Ausstellungsbesprechungen

Gottfried Böhm – Felsen aus Beton und Glas. Museum für Angewandte Kunst, Köln, bis 26. April 2009

Die alten Herren der Republik lassen nicht locker. Ob Marcel Reich-Ranicki, Karl Otto Götz, Gottfried Böhm oder die (dagegen fast schon jungwilden) Literaten-Troika Grass, Lenz, Walser: noch nie waren die V.I.P.-Ruheständler so unruhig wie heute. Der Architekt unter ihnen, Pritzkerpreisträger Böhm, ragt dabei heraus, weil er einer Familien- bzw. Berufsdynastie entstammt (sein Vater ist der Kirchenbauer Dominikus Böhm, die Söhne sind die Architekten Stephan, Peter und Paul sowie der Maler Markus Böhm), die Lob des Herkommens und Weitergabe des Erbes mit einbezieht – das verpflichtet, und lässt den Aktionsradius des Protagonisten Gottfried Böhm umso wirkungsmächtiger erscheinen. Im Verbund mit dem Vater, seiner Frau – der Architektin Elisabeth Haggenmüller – und später mit den Söhnen kommt der berühmte Baumeister auf rund 60 Jahre aktive Arbeit.

Das gesamte Schaffen des Kölner Multitalents – es umfasst Baukunst, Bildhauerei, Bühnenarbeit und nicht zuletzt die Zeichnung und sogar das Schmuckdesign – ist Thema dieser Ausstellung. Konzipiert wurde die Schau bereits vor drei Jahren im Deutschen Architektur-Museum in Frankfurt a. M. – und ist so gegenwärtig wie die Energie des alten Herrn: Veranschaulichende Grafiken und visionäre Skizzen sind genauso präsent wie Plastiken, erstmals auch aus der Frühzeit, sowie Modelle, von denen nun gerade die Kölner Bauten im Vordergrund stehen. Über 250 Exponate wurden zusammengetragen! Die Christi-Auferstehungskirche in Melaten (1963–70) gilt als grandioses Bindeglied zwischen dem frühen und dem späten Werk, zwischen Beton- und Backsteinbau und zwischen Architektur und Skulptur. Es ist freilich insgesamt Böhms stärkste Zeit, in der die Wallfahrtskirche in Neviges (1961–73) und das Rathaus von Bensberg (1962–76) schon entwickelt und begonnen, aber noch nicht vollendet waren.

Die außergewöhnliche Bandbreite von Böhms Werk wird in exemplarischen Bauten deutlich: Neben dem Sakralbau und der öffentlichen Architektur (Rathaus, Bibliothek) brilliert er in sozialen Einrichtungen (Kindergarten, Altersheim), im Siedlungsbau – etwa in Chorweiler – oder in der Kunst im Verband, so im Mittelteil des Saarbrücker Schlosses. Ausgehend von Bauhaus-Elementen und expressiv-kristallinen Formen, entwickelt Böhm seine eigene Sprache, die meist vom Sichtbeton geprägt ist, später dann von Stahl und Glas als grundlegende Mittel für ein fast schwebendes Erscheinungsbild ergänzt wird (man denke an den Stuttgarter Züblin-Bau oder die Ulmer Bibliothek). Wenn es nach dem Alt-Bundeskanzler Kohl gegangen wäre, hätte Böhm die Kuppel des Reichstags erneuert, die bekanntlich dann doch von Norman Foster über das hohe Haus gewölbt wurde. Noch in dem 2006 fertiggestellten Hans-Otto-Theater in Potsdam hatte Gottfried Böhm seine gestalterische Hand im Spiel. Es muss kaum betont werden, dass die Modelle der Ausstellung (die nicht bereits für die Frankfurter Ausstellung von Arno Lederer und seinen Mitarbeitern hergestellt worden sind) wie auch die Fotodokumentation im Büro des Architekten unter den wachsamen Augen des Mannes entstanden, der die Architekturgeschichte wesentlich mitbestimmt hat. Der Präsentation kommt zugute, dass er auch aktiv einbezogen wurde, was die Hängung der Exponate angeht. Ein Filmporträt bereichert die Kölner Schau.

Zur Ausstellung ist im Berliner Jovis-Verlag ein Katalogbuch erschienen mit umfangreicher Bilddokumentation sowie Essays von Georg Feinhals, Ingeborg Flagge, Karl Kiem, Ulrich Krings, Wolfgang Pehnt, Manfred Speidel, Wolfgang Voigt und Gabriele Wiesemann. Der Herausgeber ist Wolfgang Voigt. Der Katalog kostet 32 Euro und ist an der Museumskasse erhältlich.
Außerdem ist für die Kölner Schau ein Ausstellungsführer erschienen, der einen knappen Überblick über das Schaffen Gottfried Böhms gewährt.

 

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Öffnungszeiten
Di-So 11-17 Uhr, jeden ersten Donnerstag im Monat bis 20 Uhr geöffnet - mit öffentlicher Führung um 18 Uhr