Ausstellungsbesprechungen

Hannes Kilian - Im Wechselspiel des Lichts, Galerie Schlichtenmaier Stuttgart, bis 17. März 2012

Der Fotograf Hannes Kilian ist besonders für seine Aufnahmen des zerstörten Stuttgarts und seine Serie von Ballettbildern bekannt. Gleich drei Ausstellungen widmen sich derzeit nicht nur diesen Werkkomplexen, sondern auch den weniger berühmten Teilen seines Œuvres. Günter Baumann hat eine von ihnen besucht.

Das Galerieprogramm für 2012 war schon in trockenen Tüchern, als Harry Schlichtenmaier Fotografien von Hannes Kilian auf den Tisch bekam. Obwohl der 1999 gestorbene Pressefotograf als Dokumentar des Stuttgarter Cranko-Balletts noch immer Weltgeltung genießt, passt er zwar eigentlich nicht zum Sammlungsschwerpunkt des Hauses. »Dennoch war mir klar«, so Schlichtenmaier, »den müssen wir zeigen«. Die Brüder und Mitgaleristen waren schnell überzeugt. Doch eine kleine Werkschau über den Jahreswechsel zu organisieren, entpuppte sich als Kraftakt. Dank der Mithilfe von Kilians Frau, Fotografenkollegin und Nachlassverwalterin Gundel, die zwischen Galerie und Haus der Geschichte die Fäden zusammenhielt, konnte sie schließlich doch gezeigt werden. Sie überreichte hier noch eben einen seltenen Vintage-Print für den Flyer, versuchte dort vergebens den Plakatdruck mit einem herb beschnittenen Fotomotiv zu stoppen. Zeitgleich mit der Galerie präsentiert das Haus der Geschichte Baden-Württemberg im Kunstgebäude am Schlossplatz den »ganzen« Kilian, »während wir«, so Harry Schlichtenmaier, »den Künstler in den Vordergrund stellen«. Dass auch die Berliner Fotogalerie Johanna Breede dem Fotografen eine Ausstellung widmet, unterstreicht nur dessen Bedeutung. Ganz wird man ihn ohnehin nicht wirklich packen: Eine halbe Million Negative soll es geben.

Geboren 1909 in Ludwigshafen, zog es den jungen Kilian in die Schweiz, nach Italien und Frankreich, bis er sich 1938 – ohne Arbeitserlaubnis – als freier Fotograf in Stuttgart niederließ, dessen Zerstörung er kurz vor Kriegsende und dann auch in den frühen 1950er Jahren festhielt. Diese Bilder erschüttern noch heute. Den Krieg selbst erlebte er als fotografierender Berichterstatter. Das alles mag sein rasches Auffassungsvermögen für den günstigen Augenblick geschärft haben. Dass der hochprofessionelle themenbezogene Pressefotograf, der die führenden Tages- und Wochenzeitungen sowie Bühnenpublikationen bediente, zugleich ein begnadeter Künstler war, wussten lange nur die Ballettkenner. Doch spätestens seit der Berliner Retrospektive zum 100. Geburtstag bzw. zehnten Todestag 2009 kann man über die Bandbreite des vorwiegend schwarzweißen Werks nur staunen. Farbe vermisst hier niemand, denn die Arbeiten haben – im »Wechselspiel des Lichts« – eine Strahlkraft, die ihresgleichen sucht – egal, ob es um Architektur(Guggenheim Museum, World Trade Center), Porträts (Erich Kästner, Otto Dix, Ludwig Erhard), Orte, Makro- oder Mikrostrukturen, Zeitgeschichte oder Zeitlosigkeit, Bewegung und Ruhe geht. Es gibt kaum ein Genre, in dem sich Kilian nicht souverän zu äußern wusste.

Allerdings sieht man vielen Arbeiten an, dass er früher lieber Kameramann statt Fotograf geworden wäre: Oft sind sie kaum merklich, aber mit Bedacht inszeniert, der zufällige Augenblick entpuppt sich zuweilen als – wenn auch vermeintlicher – Filmstill. Großartige Einzelbilder wie »In den Dünen von Alicante« von 1965 oder das gewitzte »Herr Ober – ein Gast!« von 1956 haben durchaus das Zeug zur Platzierung in einem fingierten Ranking der weltbesten Fotografien. Dort, wo Kilian sein Handwerk als ausdrückliche Licht-Bildnerei verstand, gelangen ihm Meisterwerke, die nahezu philosophisch an das Wesen der Fotografie rühren – so etwa schon beim »Lichtturm des Pavillon de la Marine Marchande« zur Weltausstellung in Paris 1937 oder in der kleinen Serie »Leuchtschrift des Tanzes: Lore Glocker«, die 1950 entstand – wer denkt da nicht an Picassos Lichtzeichnungen aus derselben Zeit.

Zu den Ausstellungen wird ein 2009 erstveröffentlichter Katalog aus dem Hause Hatje Cantz angeboten, der nach wie vor nichts an Aktualität eingebüßt hat. Die Textbeiträge stammen von Klaus Honnef, Peter Kümmel, Gerhard Stadelmaier und Klaus Geitel.