Ausstellungsbesprechungen

IM ANGESICHT, Aktuelle Porträtfotografie

Mit der Ausstellung »IM ANGESICHT — Aktuelle Porträtfotografie« präsentiert die Städtische Galerie Neunkirchen bis zum 6. Mai 2007 sechs künstlerische Positionen aktueller Porträtfotografie. Zentrum der rund 60 Arbeiten bilden die Isolierung der porträtierten Person, die Neutralität der Darstellung und des Ausdrucks, die Konzentration auf das »en face« aufgenommen Gesicht, große Formate sowie die »technische Perfektion und größtmögliche Detailgenauigkeit, die um die exakte Abbildung sichtbarer Wirklichkeit bemüht ist.«

So etwa porträtiert der 1971 in Potsdam geborene Göran Gnaudschun in einfühlsamen Großbildnissen Jugendliche in der Pubertät. Mit aufmerksamen, trotzigen und zugleich scheuen Gesichtern blicken die Halbwüchsigen uns an und fordern den Betrachter mit ihrem intensiven Blick auf, genau hinzusehen. Durch die großen Formate, die Intensität der Farben und die Konzentration auf das angespannte Gesicht wird der Betrachter unweigerlich in das Bild hineingezogen. Indem Gnaudschun den Moment festhält, in welchem die Anspannung beim Warten auf das Auslösen der Kamera am größten war, ist den Gesichtern eine faszinierende Unschuld eingeschrieben. Was der Fotokünstler in seinen Arbeiten wiedergeben möchte, ist der seltene, »sehr fragile Zustand, während dem Menschen sich scheinbar selbst gefunden haben. Für einen kurzen Moment scheint es möglich, dass das Innere und das Äußere eine Einheit bilden.«

 

Einem anderen Sujet innerhalb der Porträtfotografie hat sich die 1969 in Singen/Hohentwiel geborene Eva Häberle gewidmet. In ihren Arbeiten begegnen uns deutsche Rentner, die sich in ihrem Alterssitz auf Teneriffa selbstbewusst als Junggebliebene darstellen. Im Auftreten dieser Menschen artikuliert sich allerdings ein Antagonismus zu der südländischen Landschaft Teneriffas, in der sie wie Fremdkörper anmuten. So etwa präsentiert sich die in leuchtend rotem Kleid und weißer Schirmmütze bekleidete Rentnerin, mit sorgfältig rot lackierten Finger- und Fußnägeln in einer überaus stolzen Pose, wobei ihr Habitus in starkem Kontrast zu der sich hinter ihr erstreckenden Meeresszenerie steht. Die Rentner kosten eben das Mitspracherecht, das ihnen Eva Häberle zum Teil einräumt, aus und inszenieren sich selbst.

 

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Der 1971 in Karlsruhe geborene Ivan Baschang näherte sich seinen Objekten — im Gegensatz zu Häberle — auf wesentlich leiseren Sohlen an, indem er — unbemerkt von den Fotografierten — anonyme Gesichter der Großstadt aufgenommen hat, die sich für einen flüchtigen Moment in den Fensterscheiben der Pariser Metro spiegeln. Seine Kamera sucht intime, ephemere Momente einzufangen, wobei das Medium des spiegelnden Fensterglases einen bizarren, bisweilen unwirklichen Eindruck vermittelt. Baschang gelingt mit seinen Arbeiten, die Flüchtigkeit eines Augenblicks, eine minimale Geste in die Dauerhaftigkeit einer Fotografie zu überführen, wobei eine ganz besondere Ästhetik evoziert wird.

 

Während Häberle und Baschang sich den öffentlichen Raum für ihre fotografischen Arbeiten zu Nutzen machen, sind die Arbeiten von Monika Czosnowska und Oliver Sieber in einer neutralen Studiosituation entstanden, in der jeglicher soziale Kontext negiert wird, wobei die Sprache ihrer Arbeiten nicht mindert intensiv oder aussagekräftig ist.

 

Mit seiner »Boy meets Girl« überschriebenen Serie beschäftigt sich der 1966 in Düsseldorf geborene Oliver Sieber mit alternativen »Gender«-Identitäten. Dabei traten transsexuellen Menschen, die sich ihrem biologischen Geschlecht nicht zugehörig fühlen, so genannte Dragkings, vor die Kamera. Im klassischen Brustbild näherte sich der Fotokünstler ganz behutsam an, so dass wunderschöne Aufnahmen entstanden sind, die von der Übereinstimmung des Fotograf und der Fotografierten zeugen. Sieber selbst sagt, dass er »diesen standardisierten fotografischen Blick« mag, denn dieser „lässt zu, sich voll auf die abgebildete Person einzulassen — wenn man möchte. Er konfrontiert aber auch die Fotografierten mit sich selbst. «

 

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Die Arbeiten der 1977 in Settin (Polen) geborene Fotografin Monika Czosnowska sind innerhalb dieses Ausstellungsprojektes »am stärksten von der kompositorischen Regie der Person hinter der Kamera geprägt; ihre Arbeit ist in einem Grenzbereich zwischen dokumentarischer Fotografie und Überhöhung durch Inszenierung angesiedelt.« [Rudolf Scheutle, S. 5]. Czosnowskas Bildzyklus »Novizen« zeigt uns junge Frauen und Männer, die sich für ein weltabgewandtes Leben entschieden haben und im Begriff sind, in ein Kloster einzutreten. Die jungen Menschen wirken entrückt und ihre kontemplative Haltung ruft im Betrachter Achtung und Ehrfurcht hervor. Dabei entstehen Assoziationen zu Gemälden der Renaissance, mit denen sich die Fotokünstlerin, nach eigener Aussage, auch über einen längeren Zeitraum beschäftigt hat. Insgesamt fasziniert an den Arbeiten — auch nach mehrmaliger Betrachtung — immer wieder die Spannung zwischen dem einfachen Habitus und den von Glauben und Kraft erfüllten jugendlichen Gesichtern und Augen, die jedoch meist in weite Ferne schweifen und die Kamera zu vergessen scheinen.

 

Und schließlich begegnen dem Ausstellungsbesucher die Serie »My mother« des 1969 in Neuss geborenen Enno Kapitza, der seine von Krebserkrankung gezeichnete Mutter drei Monate lang fotografisch begleitet und die körperliche und psychische Veränderung in den verschiedenen Stadien der Krankheit festgehalten hat. Nach anfänglichen Bedenken Kapitzas, fragte er seine Mutter, ob sie bei diesem Projekt mitmachen würde. Sie hat sich darüber gefreut und so fanden Mutter und Sohn im Prozess des Fotografierens »einen Weg des Miteinanders, abseits von peinlichen Beteuerungen des Mitgefühls und der Betroffenheit.« [Enno Kapitza] Die entstandenen Arbeiten dokumentieren den gemeinsamen, partiell wohl sehr steinigen Weg von Fotograf und Fotografierter und verdeutlichen am Ende den Sieg über die Krankheit.

 

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Insgesamt fragen die Fotografien — auf ganz unterschiedliche Weise — nach dem Verhältnis von Person und Abbild, nach der Identität des Porträtierten und dessen Rolle, lassen die Frage jedoch im Raum stehen und folgen dem Leitsatz, den Gottfried Boehm in seiner Untersuchung »Bildnis und Individuum« mit folgenden Worten beschreibt: »Die Deutungsvielfalt eines dargestellten Individuums erscheint unerschöpflich. Nur wenn es sich auf einen bestimmten Inhalt nicht festhalten lässt, bewahrt es seine persönliche Autonomie.«

 

Der Städtischen Galerie Neunkirchen ist mit »IM ANGESICHT« ein wunderbarer Griff in die Schatzkiste der aktuellen Porträtfotografie gelungen! Überzeugend sind zum einen die Informationstafeln, die dem Besucher einen roten Faden und somit eine Orientierungshilfe geben, die atmosphärisch äußerst ansprechenden Räumlichkeiten, die den markanten Charakter der Fotografien unterstützten und zum anderen natürlich eine klar strukturierte Präsentation von hochwertigen fotografischen Arbeiten. Kurzum: eine Ausstellung, die man einfach gesehen haben muss!

 

 

 

Öffnungszeiten

Di, Mi, Fr 10-12.30 Uhr und 14-17 Uhr

Do 10-18 Uhr

Sa 14-17 Uhr

So und Feiertag 14-18 Uhr

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