Kataloge

Gockerell, Nina (Text) und Haberland, Walter (Fotos): Krippen im Bayerischen Nationalmuseum, Hirmer Verlag, München 2005.

Königliche Krippen im Keller des Bayerischen Nationalmuseums

In seiner klaren Reduzierung ist das Cover dieses Katalogs absolut passend: „Krippen“ steht da in großen, fetten Lettern oben links, und dann, nicht einmal halb so groß, darunter der Zusatz „im Bayerischen Nationalmuseum“. Das trifft den Nagel auf den Kopf. Denn wer Krippen kennt und liebt, für den liegt das Mekka seiner Passion im Untergeschoss des Bayerischen Nationalmuseums.

Seit Jahrzehnten pilgern hier unzählige Liebhaber, Experten der Volkskunst und nicht zuletzt Kinder staunend durch die dunklen Gänge von Schaukasten zu Schaukasten, drücken mit ihren Nasen Fettflecken auf die Glasscheiben und kommen bewundernd zu dem Schluss: Hier ist vielleicht die größte, mit Sicherheit aber die schönste Sammlung von Krippen auf der ganzen Welt zu bestaunen. Da ist es längst überfällig, dass nun mit dem neuen Katalog endlich die schmale Paperback-Übersicht aus dem Taschen-Verlag abgelöst wird, die 1998 erschienen war. War diese dreisprachig mit dünnem Textteil ausgestattet (ebenfalls von der Kustodin Dr. Nina Gockerell), so findet sich in dieser Neufassung nach einem weitaus breiterem und informativem Basisartikel zur Geschichte der Krippe im allgemeinen und der Münchner Sammlung im besonderen ein detaillierter Katalogteil. Er beschreibt nicht nur die mehr als 60 unterschiedlichen Krippen, sondern ihre zum Teil auf den ersten Blick gar nicht erkennbare Zusammensetzung aus unterschiedlichen Figuren und –Gruppen. Es versteht sich von selbst, dass auch die Basisdaten der Exponate, also ihre genaue Provenienz, die Beschaffenheit und Zusammensetzung der Materialien, die Datierung und die exakten Maße angegeben werden.

Die Fotos von Walter Haberland sind in der gewohnten Hirmer-Qualität, nur manchmal etwas scharf ausgeleuchtet. Großaufnahmen lassen die unglaubliche Detailliebe der Kleinplastiken und Kostümierung wirkungsvoll hervortreten. Hier und da hätte man sich gewünscht, die Aufbauten aus weiteren unterschiedlichen Blickwinkeln präsentiert zu bekommen.

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Denn Krippen bestehen ja nicht nur aus der Kerngruppe, welche das bekannte Weihnachtslied so trefflich knapp zusammenfasst: „Da liegt es, ihr Kinder, auf Heu und auf Stroh / Maria und Joseph betrachten es froh/ Die redlichen Hirten knien betend davor/ Hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor.“ - Krippen können sich zu Welttheatern mit Statistenmassen und großen Gesamtkunstwerken und von ungeheurer Meisterschaft auswachsen. Da müssen viele Könner Hand in Hand gehen, bis eine ganze bethlehemitische Welt oder das prächtige Jerusalem en miniature entstanden sind.

Mögen die Theologen der historisch-kritischen Schule auch ihre Einwände haben und mit Recht darauf verweisen, dass die Geburt des Erlöserkindes, wie sie bei Lukas im 2. Kapitel für eine gebildete hellenistische Welt beschrieben wurde, traditionsreichen mythologischen Pfaden folgt; mag man mit Otto Rank auf Pausanias, auf die Geburt des Asklepios oder die Kindheit des Zeus verweisen. - Gibt es etwas Schöneres, Tröstlicheres, Anrührenderes als diese weihnachtliche Historien: die vergebliche Herbergssuche, die Geburt abseits der Gesellschaft, beargwöhnt von politischen Machthabern, die strahlenden Lichtzeichen am Himmel, wenn die drückende Finsternis am längsten dauert, die Nähe zu den Tieren und Ärmsten der Armen, denen der Friede verkündet wird? Die Heimeligkeit des genügsamen Glücks, kontrastiert mit der Pracht der aufmarschierenden Könige. Exotismus und die vertraute Heimat überschaubar ins rechte Licht zu rücken und wie einen Hausaltar in die warmen Stuben zu holen, das war seit Jahrhunderten ein unerschöpfliches Bedürfnis.

Die Sammlung des Bayerischen Nationalmuseums besteht aus den Vorformen der heutigen Krippe, Altarbildern und jenen Jesuspüppchen, welche Novizinnen als Ersatzkinder und „Trösterlein“ seit der spätmittelalterlichen Mystik mitgegeben wurden, um ihnen den Abschied von weltlichen Bedürfnissen zu erleichtern. Aber auch verschiedene alpenländische Beispiele und Papierkrippen aus dem 19. Jahrhundert sind zu sehen. Sagenumwoben ist in der Geschichte der Gattung jene Weihnachtsfeier von 1223, in welcher der Heilige Franz von Assisi im Wald von Greccio bei Rieti das erste Krippenspiel mit lebenden Tieren inszenierte.

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Unerreicht und auch Höhepunkt der Münchner Sammlung sind aber ohne Zweifel die vielfigurigen Krippen des 18. Jahrhunderts aus neapolitanischem Adelsbesitz. (Ein vergleichbares Prachtstück findet sich heute höchstens noch in der „königlichen Krippe“ im Diözesanmuseumskeller von Freising). Ziemlich genau mit der Thronbesteigung Karls III. brach die aurea aetas der Krippenbaukunst an und sie dauert in der Via San Gregorio, mitten im historischen Zentrum von Neapel, bis heute an.

Nicht nur für die Volkskunde und Alltagsgeschichte, auch auf dem Feld der Kunstgeschichte betreten wir hier ein vielfältiges Terrain. Der Aufbau einer großen Krippe ist mit der Tradition der Dioramen in Beziehung zu setzen. Wie in jedem Theater braucht es Architektur- und Kulissenbauer, perspektivisch genauestens berechnete Guckkästen, Panoramamaler, Beleuchter und Requisiteure, ganz zu schweigen von den Kostümen. Ganze Landschaften und Dörfer werden da mit beweglichen Mühlenrädern und pochenden Hammerwerken aufgebaut. Insbesondere die illusionistischen (Ruinen-) Architekturen aus Kork, die durch die Ausgrabungen der Vesuv-Städte Herkulaneum und Pompeji angeregt wurden und auch von Italienreisenden als maßstabsgetreue Andenken geschätzt wurden, weil man in ihnen sozusagen Rom über die Alpen tragen konnte, sind der Kunstgeschichte erst in den letzten Jahrzehnten wieder in den Blick gekommen. Hier sei an Namen wie Antonio Chichi oder Carl May erinnert.

Die Krippenfiguren selbst können natürlich aus unterschiedlichsten Materialien gefertigt sein, aber im besten Fall sind sie von genialen Bildhauern modelliert oder geschnitzt. Vorzugsweise hat man die Köpfe, Hände und Füße aus Ton modelliert, gebrannt und gefasst, während die Körper aus umwickelten Draht gestaltet wurden. Besonders aufwendig war die Kostümierung, welche bis ins kleinste Detail jeder Gürtelschnalle und Stickerei ungemein wirklichkeitsgetreu und somit von hohem volkskundlichem Wert sind. Für die Trachten der neapolitanischen Krippenfiguren wurden nicht selten eigene Damaststoffe hergestellt, damit die Webstruktur maßstabsgetreu ausfiel. Ein ganzes Heer von Juwelieren, Töpfern und Miniaturplastikern sorgte für die charakteristischen Accessoirs. Nur die Spezialisierung im Herstellen solcher „finimenti“ („abschließender“ Beigaben) erklärt die stupende Meisterschaft in der Produktion von Instrumenten, Gefäßen, Früchtekörben, Krummdolchen und Miniaturzubehör aller Art.

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Die Geschichte der großartigen Sammlung des Bayerischen Nationalmuseums ist ohne die Zentralfigur des Münchners Max Schmederer (1854 – 1917) nicht denkbar. Zwei Umstände mussten zusammenkommen, um persönliches Unglück in eine glückliche Fügung für die Nachwelt zu verwandeln: Zum einen war Schmederer schon von Haus aus betucht. Sein Vater war ein bekannter Münchner Brauhausbesitzer. Er selbst vergrößerte innerhalb kurzer Zeit durch geschickte internationale Finanzgeschäfte als Bankier so sehr sein Vermögen, dass er sich bereits mit 43 Jahren als königlicher „Commerzienrath“ zur Ruhe setzen konnte.

Schmederer bekannte später, dass ihn schon als von asthmatischen Anfällen geplagtes Kind die Krippen getröstet hätten. Er holte sich die kleine Welt der Weihnachtsgeschichte und ihre Figuren ins Zimmer und kompensierte damit die Unmöglichkeit, in der großen Welt draußen nach Herzenslust herumzutollen. Auf seinen späteren Geschäftsreisen nach Italien fiel ihm besonders in Neapel auf, was schon Goethe auf seiner Italienreise seinem Tagebuch anvertraute: die Vielzahl und einzigartige Qualität der Palastkrippen, mit denen die aristokratischen Familien untereinander konkurrierten. Schmederer setzte Kunsthändler an und brachte auf diese Weise mit den Jahren seine herausragende Sammlung zusammen, die er zunächst gegen Eintrittskarten privat und dann in sukzessiven Schenkungen an die Heimatstadt öffentlich zeigte. Die heutige Präsentationsform in abgedunkelten schmalen Gängen und in tief in die Mauern eingelassenen Schaukästen geht nach den Bombenschäden des 2. Weltkriegs auf den damaligen Kustos Wilhelm Döderlein zurück. Sie entspricht weitgehend den theatralischen Szenerien, wie sie Schmederer selbst in eigenhändigen Entwürfen empfahl. - Ein schöner, längst überfälliger Katalog!

Bibliographische Angaben

Gockerell, Nina (Text) und Haberland, Walter (Fotos): Krippen im Bayerischen Nationalmuseum, Hirmer Verlag, München 2005. 382 Seiten mit 9 Schwarz-Weiß- und 223 Farb-Abbildungen. Broschiert, 17 x 24cm. ISBN: 3-7774-2855-8. Preis: 29,90 €