Ausstellungsbesprechungen

Grimanesa Amorós – Ocupante, Ludwig Museum im Deutschherrenhaus Koblenz, bis 10. April 2016

Verschmelzungen und Metamorphosen – die Multimedia-Künstlerin Grimanesa Amorós inszeniert mit einer Lichtinstallation, zwei Videos und einem geheimen Zimmer die aktuelle gesellschaftliche Situation. Im Museum Ludwig in Koblenz hat Susanne Braun ihre Visionen erkundet.

Die aus Peru stammende und seit ihrer Jugend in New York lebende Multimedia-Künstlerin Grimanesa Amorós, die sich schwerpunktmäßig mit Ethnologie, Geschichte und Wissenschaftskritik beschäftigt, präsentiert grundsätzlich nicht einfach eine neue Arbeit an irgendeinem beliebigen Ort. Immer informiert sie sich genau und thematisiert sowohl die dortige Geschichte als auch die aktuelle politische Situation in dem neuen Werk. »Ich bin eine Weltreisende. Ich nehme immer ein Stück von dem mit, was ich erlebe und lasse es wieder in meine Arbeit einfließen«, beschreibt sie selbst ihre Arbeitsweise. »Ocupante« ist die erste Ausstellung von Grimanesa Amorós in Deutschland. Mit einer Lichtinstallation, zwei Videoarbeiten sowie einem geheimen Zimmer reflektiert die Künstlerin mit ausdrucksstarken Bildern die Gegenwart.

Licht ist spätestens seit der Zeit der Aufklärung das Symbol für Erkenntnis und – wie die wohl bekannteste Formulierung Immanuel Kants lautet – den »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit«. Mehr noch, seit der Erfindung des künstlichen Lichts im 19. Jahrhundert gilt es außerdem als anschauliches Sinnbild des erfolgreichen technischen Fortschritts, der nach und nach auch der breiten Bevölkerung zu mehr Wohlstand und Lebensqualität verholfen hat.

Die aus zwei Spiegeln und mehreren langen Strängen voll hell leuchtender LED-Lampen bestehende Lichtinstallation von Grimanesa Amorós im Museum Ludwig in Koblenz beinhaltet beide Aspekte. Sie beleuchtet das meist in den Fluten verborgene Verhalten des Wassers am Deutschen Eck, dem Punkt, an dem die Flüsse Mosel und Rhein ineinanderfließen. »Es gibt keinen Anfang und kein Ende – wie bei Energie und Strom - die Lichtinstallation ist vierdimensional. Was ist Zeit? Wir glauben eine Vorstellung davon zu haben, was Zeit ist, aber was ist es wirklich?«, beschreibt Grimanesa Amorós Gedanken, die ihrer Installation zu Grunde liegen. Die Verwirbelungen des Wassers werden hier als Spiralen hell erleuchtet und so für den Betrachter transparent und sichtbar gemacht. Für Grimanesa Amorós steht dieses Vermischen der beiden Gewässer auch sinnbildlich für unsere Gesellschaft, in der sich etwa durch Migration stetig unterschiedliche Einflüsse vermischen und zu etwas Neuem verschmelzen. »Die beiden Flüsse, die am Deutschen Eck zusammenfließen symbolisieren, wie Gesellschaft heute funktioniert sowohl physisch als auch emotional«, erklärt die Künstlerin, »Migration bedeutet, dass alle ihr bestes miteinbringen, so dass etwas Besseres entsteht. Die Arbeit wird auch in fünf Jahren noch diese Bedeutung haben und sie wird auch weiterhin verstanden werden können«.

Der Betrachter ist in den Spiegeln an beiden Enden der Lichtinstallation zu sehen und eignet sich so ganz offensichtlich und selbstverständlich immer selbst das Kunstwerk und die Ausstellung »Ocupante« mit an. Der spanische Begriff »ocupante« bedeutet soviel wie »etwas annehmen«, »sich einen Ort aneignen« oder auch ihn zu »besetzen«. Für Grimanesa Amorós, in Peru geboren und aufgewachsen, ist diese Herangehensweise etwas ganz selbstverständliches, denn dort leben seit vielen Generationen unterschiedlichste Ethnien zusammen, davon ein ganz besonders hoher Anteil indigener Bevölkerung. Den Alltag bewältigen sie gemeinsam am erfolgreichsten, indem sie möglichst offen auf einander zugehen und voneinander lernen. Grimanesa Amorós hat sich intensiv mit der Geschichte ihres Geburtslandes beschäftigt, ganz besonders intensiv mit den Urus, einer ethnischen Gruppe Indigener, die seit Jahrhunderten am Titicacasee zum Schutz vor Angreifern auf schwimmenden Inseln aus Schilf leben. Mit einer Arbeit über »Uru Island« war Grimanesa Amorós im Jahr 2011 nicht nur bei der Biennale in Venedig vertreten, bestimmte Elemente wie beispielsweise die blasenartigen Gebilde, die auch in Venedig zu sehen waren, haben dauerhaft als Gestaltungselemente Eingang in ihre Arbeit gefunden und lassen sich auch in der Koblenzer Ausstellung entdecken.

»Ich wollte etwas über die Geschichte von Koblenz machen. Ich habe mich sehr informiert und aus Eindrücken und Informationen eine neue Arbeit geschaffen. Es gibt immer einen guten Grund, warum ich Sachen so und nicht anders arrangiere. Dabei finde ich es immer interessant, was andere zu dem Thema zu sagen haben«, sagt Grimanesa Amorós, die Kunst und Psychologie studiert hat.

Ein weiteres gestalterisches Element, das in vielen Arbeiten von Grimanesa Amorós auftaucht, sind die hell und manchmal auch bunt leuchtenden langen LED-Stränge. Dabei interessiert die Künstlerin oft das Wechselspiel naturgegebener und von Menschen gemachter Elemente und Kräfte. Die Lichtinstallation »Soleri Bridge Scottsdale Waterfront« in Scottsdale, Arizona, beleuchtet beispielsweise Urkräfte in der von Menschen geformten Landschaft. Die Verwirbelungen, Vermischungen und Spiegelungen des Wassers in der Ausstellung »Ocupante« machen einige Metamorphosen durch, verdeutlicht mit Hilfe von Bild und Ton in den beiden Videos. Dort werden etwa zu den Klängen der Musik von Tan Dun, der unter anderem die Musik zu dem mit mehreren Oscars ausgezeichneten Film »Tiger & Dragon« komponiert hat, Verschmelzungen der Elemente Wasser und Luft beziehungsweise dem Himmel gezeigt, genauso wie Inneres und Äußeres eines Menschen als untrennbarer Teil eines komplexen Ganzen erscheinen.

Erster Berührungspunkt mit einer neuen Welt, die mehr Glück und Zufriedenheit versprechen könnte, ist eine ehemalige Zigarrenfabrik in Madrid, die Tabacalera. Heute arbeiten dort keine dem Mythos »Carmen«-ähnlichen Zigarren-Produzentinnen mehr, sondern die ehemalige Fabrik ist nach einer langen Phase des Leerstands zu einem Kulturzentrum ausgebaut worden, das Künstlern unterschiedlichster Herkunft einen Ort bietet, an dem sie gemeinsam arbeiten und sich austauschen können. Grimanesa Amorós hat den Veränderungsprozess selbst begleitet und ihre Eindrücke schon einmal im Jahr 2013 in der Lichtinstallation »La Fragua, Tabacalera« dokumentiert. Die ehemalige Fabrik wird zu einem Sehnsuchtsort, an dem jeder Mensch die Möglichkeit hat, seine besten Fähigkeiten auszuprägen und sie in die Gemeinschaft einzubringen. Ein Ort, an dem es jeder bequem hat und wo für jeden die Sterne in den schönsten Farben funkeln.