Ausstellungsbesprechungen

Hildegard Meiser: Arbeiten in Öl.

Bis zum 30. Juni 2008 präsentiert das Martin-Niemöller-Haus in Frankenholz die Arbeiten in Öl Hildegard Meisers, die den Betrachter zu den bisweilen rauen, zerklüfteten und urtümlich anmutenden schottischen und norwegischen Landschaften oder auch in farbdurchglühte, mediterrane Gefilde führen.

Dabei sind bisweilen noch Bruchstücke der realen Welt erkennbar, die sich aber zusehends verflüchtigen und zu inneren Landschaften verwandeln, die in ihrer surreal anmutenden Form- und Farbsprache den Betrachter magisch anziehen.

Für die Künstlerin ist nicht selten »eine Farbe, ein unverhoffter Farbklang, eine Linie, ein Gegenstand« in einer unbekannten Landschaft oder auch einer vertrauten Umgebung Auslöser für ihre künstlerische Transformation. Dieser wertvolle Augenblick, so die Künstlerin, »lässt sich nicht steuern oder herbeiführen, [er] ereignet sich.« Und der Betrachter? Er kann in ein zirkulierendes Blau, ein vibrierendes Orange oder ein schillerndes Gelbgrün eintauchen und die Welt mit neuen Augen kennen lernen.

In der unbetitelten Arbeit aus dem Jahr 2005 begegnet dem Ausstellungsbesucher ein vertikal verlaufendes, in filigraner Manier modelliertes weißes Lineament, das das Bild mäanderartig in zwei Farbfelder unterteilt. Während die linke Partie von einem sanften, gleichmäßigen Blau geprägt ist, artikuliert sich auf der rechten Hälfte ein mit dem Pinsel inszeniertes, vitales, blau-grau-violettes Form- und Farbspiel. Mit Verve bringt Hildegard Meiser in diesem Teil diagonale – von links unten nach rechts oben verlaufende – Pinselstriche auf das Papier. Somit trennt die weiße Linie, die mit Hilfe von Schattierungen über dem Papier zu schweben scheint, im Zentrum nicht nur die hell erstrahlende, reine Farbe von dem dunklen, durch Mischung hervorgegangenen, matten Kolorit ab, sondern sie fungiert zugleich als Grenze zwischen Ruhepol und impulsivem Kraftfeld.

Indem die Arbeit keinen Titel erhalten hat, es zudem abstrakt, d.h. ungegenständlich gestaltet ist, wird der Betrachter herausgefordert, das Werk auf emotionaler Ebene zu betrachten – mit den Augen zu erfühlen. Und Empfindungen spielen für die Künstlerin, gerade was den Entstehungsprozess anbelangt, eine tragende Rolle. Sie selbst formuliert dies mit den Worten: »Die Arbeit am Bild ist ein Prozess, der wenig mit denken zu tun hat, eher mit empfinden. Immer steht das innere Ereignis vor mir – von einem inneren Bild zu sprechen trifft die Sache nicht – und ich versuche, die Farbe auf dem Papier mit diesem inneren Zustand in Einklang zu bringen, diesem Zustand Form zu geben.«

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In der Arbeit »Walnußwald in Osigo« avanciert die vitale, leuchtende Farbe des Orange, die gut neun Zehntel der gesamten Bildfläche einnimmt, zum Stimmungsträger. Ein schmales, blaues Himmelsband, das sich am oberen Bildrand entlang schlängelt, bildet zum Orange einen Kontrast, vermag aber nicht als wirklicher Antipode in Erscheinung zu treten. Auch wenn der Titel auf Bäume verweist, so hat Hildegard Meiser den Fokus keineswegs auf eine detaillierte Ausgestaltung, etwa von Blattwerk, Ästen oder Stämmen gelegt, sondern sie schien sich vielmehr von der flirrenden, intensiven Farbigkeit, von der sanft ondulierenden Bewegung und dem nuancierten Schattenspiel der Bäume inspirieren zu lassen. Eine Leichtigkeit der Formen, die Assoziationen an Watte oder das Spiel der Wolken entstehen lassen sowie die behutsame Farbkomposition, machen diese Arbeit zu einem zentralen Werk dieser Ausstellung.

In anderer Manier ist dagegen das Werk »La petite vallée« – das kleine Tal – gestaltet, das in seiner surrealen, expressiven Farbgestaltung die vorherigen Arbeiten zwar noch zu übertreffen vermag, das aber gleichzeitig durch die vier schlanken Baumsilhouetten einen realen Impetus erhält. Unser Blick wird über das gelbgrün schillernde Tal hinweg in die Bildtiefe geführt, wo es zunächst an den Kuppen sanft fließender Hügel verharrt und schließlich in die Endlosigkeit des Horizonts entlassen wird.

Während in der Arbeit »Walnußwald in Origo« eine uneingeschränkte Positivität durch den harmonisch warmen Farbklang evoziert wird, transportiert »La petite vallée« ein Gefühl von Einsamkeit, Isolation und Vergänglichkeit. Die dunklen, dünnen Baumstämme, deren blattlose Äste in Auflösung begriffen sind und sich hilflos dem Himmel zuwenden, das partiell giftig schimmernde Gelbgrün der Landschaft und der durch Wolkenschlieren verdüsterte Horizont in der Ferne unterstreichen die bedrückende Stimmung. Ein Hoffnungsfunken kündet sich jedoch am Horizont über den Hügeln an: Eine Lichtquelle, die sich zaghaft über die Hügelkette kämpft, vermag den melancholischen Ausdruck des Bildes ein wenig zu mildern.

Kraftvoll, experimentierfreudig und doch auf sehr einfühlsame, bisweilen meditative Weise entwirft Hildegard Meiser mit ihren Arbeiten in Öl Seelenlandschaften, in die der Betrachter sich mit den Augen verlieren kann.

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Es sind sowohl »gefärbte Gefühle«, die sich in den Werken artikulieren als auch »fühlende Farben«, mit denen es der Künstlerin gelingt, den Betrachter anzusprechen, ihn in die Bilder hineinzulocken, damit er nicht hilflos auf der Oberfläche verharren muss, sondern sich in der Flut der Farben und Formen ergehen kann. Das Martin-Niemöller-Haus weiß mit dieser Ausstellung sowohl durch eine wohl strukturierte Positionierung, eine ausbalancierte Werkwahl als auch – und dies bildet natürlich das Herzstück der Präsentation – die hervorragenden Arbeiten Hildegard Meisers zu überzeugen! Fazit: Ein Genuss auf absolut hohem Level!

 

Weitere Informationen

 

Besichtigung nach telefonischer Vereinbarung
Frau Engelmann-Nünninghoff: 06826-6682
Frau Gebhard: 06826-7821
Frau Meiser: 06821-21959