Kataloge

Initiative Kunst an d. Plakatwand (Hg) - „Freiraum“ – Kunst an der Plakatwand, INFO Verlag, 13. Juni 2005

Vorstellung eines Katalogs: „Freiraum“ – Kunst an der Plakatwand

Der Titel das Katalogs – „Freiraum“ – macht neugierig. Er passt zu einer Kunst, die sich in einer weiträumigen Anlage im Freien präsentiert und nicht im Schutz bestimmter, für sie geschaffener Räume ausgestellt, sondern Wind, Sonne, Regen und Schnee, aber auch möglichen anderen Beschädigungen ausgesetzt wird. Gleichzeitig bedeutet er natürlich mehr. Im einleitenden Beitrag von Michael Hübl erhält man noch weitere Erklärungen. Die 19 Künstler sind mit einander nur lose – durch ihre Arbeit an der Plakatwand – verbunden. Sie können ihre Werke völlig frei schaffen. Außer dem vorgegebenen, ungewohnt großen Format  (3,60 m Breite x 2,60 m Höhe) existieren weder ästhetischen Vorgaben noch ein inhaltliches  Programm. Sogar die zeitliche Begrenzung der Ausstellung gewährt den Künstlern von „Kunst an der Plakatwand“ im Vergleich zu solchen, die Aufträge für „Kunst im öffentlichen Raum“ übernehmen, eine besondere Freiheit. Die nur für kurze Dauer präsentierten Werke bedürfen keiner Rechtfertigung vor einem Auftraggeber oder der Öffentlichkeit.

Der Text „Kunst tritt gegen Werbung an“, ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1988, der in den Badischen Neuesten Nachrichten erschien, dokumentiert den Beginn dieser unkonventionellen Form, Kunst vorzustellen. In jenem Jahr hatte die Künstlerin Angela Junk-Eichhorn die Idee, die „verbrauchsstimulierend-zweckorientierte, psychologisch kalkulierte“ Werbung (wie Kirsten Claudia Voigt in jenem Artikel schrieb) mit einem Kunstwerk im Format des Reklameplakates in Konkurrenz treten zu lassen. Sie erwarb für drei Jahre eine der beiden Plakatwände vor ihrem Haus. Im regelmäßigen Wechsel von 6 Monaten sollten dort Karlsruher Künstler ihre Vorstellung von Kunst an der Plakatwand entwickeln. Den Anfang machte Eva Schaeuble.

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Auf den sich anschließenden Seiten des Katalogs wird an einigen Beispielen das eindrucksvolle, häufig zum Dialog herausfordernde, belustigende oder kritische Nebeneinander von Kunst und Werbung dokumentiert. Wenn ganz zufällig ein scherenschnittartig gemalter Dinosaurier in Begleitung von fröhlichen Zwergen dem Gerippe eines Dinosauriers begegnet, der ohne Fürstenberg-Bier nicht leben konnte, so wirkt das auf Anwohner und Passanten wohl recht erheiternd. Die ursprüngliche Aussage des Werbeplakats aber ist verpufft. „Gutbezahlte Bilderwelten, die durch den Magen gehen“ – ein kritischer, trotzdem heiterer Beitrag von Angela Junk-Eichhorn über die Auswirkungen der Dauerberieselung durch Werbung schließt diesen einleitenden Teil ab.

„Bald wurde allen Beteiligten klar, dass man ein Medium entwickelt hatte, das sich von seinem Ursprungsort emanzipieren und auf Wanderschaft gehen konnte,“ konstatiert Karl Vollmer, einer der beteiligten Künstler. Der Katalog zeigt im Folgenden die Präsentation von Plakatwänden, die in mehreren Jahren entstanden. Auf ganz unterschiedlichen Ausstellungsflächen im In- und Ausland, in insgesamt 16 Städten, an verkehrsreichen Straßen, in idyllischen Parks, an Stadtmauern, in Zitadellen, in der Frühlingssonne und im Schnee erzielen sie immer wieder andere Wirkungen. Für manche Ausstellungsreisen entstanden eigene Bildserien, z. B. mit den Themen: „Heinrich Heine“ oder „Präludien“. Zu einigen Präsentationen werden im Katalog die Eröffnungsreden oder Anmerkungen  deutscher, französischer und englischer Kunsthistoriker wiedergegeben.

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Unter dem Titel „How to do, hau den Lukas!“ berichtet Walter Jung, einer der ersten Künstler an der Plakatwand, über den mühsamen Aufbau der Kunstwerke – also über die handwerkliche Arbeit im Vorfeld einer Ausstellung. Für den Transport der einzelnen Platten, Gestelle und Materialien zum Aufbau benötigt man einen 6 bis 7,5-Tonner-LKW mit Hebebühne. Die logistische Vorarbeit muss auch die Bodenbeschaffenheit des vorgesehenen Ausstellungsortes berücksichtigen. Die Hängung an unterschiedlichen Mauern erfordert von Fall zu Fall andere Lösungen. Nur mit Hilfe mehrerer Handwerker kann die Aufgabe bewältigt werden.

Im letzten großen Teil dieses informativen Katalogs werden die Künstler einzeln vorgestellt oder stellen sich selbst vor. Je ein Foto und einige repräsentative Abbildungen ihrer Arbeiten vervollständigen die Porträts.

Die Herausgeberinnen dieses Katalogs, Angela Junk-Eichhorn und Sibylle Schaeuble, haben ein sehr aufschlussreiches Werk über die „Stationen der Karlsruher Initiative“ vorgelegt, das nicht die derzeitige Ausstellung dokumentiert, sondern den Weg dorthin. Die guten farbigen Abbildungen einzelner Werke, die begleitenden Kommentare und die teils ernsten, teils heiteren Zitate mancher Künstler stellen Sinnzusammenhänge her, die dem Betrachter den Zugang zu den Plakattafeln erleichtern sollen. Die Herausgeberinnen vertreten mit diesem Werk den Anspruch der beteiligten Künstler, mit ihrer Kunst und deren Aussagen einen Beitrag zur Bewältigung unserer verwirrenden Gegenwart zu leisten. Trotzdem kommt dieser Katalog leicht und heiter daher. Er ist – wie die Plakatwände – nicht „für die Ewigkeit“ gemacht.

Dieses Porträt entstand im Rahmen der von Dr. Kirsten Claudia Voigt geleiteten Übung „Künstler im Porträt, eine Schreibwerkstatt“ des SS 2005 am Institut für Kunstgeschichte der Universität Karlsruhe.

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