Ausstellungsbesprechungen

Gotthard Graubner – Radierungen

Manchmal kann es so gehen: Wir begegnen einem Kunstwerk und meinen, es sei immer schon da gewesen. Gotthard Graubner gehört wohl dazu, und es ist ja auch so, dass ein Oeuvre, das 1968 und 1977 auf der Documenta seine Maßstäbe gesetzt und 1982 Biennale-Weihen erhalten hat, das Signum »zeitlos« verdient.

Allerdings wäre es ungerecht, würde man dem Künstler damit einen Strick drehen, nur weil der Zeitgeist wandern will. Graubners Kissenbilder überzeugten immer als Ruhepolster in wirren, flatterhaften Zeiten, seine Farbraumkörper erfüllten von je alle Dimensionen.

Dabei geriet selbst die Frage, ob der Maler erst oder schon im Jahr 1930 zur Welt kam, in eine heiter-gelassene Schwingung der Gleichgültigkeit – der eine mag sich wundern, dass Graubners Kunst immer ganz gegenwärtig ist, der andere, dass dieser die Aura der klassischen Moderne anhaftet. Und dass die Rechnung beider aufgeht in diesem einen großen Werk. Was bislang eher außen vor blieb, weil die Arbeiten von Gotthard Graubner so ganz in der Malerei aufzugehen scheinen, die Grafik. Die Kunsthalle in Karlsruhe schließt hier eine Lücke, indem sie einige hundert Radierungen ans Licht bringt, die den renommierten Maler als bislang weniger beachteten Meister eines weiteren Fachs zeigen.
 
Dass im öffentlichen Bewusstsein die Malerei Graubners an erster Stelle kommt, liegt an der praktizierten Farb-Philosophie, die im grafischen Bereich freilich ohne Not die Technik des Aquarells noch erfasst – den klassischen Tiefdruck aber, und dazu gehört bekanntlich die Radierung, bringt man diese Farbzauberei weniger in Verbindung. Das ändert sich angesichts der gezeigten Arbeiten unverzüglich. Denn es dürfte kaum einen Künstler geben, der den malerischen Stil mit einer solchen Ausstrahlungskraft in die Radierung überträgt – ausgesprochen farbige Arbeiten in dieser Technik sind von Stanley William Hayter bekannt (aus der Zeit der Klassischen Moderne, zur Zeit in Stuttgart wiederzuentdecken), viele weitere könnte man dazu nehmen, doch Gotthard Graubner hebelt sozusagen die Gesetze des Tiefdrucks außer Kraft, um trotzdem über den Sonderweg der Aquatinta und eines Weichgrundverfahrens (Vernis mou) genau das zu schaffen, wenn auch in der Regel als Unikatdruck. Traditionell am Schwarzweißbild orientiert, wurde die Aquatinta gern im Bereich der topographischen Darstellung verwendet. Graubner verwandelt den Ätzgrund in leuchtende Farbarien oder auch in düstere Tiefenräume, allemal in transparent scheinende, fragile Flächenkörper. Oder wie es beim Künstler selbst als Formal zu lesen ist: »Farbe = Verdichtung zum Organismus = Malerei«, und sei es im grafischen Geviert.  

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Gotthard Graubner studierte in der damaligen DDR, die er 1954 verließ; über Düsseldorf fand er 1969 den Weg an die Hochschule für Bildende Künste Hamburg, wo er auch mit seinem Radierwerk begann. 1976 kehrte er als Professor für Freie Malerei an die Staatliche Kunstakademie Düsseldorf zurück. 1980 konzipierte er mit anderen die Sammlung Karl-Heinrich Müllers auf der Museumsinsel Hombroich bei Neuss. Dort bezog er 1996 auch ein Atelier. Seine grafischen Themen sind die Haut (wozu seine Bauch-Bilder gehören) wie auch die Papierfaser, in der Chronologie der Ausstellung gehen die Blätter von Schwarzweiß über monotypische Arbeiten hin zu neonfarbenen Leuchtkörpern.
 

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