Ausstellungsbesprechungen

Hans Hartung, Spontanes Kalkül

Die Pforten des Leipziger Museums für bildende Künste öffnen sich für die Werke des gebürtigen Leipziger Künstlers Hans Hartung (1904-1989). In der Retrospektive werden seine fotografischen Arbeiten und vor allem seine Malerei, welche erstmals zusammen mit den dazugehörigen Zeichnungen zu sehen ist, ausgestellt.

Diese Komposition ergab letzlich auch den Anstoß zum Titel, denn seine Malerei nimmt in wohlkalkulierter Weise die Spontaneität seiner Zeichnungen auf und transformiert diese in die farbige und bisweilen auf Größe konzipierte Dimension seiner ausdrucksstarken Leinwände. Hierdurch entsteht das »spontane Kalkül«.

Der Titel ist so passend gewählt, dass er dem Besucher den Ariadnefaden an die Hand gibt und so durch die gesamte Ausstellung führt, denn wer das Werk Hartungs verstehen möchte, der muss seine Sichtweise auf Kunst begreifen. Für ihn kann »alles was keimt und wächst – Lebenskraft, Widerstand, Schmerz und Freude – […] sein Zeichen in einer weichen oder flexiblen, einer gekrümmten oder stolzen, einer strengen oder kräftigen Linie finden, oder in einem Fleck von schreiender, freundlicher oder düsterer Farbe.« (Hans Hartung, 1976)

Dieses Zitat, welches ebenso wie die Bilder in die Ausstellung mit aufgenommen wurde und gleich einem Spruchband über der Pforte den Zugang zu einem der drei Räume bildet, verweist zum einen auf seinen Kunstbegriff, zum anderen bezieht es sogleich auch seine präferierte Ausdrucksform mit ein. Die Art und Weise seines Schaffens und das damit einhergehende Kunstverständnis setzt ihn in Bezug zum psychischen Automatismus Joan Mirós und vermag das aristotelische ars imitatur naturam in der Interpretation des Philosophen Schellings wiederzugeben: 

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Dieser meint, die Kunst müsse das lebendige Prinzip der Natur – wobei Natur als natura naturans verstanden wird – nachahmen, der Künstler also halb bewusst, halb unbewusst zu Werke schreiten. So kann man über die Kunst Hartungs sagen, dass seine Bilder dem Zufall genauso viel verdanken wie seinem geschulten Instinkt für Komposition und Bildaufbau.

Die Bilder lassen die Vermutung zu, dass Hartung einige von ihnen linkshändig oder mit verbundenen Augen malte, um so seine bewusste Kontrolle des Geschehens auszuschalten (Jennifer Mundy). Der Bezug zur lebendigen Natur findet sich auch in einem anderen Zitat Hartungs, welches durch die Leipziger Ausstellung begleitet: »Kritzeln, Kratzen, auf der Leinwand agieren und schließlich Malen sind für mich menschliche Handlungen, die ebenso unmittelbar, spontan und einfach sind, wie es der Gesang, der Tanz oder das Spiel eines laufenden, stampfenden oder schnaubenden Tieres sein können« (Hans Hartung, 1976)



Obgleich Hartung zu Beginn seines künstlerischen Schaffens sich auch impressionistisch und expressionistisch versuchte, ist seine Kunst, spätestens seit 1932, gänzlich der Abstraktion verschrieben, wobei er diese als eine allgemeine Weltsprache empfindet. Diese Perspektive, kann erst durch den Bezug auf die Kunst- und Naturauffassung Hartungs seine Bestätigung finden.


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1926 hatte er die internationale Kunstausstellung in Dresden besucht, auf welcher er mit der modernen französischen Malerei in Kontakt kam. Ein Ereignis, das ihn prägen sollte: So setzt Hartung ab dieser Zeit sein Studium in Paris fort und siedelt letztlich 1935 für fast 40 Jahre in die französische Metropole um. Seinem Bezug zur französischen Moderne wird ebenfalls in der hiesigen Ausstellung Rechnung getragen, so findet parallel zur dieser eine ergänzende Schau der graphischen Arbeiten von Picasso, Matisse und Chagall statt.

Trotz seiner vielfältigen Auseinandersetzung mit der modernen Kunst meint Hartung in einer  Rückschau von 1981, dass man schon in seiner Jugend in Ansätzen fast alle seine Elemente, seine künftigen Zeichen und Rythmen, die Flecken, die Balken, Kurven und Linien, also fast schon sein gesamtes Vokabular fände. Und in der Tat finden sich dieselben Ausdrucksformen auch in seinen fotografischen Arbeiten wieder, wodurch das Ausstellen dieser Werke neben seinem malerischen Œuvre die Schau abrundet.

Hans Hartung selbst ließ lange Zeit die Frage offen, inwieweit seine Werke direkt auf der Leinwand entstünden und somit ein Ausdruck purer Emotion und Spontanität seien. Das Museum für bildende Künste in Leipzig stellt die Zeichnungen der Malerei gegenüber und entzaubert damit zwar sicherlich das Schaffen Hartungs, öffnet es jedoch zugleich für einen neues Diskurs über das Werk des Künstlers, der meinte: „Mein Geist soll sich in einer Explosion zerschmettern und das Weltall umklammern, mein Wille soll in der Tat vibrieren.“ (Hans Hartung, 1922)

 

 

 

Öffnungszeiten

Dienstag und Donnerstag bis Sonntag 10–18 Uhr

Mittwoch 12–20 Uhr

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