Ausstellungsbesprechungen

Henri Le Sidaner - Ein magischer Impressionist

Auf der einen Seite können wir uns die Impressionisten vom Format eines Manet oder Monet vorstellen, auf der anderen Seite stehen die Symbolisten wie Fernand Khnopff. Dazwischen müssen wir Henri Le Sidaner ein Plätzchen einräumen – das allerdings scheint ein schattiger Ort zu sein, denn dessen Name ist heute kaum mehr präsent.

Dabei ist selbst die lichtvollere Umgebung nicht klar überschaubar: Freilich, voll beschienen sind die Impressionisten, keineswegs aber die schon »von Berufswegen« eher im zwielichtigen Gefilde agierenden Symbolisten. Die Nabis sind da vielleicht ein Sonderfall, wenn auch in den vergangenen Jahren viel für die öffentliche Präsenz dieser Gruppe getan wurde. Khnopff dagegen, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, ist nach einigen Ausstellungen erst auf dem Weg ins Rampenlicht, dem Ziel aber schon recht nah. Le Sidaner ist hier noch am Anfang. Dieser Start ins Rampenlicht ist nun aber mit Nachdruck in Chemnitz inszeniert worden: Der Titel ist Programm: Die Ausstellungsmacher platzieren den 1862 auf Mauritius geborenen Maler tatsächlich in der Übergangszone als magischen Impressionisten. Fasziniert kann der Betrachter die leuchtenden und die schummrig-schillernden Elemente beider Seelen in der Brust dieses außergewöhnlichen Künstlers entdecken: halb Symbolist, halb Impressionist. Chemnitz fühlte sich zu dieser lobenswerten Tat – selbstbewusst spricht man dort von einer Premiere – berufen, weil das dortige Museumsgebäude 2009 seinen 100. Geburtstag feiert und die Wurzeln somit in die Zeit des Magiers unter den Impressionisten führen.

Henri Le Sidaner ist weniger ein zwischen heller Lichtmagie und magischer Poesie hin und her gerissener Phantast, als ein überraschend konzentrierter, auf ein stimmiges Bild bedachter und stimmungssicherer Dramaturg seiner Kunstwelt. So sind es auch weniger die impressionistischen Gartendarstellungen, mit denen der Franzose punktet, vielmehr fällt die verhalten-introvertierte Ruhe auf, die seine Arbeiten ausstrahlen. Mit 50 Gemälden und 20 Zeichnungen wird diese ganze Bandbreite des vielschichtigen Künstlers hier zutage gefördert. Die Schau hinterlässt mit Bedacht das subtile Bild eines – einst sogar gefeierten – Melancholikers mit einem »überaus feinen Gespür für ruhige, sanfte und delikate Stimmungen. Er eliminierte nach und nach jede menschliche Figur, so als ob er befürchte, sie könnten die unfassbare Stille stören«, so befand der Pointillist Paul Signac im Jahr 1902. Marcel Proust ließ sich von dem Maler inspirieren und machte seine Kunst zum Gesprächsthema in seinem Jahrhundertzyklus »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«. Nachdem Le Sidaner 1939 gestorben war, geriet er allerdings in Vergessenheit. Sein Comeback in den 1950er-Jahren fand in Frankreich und Belgien statt, Deutschland nahm weiterhin keine Notiz von ihm – bis nun Chemnitz, wo wenigstens in ein paar vergangenen Gruppen- bzw. Themenausstellungen der eine oder andere Sidaner zu sehen war, diese empfindliche Lücke schloss.

Der einmalige, da erste deutschsprachige Katalog zu Le Sidaner versammelt nach einem einführenden Beitrag Karin Sagners, der Kuratorin der Ausstellung, Texte zu den impressionistischen und symbolistischen Einflüssen im Werk. Abgerundet wird er durch eine ausführliche Biografie, geschrieben von dem Urenkel des Künstlers, Yann Farinaux-Le Sidaner. Wann immer man den Weg nach Chemnitz findet, dem sei dringend auch ein Besuch der umfangreichen Sammlung von Werken Karl Schmidt-Rottluffs empfohlen. Der Maler wurde 1884 in einem Chemnitzer Vorort geboren und so mit der Stadt unmittelbar verbunden, auch wenn ihn seine Wege woandershin führten – geblieben sind etliche seiner schönsten Arbeiten.

Diese Seite teilen