plastik jener Zeit wichtigen deutsch-niederländischen Ausstellung »Deutsche Bildhauer 1900–1945 – Entartet« 1991/92 keine Rolle spielte). - Unser Autor Günter Baumann hat die Ausstellung besucht.

Nach 1945 bekannte sich Wimmer so entschieden für die Figuration, dass er allmählich im öffentlichen Bewusstsein unterging, trotzig vielleicht. » Während jeder sich vom Gegenstand löst, weil es ›modern‹ ist, stelle ich den Gegenstand dar, verdichte ihn, soweit es mir gegeben ist.« Im Gegenständlichen wollte er selbst noch die »Abstraktion, unsere Geistigkeit, unsere Zeit« erkennen. Präsent ist der Künstler jedoch, en passant, geblieben, auch wenn man ihn hier vor allem als Tierplastiker wahrnimmt. Greift man nur zwei Arbeiten an exponierter Stelle heraus – das »Trojanische Pferd« (1976–81) in der Grünanlage der Alten Pinakothek und die »Wagenlenkerin« (1984–91), die 1991 an das Schleswig-Holsteinische Landesmuseum Gottorf ging – , so stellt man fest, dass zumal die Großplastiken so unzeitgemäß wie selbstbewusst auftreten.

Man wird Wimmer nicht in allem folgen wollen, doch kann man ihm nicht vorhalten, er habe an den jeweiligen Zeitläuften nicht teilgenommen, »als ob alles in schönster Ordnung wäre, als ob es keine Fragezeichen, kein Rufzeichen gäbe; als ob ich das Eis unter den Füßen nicht krachen hörte und die Totengräber nicht bemerkte: das heitere Preisen unseres stündlichen Fortschritts ohne Perspektive auf seine Auswirkung, das Verlagern unserer Bildung von der Höhe in die Breite, die Ablösung von Qualität durch die Quantität, unsere ohnmächtig-neidische Sehnsucht nach den versunkenen Kulturen der Analphabeten; als hätte ich nicht sagen hören, dass wir kein Verhältnis mehr haben zur Natur (sondern nur mehr ein Verhältnis zu unserer Vorstellung von der Natur); dass wir im Begriff sind, außerhalb unseres Planeten Fuß zu fassen; dass wir das Leben auf der Erde auszulöschen in der Lage sind, andererseits durch Verpflanzung tierischer Zellen in den menschlichen Organismus uns unsere Jahre hektisch verlängern«. Das schrieb er in seinem Buch »Über die Bildhauerei« (1961) mit kunstphilosophischen Notizen zu seiner Arbeit.

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Hinreißend ist die Überzeugung, die man hier auch nachlesen kann: »Du seist zu wenig modern – da sei deine letzte Sorge. Eine Bildhauerwerkstatt ist kein Hutsalon.« Die Ernsthaftigkeit und der Esprit, mit denen er sich konservativ gab, ohne in den Jammerton eines »Früher war’s besser« zu verfallen, macht den Bildhauer heute wieder interessant – wenn man nicht unterschlägt, dass antike, mythische und archaische Inhalte mit Joseph Beuys, Voré und anderen mehr völlig andere, spannendere Darstellungsformen bekamen. Wimmers Bekanntenkreis – von Hans Carossa über Olaf Gulbransson bis hin zu Gerhard Marcks – weisen ihn als einen bildenden Künstler aus, der mit Leib und Seele am Werk war. Nach Ende des Dritten Reiches konnte er sich auch akademisch  wirken – als Professor an der Kunstakademie in Nürnberg. Die 1950er brachten ihn sogar bis nach Kassel (Documenta 1, 1955) und nach Venedig (Biennale 1958).

Der Stadt Passau vermachte er einen grandiosen Teil seines Werks, und sie dankte es ihm mit der Einrichtung einer ständigen Sammlung im Oberhausmuseum. Zwischen den Präsentationen über das mittelalterliche Alltagsleben, von der Religion bis zum Handwerk, sowie in sammlungsrelevanter Konkurrenz zum Passauer Porzellan kann man sich seit über 20 Jahren ein Bild von Wimmers Schaffen machen. Das Museum ist auch Initiator der groß angelegten Schau »Gestalt. Form. Figur – Hans Wimmer und die Münchner Bildhauerschule«, die im vergangenen Herbst abgewandelt und verkürzt nach Güstrow wanderte. Dort ist sie noch bis Anfang Februar zu sehen, bevor sie ans Georg-Kolbe-Museum weitergeht. Primär vermittelt die Ausstellung den selten gezeigten Werdegang der streng-statuarischen Plastik zum figurativen Seitenweg der Skulptur nach dem Weltkrieg. In Passau schöpfte man freilich aus dem Vollen – mit rund 300 Kunstwerken von Bildhauern aus vier Generationen und in drei zeitlich verzahnten Teil-Ausstellungen zu den Komplexen »Tradition – Moderne – Innovation«, »Skizze – Studie – Werk« und »Hans Wimmer – Wilhelm Uhlig: Keine Angst vor dem Gegenstand« war das 20. Jahrhundert thematisch überzeugend umkreist.

In Güstrow stehen Adolf von Hildebrandt und Wimmer – beide praktisch und theoretisch tätig – im Zentrum der Schau, die mit 80 Plastiken und mehr als 50 Zeichnungen und Aquarellen einen klugen Ausschnitt der Kunst im Umfeld der Münchner Bildhauerschule zeigt. Abgerundet wird die Ausstellung durch Arbeiten von Anton Hiller, Ludwig Kasper, Heinrich Kirchner, Fritz Wrampe und – sicher der klangvollste Name – Toni Stadler. Die »mittleren« Künstler sind mit Fritz Koenig und Wilhelm Uhlig schon gut vertreten, am überzeugendsten aber mit Michael Croissant, der von allen die konzentrierteste Form findet, daneben noch Herbert Peters. Die (nicht wirklich) »Jüngsten« sind Matthäus Bachmeyer, der am meisten Farbe ins Spiel bringt, und der bereits verstorbene Lothar Fischer.