Ausstellungsbesprechungen

HAP Grieshaber, Figuren-Welten

HAP (Helmut Andreas Paul) Grieshaber (1909–1981), Urgestein von der Achalm, war gelernter Schriftsetzer und Graphiker – als solcher verstand er sich aber auch als Handwerker: Der formbewusste Techniker und Revolutionär des Holzschnitts verband menschliche und kreatürliche Natur sowie private Reminiszenzen (Ängste, Wünsche, Sehnsüchte) mit allegorischer Beispielhaftigkeit (Liebe, Tod).

Intensive Farben begegnen sich in einer expressiven Formensprache und einer sprühenden Phantasie (»Verachtet alle Mätzchen, den eleganten Bluff, aber achtet den göttlichen Zufall und lernt ihn meistern«).

 

Kaum eine Ausstellung zur deutschen Nachkriegskunst verzichtet auf die grafischen Blätter HAP Grieshabers. Allein Karlsruhe tat sich bisher schwer mit ihm – so hat man zumindest den Eindruck. Nun hat sich die Städtische Galerie ein Herz gefasst und als späte Liebeserklärung eine hinreißende Überblicksausstellung über das Werk dieses bedeutenden Künstlers erarbeitet. Fast zwingend verbindet man mit Grieshaber in erster Linie die Achalm, wo lange Zeit sein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt war und wo er begraben liegt; vertraut scheint dem Kenner der Hochdruckgrafik auch Reutlingen als zweite Grieshaberstadt, in der Grieshaber schon seine Kindheit und etliche weitere Jahre verbrachte. Weniger bekannt ist, dass HAP Grieshaber 1955 als Nachfolger Erich Heckels an die Karlsruher Akademie berufen wurde. Dort hatte er die mühsame Aufgabe – wie in Stuttgart Willi Baumeister –, die Kreativität aus den Nachkriegsstudenten zu kitzeln. Grieshaber tat dies mit Charme, pädagogischem Eros und einer seltenen Kenntnis der europäischen Kunst (so pilgerte er mit seinen Studenten zur Documenta, weihte sie in die Kunstströmungen Frankreichs ein, empfahl Bernard Buffet und andere vorbildhafte Künstler).

 

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Der streitbare Grafiker (der sich stets als Maler sah) war jedoch den konservativen Kollegen und der Obrigkeit zu unberechenbar, zu liberal und zu kritisch. Als dann zwei seiner Studentinnen durch die Prüfung rasselten, weil sie den Weg in die Abstraktion vorführten, kündigte er und kehrte Karlsruhe 1960 den Rücken – voran gegangen waren kleingeistige Kampagnen gegen den Meister. Dieses schnöde Kapitel im Umgang der badischen Metropole mit zeitgenössischer Kunst wird in der aktuellen Schau nicht etwa verschämt übergangen, im Gegenteil: Es ist die Wunde, in die die Ausstellungsmacher ihre Finger legen. Das Schwergewicht der gezeigten Arbeiten liegt in den 50er-Jahren (ohne den Blick auf das frühe Werk und ein paar Seitenblicke auf das Spätwerk zu versperren); und der exzellente Katalog folgt diesem halben Jahrzehnt nüchtern und ohne Vorbehalt.

 

Etwas gewagt unterstrich der Karlsruher Oberbürgermeister Heinz Fenrich anlässlich der Präsentation das Ziel, »die besten Arbeiten aus dem Werk HAP Grieshabers zu zeigen«. Doch da würde man dem grandiosen Oeuvre des rastlos tätigen Holzschneiders nicht gerecht. Die Schwerpunktbildung erleichtert ja gerade hier die Auswahl, und der Mut zur Lücke lässt auch Raum für eher biographisch als künstlerisch Relevantes (etwa das Porträt der Adoptivtochter Nani, das die Formklischees der 50er-Jahre wunderbar bedient, aber in der persönlichen Befangenheit weit hinter den ins Typische abstrahierten Arbeiten zurückbleibt); zudem ist die Schau auch ein Podium für die in der Kunstgeschichte nahezu singulären Malerbriefe, in denen die Schrift und das Bild eine Einheit bilden; und schließlich berücksichtigt die Ausstellung auch Werkbeispiele seiner Schüler– in der Vielfalt ihrer Interessen, Techniken und Motive zeigt sich der wahre Pädagoge –: Horst Antes, Hans Baschang, Hans Martin Erhardt, Dieter Krieg, Lothar Quinte, Josua Reichert, Heinz Schanz und Elke Schanz-Winnewisser, Walter Stöhrer.

 

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Freilich kann man Grieshaber nicht allein regional verorten, kommt doch weder der abstrakte noch der figurative Hochdruck nach 1945 (Ausnahmen wären etwa im Umfeld von Bissier für die Abstraktion oder in der Rössing-Schule für die Figuration zu suchen) ohne Grieshaber aus – man denke an Reichert und Heinz Kreutz auf der einen, Carl-Heinz Kliemann, Klaus Herzer und selbst noch Joseph Beuys auf der anderen Seite, von den Neuwilden nach den 80er-Jahren (Baselitz, Immendorf, Penck) ganz zu schweigen. Und was Grieshaber von den meisten noch unterscheidet: Er sah sich nicht nur als engagierten Künstler, sondern als homo politicus durch und durch. Er mischte sich ein, er ging seinen Weg – wenn es sein musste – mit erhobener Faust; nicht ohne Grund wurde er dafür in der alten Bundesrepublik und in der DDR, wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung, gefürchtet, geschätzt, gelobt und getadelt (auch darauf, auf die Rezeption in Ostdeutschland, geht der Katalog ausführlich ein).

 

Platte Polemik war ihm fremd. Die dargestellte Figur trat meist in einem mythologischen, religiösen oder allgemein symbolischen Bezug auf. Pan und der verlorene Sohn sind immer wiederkehrende Chiffren des modernen Menschen; der »Coiffeur« und »Frau Welt« sind Zeichen derselben Welt – voller Pathos vorgetragen, eingehüllt in glühende oder auch finsterste Farben. Zu vielen Themen entstanden gleich ganze Serien, so die »Baby«-Reihe nach der Geburt des Sohnes oder die volltönenden Herbst-Bilder – nicht zuletzt der »Totentanz von Basel«, der schon auf die späteren Jahre vorausweist. Die Karlsruher Schau bringt hier einen der ganz großen Künstler und seine Figuren-Welten in wohltuender Klarheit erneut ins Bewustsein.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

 

Mittwoch 10–20 Uhr

Dienstag–Sonntag 10–18 Uhr

 

Eintritt/Führungen

 

Eintrittsgebühr 4,-- / 3,-- EURO

Familienkarte (Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren) 11,-- EURO

 

Ermäßigungen für Führungen